Orthodoxe Beerdigungen verärgern israelische Ladeninhaber

Israelis verärgert über scheinbar selektive Durchsetzung der Coronavirus-Bestimmungen

Orthodoxe Beerdigungen verärgern israelische Ladeninhaber
Yonatan Sindel/Flash90

Israels Regierung hat die Coronavirus-Sperre bis mindestens kommenden Freitag verlängert und einen Antrag genehmigt, die Bußgelder für Zuwiderhandelnde deutlich zu erhöhen.

Jeder, der ohne triftigen Grund mehr als einen Kilometer von seinem Haus entfernt erwischt wird, oder der eine Anordnung zur Selbstisolierung bricht, oder der einen nicht lebensnotwendigen Laden oder ein Geschäft öffnet, muss nun 10.000 Schekel (etwa 2500 Euro) zahlen.

Viele Israelis sind verärgert, und das aus verschiedenen Gründen, aber der Hauptgrund ist, dass diese Beschränkungen anscheinend für alle gelten, außer für die ultra-orthodoxe jüdische Gemeinde.

Am Sonntag starben zwei führende Rabbiner und ihre Beerdigungen in Jerusalem wurden beide von über 10.000 Trauernden besucht. In der Menge waren nur wenige mit Maske zu sehen, und es gab keinerlei soziale Distanzierung.

Bei den Beerdigungen der Rabbiner Meshulam Dovid Soloveitchik und Yitzhok Scheiner (die übrigens beide an COVID-19 starben) sind die Straßen der ultra-orthodoxen Viertel Jerusalems überfüllt mit Trauernden.

Polizeibeamte sagten später, sie hätten keine andere Wahl gehabt, als die Massenversammlungen zuzulassen, und dass jeder Versuch, sie zu verhindern, zu Gewalt und Blutvergießen geführt hätte.

In den letzten Wochen kam es zu zahlreichen Zusammenstößen zwischen der Polizei und ultraorthodoxen jüdischen Gruppen, die gegen die Coronavirus-Beschränkungen verstießen, als sie Tora-Schulen und lokale Synagogen eröffneten.

Verteidigungsminister Benny Gantz sagte am Sonntag, dass er und seine “Blau-Weiß”-Partei den Antrag auf Verlängerung der Abriegelung und Erhöhung der Bußgelder nur unterstützen würden, wenn es eine gleichmäßige Durchsetzung gäbe.

Ob Premierminister Benjamin Netanjahu und die Behörden ein solches Versprechen einhalten können, bleibt abzuwarten. In der Tat besteht jedes Mal, wenn die Polizei einer ultraorthodoxen Versammlung gegenübersteht, eine sehr reale Gefahr von Gewalt und Blutvergießen. Hinzu kommt, dass Israels nationale Wahlen weniger als zwei Monate entfernt sind und die einzigen politischen Verbündeten, die Netanjahu noch bleiben, die ultraorthodoxen Parteien sind, also wird er es vermeiden wollen, sie zu verärgern.

Wenn er Entscheidungen über die Corona-Vollstreckung trifft, denkt Netanyahu sicherlich auch an die bevorstehenden Wahlen und daran, was die führenden Rabbiner des Landes von seinen Aktionen halten.

Die orthodoxen Massenversammlungen könnten säkulare Israelis frustrieren, die nicht verstehen, warum auch sie ihre Schulen nicht öffnen und sich in der Öffentlichkeit versammeln können. Orthodoxe werden dann auf die regelmäßigen wöchentlichen Demonstrationen von linken gegen Netanjahu verweisen.

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Während die Anti-Bibi-Demonstranten normalerweise Masken tragen, ist eine angemessene soziale Distanzierung nahezu unmöglich, wenn so viele Menschen zusammenkommen. Die Regierung hatte zuvor versucht, die Demonstrationen als Verstoß gegen die Coronavirus-Beschränkungen zu verbieten, wurde aber mit einer heftigen Gegenreaktion von denen konfrontiert, die den Premierminister beschuldigten, den demokratischen Prozess zu ersticken.

Ironischerweise beschuldigen dieselben Demonstranten Netanjahu, die COVID-19-Krise nicht richtig gehandhabt zu haben, wobei eine ihrer Hauptbeschwerden sein sanfter Umgang mit den Orthodoxen ist.

Anti-Netanjahu-Demonstranten haben argumentiert, dass die Wichtigkeit, die “Demokratie” durch ihre Versammlungen am Leben zu erhalten, das Risiko der weiteren Verbreitung des Virus überwiegt.

Am Ende des Tages sind alle Israelis frustriert, alle Israelis sind begierig darauf, zu einem normalen Leben zurückzukehren, aber alle Israelis sind zunehmend besorgt darüber, dass ein Ende der Krise unerreichbar bleibt.

Währenddessen schaut der Rest der Welt auf Israel, mit seiner erfolgreichen Impfaktion und den regelmäßigen Abriegelungen, als ein Modell, wie man mit der Situation umgehen kann.

 

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