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MitgliederProjekt: Lebensgeschichte

Ein bewegendes Projekt, das den Hinterbliebenen helfen soll, ihrer Verstorbenen zu gedenken und sie sogar zu feiern.

Projekt
Bild: Shutterstock

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Januar – Februar- Ausgabe von Israel Heute. Israel Heute – Mitglieder lesen die Artikel zuerst. Noch kein Mitglied? Klicken Sie hier!

 

„Die hebräische Sprache hat versagt. Es gibt keine Worte in dieser Sprache, um zu beschreiben, was passiert ist.“ Das ist der Satz, den Dana eine trauernde Mutter sagen hörte. Ihr Name ist Adva. Ihr Sohn, Major Tal Groshka, kam am 7. Oktober 2023 um.

Dana war gekommen, um die Familie zu trösten. „Als Schriftstellerin lebe ich von Worten. Einen Moment lang sagte ich zu mir selbst: Sie hat recht. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, was passiert ist.“ Ein Verwandter nahm Adva in den Arm und sagte: „Letztendlich werden wir noch zu dir kommen, um Tals Geschichte niederzuschreiben.“

Dana Ben Shlomi ist auch Literaturredakteurin. Sie sagt, sie sei am 7. Oktober in einem Albtraum aufgewacht. Was in Israel geschah, ließ sie erstarren. Sie konnte eine Woche lang nicht funktionieren. Auf allen Kanälen wurden jeden Tag neue, erschreckende Dimensionen der Katastrophe aufgedeckt. Jeden Abend wurden im Fernsehen die Gesichter derjenigen gezeigt, deren Tod bestätigt worden war. Jeden Tag wurde die Zahl der Ermordeten größer. Und wegen der unvorstellbaren Zahl der Todesopfer bekam nicht einmal jeder Ermordete seine eigene ‚Bildschirmzeit‘, um seinen Namen und seine Person für einen Moment des Respekts in Erinnerung zu rufen.

„Sie haben alle in die ‚Würfel‘ im Fernsehen gesteckt, und so wurden sie auch in den Übertragungen gezeigt. Aber jeder von ihnen ist eine ‚Welt‘ für sich. Dana dachte: “Wie kann ich sie aus diesen Würfeln herausholen, mit meinen einsamen Bemühungen?“

 

DAS GEDENKPROJEKT

Dana Ben Shlomi
Foto: Liron Cohen Aviv

Dieser Gedanke ließ sie nicht mehr los. Ihr wurde klar, was sie zu tun hatte. Dana veröffentlichte zwei Aufrufe um Unterstützung: In einem schickte sie eine offene Einladung an die Hinterbliebenen: Wer einer geliebten Person gedenken möchte, indem sie in einem Buch erwähnt wird, möge sich bei ihr melden. Zum anderen richtete sie eine Einladung an ihre Kollegen: Sie rief alle Autoren, Lektoren, Redakteure, Übersetzer und Grafiker auf, bei diesem Gedenkprojekt mitzuwirken.

Das Projekt heißt „Life Story“, Lebensgeschichte. Es ist für die im „Krieg mit dem Eisernen Schwert“ Ermordeten und Gefallenen gedacht. Etwa 100 Hinterbliebene haben sich bereits an sie gewandt, und etwa 300 Fachleute haben sich bereit erklärt, unentgeltlich mitzuarbeiten.

Die meisten Freiwilligen kommen aus dem therapeutischen Bereich und verfügen über grundlegende emotionale Kapazität, um so ein Projekt durchführen zu können. Aufgrund der Schwere der Traumata und der sensiblen Familiensituationen beschlossen die Freiwilligen, in Teams zu arbeiten. Damit soll zum einen die Arbeit an jeder Geschichte aufgeteilt werden, und zum anderen hilft das, sich selbst vor zu großer seelischer Belastung zu schützen.

 

HEILUNGSPROZESS

Einige Geschichten sind erschütternd tragisch. Eine trauernde Mutter brach zusammen und bat darum, das Schreibinterview zu verschieben. Am Ende, so Dana, überwiegt der Wunsch jeder Familie, ihrer Lieben zu gedenken, damit sie nicht vergessen werden und „ihr Licht weiter leuchtet“.

Dana hat schon früher Lebensgeschichten aufgeschrieben. Sie weiß, dass dieser Prozess therapeutisch ist. Er hilft den Familien, einen Heilungsprozess zu durchlaufen. Am Anfang kommt oft Wut zum Vorschein. Später, wenn sie Details erzählen und von anderen über ihren geliebten Menschen hören, beginnen sie, alle Fäden zu verknüpfen. Sie können allmählich eine Distanz zur Härte des Todes herstellen. Sie werden an heitere und an bewegende Aspekte im Leben des geliebten Menschen erinnert. Die Punkte beginnen sich zu verbinden. Es gelingt ihnen, ihre oder seine Geschichte aus einer breiteren und höheren Perspektive zu sehen. Und manche verstehen sogar, warum es passiert ist.

Einige Hinterbliebene sind in der Lage, so etwas wie ein Vermächtnis zu erkennen, das der geliebte Mensch hinterlassen hat. Manchen wird dies zum Lebensinhalt. Ein Buch ist auch etwas Materielles, das als greifbares Zeichen der Erinnerung und der Verbundenheit verschenkt werden kann. Und im Laufe der Zeit möchte die Familie schlicht, dass ihr geliebter Mensch nicht vergessen wird. Eine junge Witwe mit drei kleinen Kindern, die gerade ihren Vater im Krieg verloren haben, bat darum, sein Andenken in einem Kinderbuch festzugehalten.

Für jede Familie, die beschließt, die Geschichte ihres Angehörigen aufzuschreiben, wird ein Online-Speicherplatz eingerichtet. Dort können Bilder, Videos und Texte abgelegt werden. Aus diesem Fundus stellt das professionelle Team zusammen, was zum Thema der jeweiligen Familiengeschichte am besten passt, ein umfassendes und gründliches Unterfangen. Auch die fertigen Bücher werden viele Bilder, Internet-Links und andere Dokumente enthalten.

 

NEUES VERTRAUEN

Trotz des Wissens darum, dass jeder irgendwann stirbt, ist der Schmerz unvorstellbar. Vor allem, wenn das Sterben grausam war und besonders dann, wenn es ein junger Mensch war. Dennoch sagt Dana, dass dieses Projekt sie wieder mit dem Leben verbunden hat. Am 7. Oktober 2023 spürte sie den Verlust von Vertrauen und Zuversicht. Sie rang mit der Frage, wie es dazu kommen konnte. Das Projekt half ihr, Vertrauen in ihre Mitmenschen zurückzugewinnen, als sie sah, wie andere freiwillig halfen und zusammenkamen. Sie glaubt wieder daran, dass sich die Dinge zum Guten wenden werden. „Die menschliche Atmosphäre hier und heute bedeutet mehr als alles andere.“

Der Vorgang, ein Buch zu veröffentlichen, heißt im Hebräischen wörtlich „ans Licht bringen“. Und Dana betont, dass sie hier in der hebräischen Sprache noch einmal die ganze Essenz sieht. Das „Licht“ eines jeden getöteten Menschen wurde ausgelöscht. Indem man nun die Lebensgeschichte eines jeden von ihnen „ans Licht“ bringt, werden diese Bücher dazu beitragen, dass ihre Geschichten weiterleben, wie eine flackernde Gedenkkerze.

Möge ihr Andenken ein Segen sein.

Lesen Sie den Artikel auch in unserem neuen E-Paper des Magazins

 

About the author

Patrick Callahan

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