Gestern Morgen haben wir uns entschlossen, in den Süden zu fahren, die Kibbuzim zu besuchen und ein paar Stunden dort zu verbringen – um das zu verarbeiten, was noch nicht vollständig verarbeitet wurde. Auch um die jungen Menschen kennenzulernen, die am Schabbatmorgen beim Nova-Musikfestival bei Reʾim ermordet wurden. Ihnen allen die letzte Ehre zu erweisen, auch wenn es viel zu spät ist. Wir sind früh am Morgen losgefahren – eine kluge Entscheidung, denn die Straßen waren leer, und die Stille des Schabbats lag noch in der Luft.
Der einzige Ort, den wir am Schabbat betreten konnten, war das Gelände der Party in Reʾim. Für den Zugang zu den Kibbuzim ist anscheinend eine vorherige Anmeldung erforderlich, da Tausende Menschen aus ganz Israel am Schabbat in die Umgebung des Gazastreifens strömen. So verständlich das Bedürfnis nach Gedenken auch ist – die Bewohner der Kibbuzim wollen am Wochenende ihre Ruhe haben.
Der große Platz in Reʾim, der einst wunderschöne Wald, ist zu einem zweiten Yad Vashem geworden – zu einer weiteren nationalen Gedenkstätte im jüdischen Staat Israel. Hunderte von Gedenkpfeilern mit Fotos und Namen, die meisten von ihnen junge Männer und Frauen – jeder von ihnen eine ganze Welt für sich. Jeder Name erzählt eine Geschichte, jede Familie trauert. Am 7. Oktober wurden schöne Menschen abgeschlachtet – egal, wer sie waren, woran sie glaubten oder wen sie gewählt hatten. Es reichte, Jude und Israeli zu sein.
Wir gingen schweigend von Denkmal zu Denkmal, lasen die Namen, kämpften mit den Tränen und trauerten um all diese wunderbaren Leben, die so grausam ausgelöscht wurden.
Dann sah ich das Foto von Eitan Mor (23), der am 7. Oktober als Sicherheitsmann beim Nova-Festival arbeitete und in den Gazastreifen entführt wurde. Wir kannten Eitan aus unserem Café gegenüber der Redaktion, wo er sonst arbeitete. Auch das Bild von Avinatan Or (32) sahen wir – er ist noch immer in Gefangenschaft im Gazastreifen. Ich kenne seine Mutter Ditza, und es ist schwer zu ertragen, dass ihr Avinatan noch immer nicht frei ist. Seine Freundin Noa Argamani wurde in einer israelischen Militäroperation im Gazastreifen befreit. Beide Gesichter haben mich tief bewegt.

Ich konnte nicht anders, als meinen Besuch in Auschwitz vor einigen Jahren zu vergleichen. Dort gingen wir von Baracke zu Baracke, lasen und sahen die Schrecken, die die Menschen erlitten hatten. Das Gefühl in meinem Herzen war sehr ähnlich – doch in Reʾim mischte sich auch Angst dazu. Dies ist unser Zuhause. Das ist nicht in weiter Ferne, nicht im kalten Polen, nicht in der Vergangenheit. Das ist jetzt. Und es ist Israel. Damals hatten wir keinen Staat – heute geschieht es in unserem eigenen Zuhause, in unserem eigenen Land. Dort, wo wir uns sicher fühlen sollten.
Die Frage lässt sich nicht verdrängen: Gibt es überhaupt einen sicheren Ort für uns auf dieser Welt?
Wir gingen lange zwischen den schönen Gesichtern der jungen Menschen umher, und gegen Mittag begann sich der Platz immer mehr zu füllen. Eine Gruppe von Eltern mit Kindern fiel mir auf. Ich hörte ein kleines Mädchen, das hinter ihrem Bruder herrannte und fragte: „Werden wir auch die Leichen sehen?“ Der Junge, vielleicht zehn Jahre alt, antwortete: „Ich glaube nicht.“
Die Zeit der Naivität ist vorbei.





Danke, danke Anat Schneider für Deine Kommentare. Sie sind so ehrlich, so persönlich. God bless you.
Silvia Arnheiter, St.Gallen, Switzerland