Ein schwerer Schatten liegt über unserem geliebten Land. Die Regierung handelt auf unterschiedliche – manche würden sagen illegale – Weise, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Aus den Reihen der Familien der Geiseln, der Gefallenen und aus dem ganzen Volk ertönt der Ruf nach einer staatlichen Untersuchungskommission. Eine Kommission, die alles untersuchen soll, was an diesem verfluchten Tag, dem 7. Oktober 2023, und davor geschehen ist. Doch die Regierung und ihr Vorsitzender lehnen dies mit verschiedenen Ausreden ab. Alle Verantwortlichen im Militär und bei den Geheimdiensten haben bereits die Verantwortung übernommen und angekündigt, ihre Ämter unmittelbar nach Ende der Kämpfe zu räumen. Aber der Regierung reicht das nicht, und so werden sie – einer nach dem anderen – geopfert. Der erste Entlassene war der Verteidigungsminister des Staates Israel, Yoav Galant. Mitten im Krieg!
Parallel dazu begannen vor einigen Wochen alle Protestbewegungen, unter dem Motto „Bereitet euch auf den Tag X vor“ zu mobilisieren. An diesem Tag wollte man nach Jerusalem ziehen, um zu demonstrieren. Ursprünglich wurde der 24. März dafür ausgewählt, doch als Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seine Absicht verkündete, den amtierenden Schin-Bet-Chef Ronen Bar und später die Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara zu entlassen, wurde das Datum sofort auf den 19. März vorgezogen. So fanden sich gestern 100.000 Bürger auf dem Weg nach Jerusalem wieder. Alle Protestbewegungen und die Familien der Geiseln vereinten sich zu einer gemeinsamen Aktion.

Die Protestführer verbrachten die Nacht in der Nähe der Stadt, standen morgens auf und begannen den Marsch zur Heiligen Stadt, begleitet von Tausenden Bürgern. Tausende weitere warteten bereits am Stadteingang, um sich dem Marsch Richtung Knesset anzuschließen.
Ich selbst ging direkt zum Knesset-Gelände, und der Anblick war überwältigend. Ich gebe zu, dass ich gerührt war. Eines der schlimmsten Gefühle ist es, sich allein zu fühlen und zu denken, nur man selbst hätte Angst vor dem, was passiert. Menschenmassen, ausgestattet mit blau-weißen Israel- und Geiselfahnen, strömten von überall herbei. Einige kamen mit dem Zug, andere mit privaten Fahrzeugen oder organisierten Bussen. Die Protestführer planten, zunächst vor der Knesset zu demonstrieren und anschließend gemeinsam zur Azza-Straße zu marschieren, wo sich sowohl das Privathaus des Ministerpräsidenten als auch die derzeit im Umbau befindliche offizielle Residenz befinden – beide wurden zu Symbolen der Macht. Ironischerweise heißt diese Straße Gaza.
Zur gleichen Zeit saß die „Wache 101“ am Französischen Platz am Ende der Azza-Straße. Einige Worte zu dieser Gruppe: Die „Wache 101“ wurde von Frauen aus Familien der Geiseln gegründet, die um das Schicksal ihrer Liebsten fürchten. Sie entstand, als noch 101 Geiseln im Gazastreifen waren; heute sind es 59, davon 24 noch am Leben. Auch Familien bereits zurückgekehrter Geiseln und solche, deren Angehörige ermordet wurden, wie Carmel Gat, die in Gefangenschaft getötet wurde, beteiligen sich weiterhin. Die Teilnehmer sind gebeten, in Weiß gekleidet zu erscheinen und schweigend auf dem Asphalt zu sitzen. Keine Reden, keine Worte – nur gemeinsames Schweigen.

Gestern, am 19. März, protestierten Bürger vor der Knesset gegen die Regierungspolitik, die Wiederaufnahme der Kämpfe im Gazastreifen, gegen die Tatsache, dass die Geiseln noch immer nicht befreit wurden und gegen die drohenden Entlassungen von Bar und Baharav-Miara. Gleichzeitig saßen Frauen und Männer schweigend in Weiß auf der Straße.
Zusätzlich dazu fuhren protestierende Gruppen mit Autos in die Stadt und teilten sich in kleinere Gruppen auf. Jede Gruppe erhielt ein anderes Ziel in Jerusalem. Jede Kolonne bestand aus etwa 30 Fahrzeugen, die langsam durch verschiedene Straßen fuhren, um den Verkehr zu verlangsamen. An bestimmten Kreuzungen stiegen die Fahrer plötzlich aus, verriegelten ihre Autos und verschwanden. Dadurch wurde der Verkehr in der gesamten Stadt lahmgelegt, riesige Staus entstanden, und der öffentliche Nahverkehr stand für mehrere Stunden still. Die Stadt war blockiert.

Ich persönlich nehme als besorgte Bürgerin an allen Kundgebungen, Märschen und Aktionen für die Rückkehr der Geiseln teil – meist in Jerusalem, gelegentlich auch in Tel Aviv. Das ist mir wichtig, weil ich wissen möchte, dass ich alles mir Mögliche getan habe, um etwas zu verändern. Für mich ist es keine Option, einfach zu Hause zu bleiben. Die Mütter, Schwestern, Tanten und Cousinen müssen spüren, dass sie nicht allein sind und umfassende Unterstützung erfahren. Oft finde ich mich weinend wieder, wenn ich jemanden erkenne und an dessen Angehörige denke, an das, was sie gerade in den Tunneln durchmachen. Mindestens einmal pro Woche nehme ich außerdem an der Mahnwache der Mütter teil. Die Polizei begleitet diese Aktionen meist mit Verständnis und Geduld. Nur bei den Samstagsdemonstrationen endet die Begegnung mit der Polizei oft gewaltsam.
Gestern zeigte sich die Polizei lange tolerant – bis ein Abschleppwagen auftauchte, um eines der Autos an der Kreuzung zu entfernen. Demonstranten versuchten, dies zu verhindern, setzten sich auf den Abschleppwagen und blockierten ihn. Plötzlich kam eine große Gruppe von Polizisten und Grenzpolizisten hinzu, die Demonstranten äußerst brutal auf den Asphalt warfen.

Der Einsatz war erschreckend hart, eine Frau musste medizinisch versorgt und ins Krankenhaus gebracht werden. Der verantwortliche Polizist, einer der ranghöchsten vor Ort, zeigte keinerlei Emotion.
Jetzt sitze ich zu Hause und versuche, mich von diesen schrecklichen Szenen zu erholen. Doch draußen sind noch immer viele Menschen, die nicht aufgeben wollen. Einige werden sogar in Zelten übernachten. Und morgen? Morgen ist ein neuer Tag. Es geht weiter.





Ich habe euch immer im Kopf und im Herzen ❤️ es macht viel euch zu haben, Schmerz kommt auch hier an außerhalb eures Landes, jedes Bild was entsteht ist eine soo wichtige Sprache, in Liebe Renata