Tacheles mit Aviel – LY386 und der Schabbat

Tacheles, offen und unverblümt sage ich meine Meinung. Wer mich kennt, weiß das. Mit Klartext und ohne Umschweife werde ich Themen in dieser neuen Serie auf den Kern der Sache bringen.

Gas geben, um vor dem Schabbat in Israel anzukommen!
Gas geben, um vor dem Schabbat in Israel anzukommen! Foto: Moshe Shai/FLASH90

Wir allen kennen den Ablauf bei Flügen. Nach dem Check-In und Boarding setzen wir uns alle brav hin und schnallen uns gehorsam an. Das weiß und kennt jeder der fliegt. Das sind strikte Regeln. Keine jüdischen Regeln, sondern internationale Flugregeln. Alle Flugpassagiere müssen sitzen und angeschnallt sein, bevor das Flugzeug ins rollen kommt. Ganz normale Sicherheitsvorkehrungen jeder Fluglinie. Und wenn jemand im Gepäckfach über seinem Sitz noch etwas vergessen hat und dies beim Rollen zur Landebahn noch schnell in seinem Handgepäck rauswühlen will, dann wird dieser Passagier von der Stewardess streng aufgerufen sich hinzusetzen. Sobald jedoch der Schabbat eintrifft, werden Sicherheitsregeln ungültig.

Das passierte in einem unserer letzten Flügen, im November. Freitagvormittag. EL AL Flug LY386 von Rom nach Tel Aviv. 10:10 war die offizielle Abflugzeit, aber der Flug hat sich verspätet. Es war schon knapp 11 Uhr, italienische Uhrzeit.  Alle Fluggäste wurden beim Boarding hektisch ins Flugzeug geführt und pausenlos in Hebräisch und Englisch aufgerufen sich dringend hinzusetzen und anzuschnallen. Dann sprach der Flugkapitän aus dem Cockpit zu seinem Team und sagte, Türe schließen, wir müssen abfahren und starten. „Bereitet die Kabine für den Start vor“, so der Kapitän. Und dann auf einmal rollte das Flugzeug und wir stehen noch. „Hoppla, was ist denn hier los?“, dachte ich. Der gesamte Gang von vorne bis hinten war noch voll mit stehenden Fluggästen, die entweder noch ihre Sitze, oder noch Platz für ihr Handgepäck im Gepäckfach suchten. Zwischen uns standen die hübschen Stewardessen und versuchten uns vergeblich zu helfen. Und das Flugzeug rollt und rollt. Der Flugkapitän gibt Gas und ruft wieder ins Mikrophon, die Kabine für den Start vorzubereiten.

Erst wenige Sekunden bevor das Flugzeug abhob, mit einem üblichen Neigungswinkel von etwa 20°, saßen alle Passagiere lieb und brav angeschnallt in ihren Sitzen. Wow, das darf nicht wahr sein. EL AL verletzte seinen eigenen Flugregeln. Den armen Stewardessen fehlten die Worte, diese Situation zu erklären. Sie haben sich einfach nur entschuldigt. „Alles wegen dem Schabbat“, hörten wir Stimmen um uns. „Um rechtzeitig vor Schabbateingang in Israel zu landen, wird auf die Sicherheit der Fluggäste verzichtet.“ Jemand anders fügte hinzu: „Das passiert, wenn Religion bestimmt“. Darauf reagierte ein frommer Jude mit „nichts ist passiert. In wenigen Stunden ist Schabbat“. Stimmt, in etwa fünf Stunden trifft in Israel der Schabbat ein und von Rom nach Jerusalem dauert die Flugzeit dreieinhalb Stunden ohne Rückenwind. Und gemäß israelischer Uhrzeit sind wir um 12 Uhr mittags gestartet, also landen wir um etwa 15:30 Uhr in Tel Aviv.

Israelische Flugzeuge dürfen am Schabbat und jüdischen Feiertagen nicht fliegen und müssen um etwa zwei Stunden vor Schabbateingang in Tel Aviv gelandet sein. Unter anderem müssen auch die orthodoxen Passagiere berücksichtigt werden, die von Tel Aviv noch eine oder zwei Stunden nach Hause fahren müssen. Die orthodoxen Passagiere unter uns verteidigten den Schabbat, während die anderen den Ablauf im Flugzeug kritisierten. Dieser Vorfall im Flug LY386 spiegelt Israels Gesellschaft und Politik wider. Er verdeutlicht, wie Religion das Leben der Menschen im Land bestimmt. Entweder man versteht das oder nicht. Was den Judenstaat Israel charakterisiert, sind die jüdischen Vorschriften, die auf den biblischen Geboten und Verboten basieren. Der Schabbat darf nicht entheiligt werden. Das hat Gott seinem Volk bei der Gesetzgebung auf dem Berg Sinai geboten. Und dies ist im beim EL AL Flug von Rom nach TLV deutlich zum Ausdruck gekommen. Natürlich kann man sich darüber streiten, ob Gott dies so gemeint hat oder nicht. Der Punkt ist, dass Israel nicht ein Volk wie die anderen Nationen ist. Und dies ist mal wieder typisch zum Ausdruck gekommen. Und so wie Israels neue Regierungskoalition unter Benjamin Netanjahu aussehen wird, könnte diese noch mehr jüdische Vorschriften für die gesamte Bevölkerung Israels vorschreiben, aber wer weiß, vielleicht wird sie uns auch überraschen.

Als wir aber gelandet sind, haben alle glücklich geklatscht und sich gegenseitig Schabbat Schalom gewünscht. Ein kleine Szene im Leben, die viel über Israels Gesellschaft und Politik zu verstehen gibt.

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Patrick Callahan

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