Neue Zahlen im Wettrennen zwischen Religion und Politik

Welche Quelle oder welche Dominanz sind im Judenstaat notwendiger, Politik oder Religion?

Neue Zahlen im Wettrennen zwischen Religion und Politik
Miriam Alster/Flash90

In Israel ist fast jeder politische Streit mit religiösen Elementen vermischt. Es gibt ein ständiges Wettrennen zwischen Politik und Religion, was dem Staat Israel oft zum Stolperstein wird. Im letzten Jahr zeigten die Menschen im Wettkampf zwischen Richter und Rabbiner mehr Respekt für den Gerichtshof als für das Rabbinat. Dies ergab die neuste Studie der israelischen Bewegung Hiddush, ein Akronym für Freiheit, Religion & Gleichgerechtigkeit. Hiddush untersucht jährlich das Verhalten beider Richtlinien, die in der israelischen Gesellschaft ständig zusammenprallen.

In Israel bestimmen Politik und Religion das jüdische Staatswesen, was immer wieder zu gesellschaftlichen Konflikten führt. Israel ist wahrscheinlich die einzige Demokratie, in der Religion im politischen Staatsystem integriert ist, ähnlich wie in den islamischen Staaten wo die Scharia herrscht. Die jüdische Halacha, die auf biblische Gebote und Verbote fundiert ist, bestimmt in vielen Bereichen das Leben der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung im Land. Wie muss der Schabbat geheiligt werden? Was darf man essen? Wer ist Jude? Wie darf man heiraten? Welcher öffentlicher Verkehr ist erlaubt? Fragen, über die sich orthodoxe und säkulare Juden streiten.

Erhält mehr Vertrauen – Das Oberste Gericht

Aus dem jüngsten Report des Smith Institutes geht hervor, dass Israels Gesellschaft trotz aller Kritik dem Obersten Gerichtshof (36%) in Jerusalem mehr Vertrauen schenkt als dem jüdischen Oberrabbinat (11%). Am wenigsten vertrauen Israels Bürger ihren Vertretern und Politikern (4%) im israelischen Parlament, der Knesset. Die israelische Regierung liegt auf dem vorletzten Platz, nur 8% der israelischen Gesellschaft vertraut ihr. 41% der Israelis geben an, kein Vertrauen in irgendeine der erwähnten Institutionen zu haben. Selbst unter den religiösen Juden schenken nur 25% dem Rabbinat Vertrauen, weil dies in Händen der jüdischen Orthodoxie ist. Darüber braucht man sich gar nicht wundern, denn diese Kritik schallt aus allen Bevölkerungsschichten im Land.

Rabbinatsgericht  – nur 11 % vertrauen ihm.

Nach vier Jahren steht auch nicht mehr der religiöse-säkulare Konflikt im Mittelpunkt der israelischen Gesellschaft. Dieser hat sich nun in den politischen Konflikt zwischen links und rechts verlagert. Dazu beigetragen haben müssen wahrscheinlich die Umstände der letzten drei Wahlkampagnen im Land, die die Kluft zwischen links und rechts vertieften.

Das umstrittenste Thema im vergangenen jüdischen Jahr bestand in der Kritik gegenüber Israels orthodoxen Juden, die für ihr unverantwortliches Verhalten während der Corona-Krise heftig kritisiert wurden. Aus Sicht der Orthodoxen sei diese Kritik jedoch nicht gerechtfertigt und basiere nur auf Rassismus und Hass. Aus der Studie geht hervor, dass 70% diese Behauptung der jüdischen Orthodoxie nicht nachvollziehen können. Weniger als 30% identifizieren sich mit den Vorwürfen orthodoxer Juden, wonach Kritik an ihnen nur aus rassistischen Motiven heraus vorgebracht werde.

Auch das Thema öffentlicher Nahverkehr am Schabbat beschäftigte das Volk bis zum Ausbruch der Pandemie. 71 % der israelischen Bevölkerung sind für einen Busverkehr am Freitag und Schabbat. Der Rest ist dagegen. Um diesen Status quo zu ändern, muss das israelische Parlament neue Gesetze durchsetzen, was in der politischen Situation in Israel zurzeit nicht möglich ist. Die orthodoxe Minderheit im israelischen Parlament ist mächtiger als die sogenannte stumme Mehrheit im Land. Aus der Umfrage geht auch hervor, dass selbst von den religiösen Juden, die den Schabbat halten, jeder vierte für einen öffentlichen Nahverkehr am Wochenende ist.

Am Schabbat stehen Bus und Bahn still, viele wollen das ändern

Der politische Konflikt um die Wehrpflicht orthodoxer Jeschiwa-Schüler scheint ebenso nicht vom Tisch zu sein. Das Mobilisierungsgesetz für orthodoxe Juden wurde vom Obersten Gerichtshof abgelehnt und aufgrund der anhaltenden politischen Krise noch nicht geändert. Die umstrittene Rekrutierungsfrage schwebt noch immer über den Köpfen der Parteien. Und was denkt die Öffentlichkeit? 49 % glauben, dass der Staat eine bestimmte Quote von generellen Ausnahmen festlegen sollte, wo keine Wehrpflicht geleistet werden muss, egal ob orthodox oder säkular. Im Gegensatz dazu wollen 29 % der Israelis alle Jeschiwa-Schüler im vollen Militärdienst sehen, während 22 % der Meinung sind, man solle die orthodoxen Schüler in Ruhe Thora lernen lassen.

Vor Corona gab es immer wieder Proteste orthodoxer Juden gegen den Dienst in der Armee

In Bezug auf das jüdische Speisegesetz ist ebenfalls viel los. Wer hat das Monopol und das Markenzeichen für den Begriff Koscher? Das Koscher-Zertifikat darf nur das Rabbinat in Israel ausstellen, andere Zertifikate sind schlicht ungültig, auch wenn die Küche im Restaurant von offiziellen Rabbinern unter die Lupe genommen wurde. Das offizielle Koschergeschäft macht gemäß israelischen Finanzblättern einen jährlichen Umsatz von einer Milliarde Euro. Auf dieses Geld will das Rabbinat natürlich nicht verzichten. Die Bevölkerung betrachtet das Koschergeschäft dagegen als Gaunerei. Jedem zweiten Juden, der sich an die Koscher-Gesetze hält, ist es ganz egal, welches Koscher Zertifikat im Restaurant aushängt. So oder so sind 63 % der Israelis für eine Trennung zwischen Staat und Religion. Aber darüber sind bisher alle Regierungen in Jerusalem gestolpert. In der jüdischen Denk- und Glaubensweise ist es unmöglich, Judentum und Staat zu trennen. Und daher sind 83 % der Israelis erst einmal für einen gemäßigten Schritt, demnach eine Führung mit Religionsfreiheit und Gewissen anfängt. Damit sollen die Bürger, ob religiös oder säkular, ihre Weltanschauung zwanglos leben, ohne eine offizielle Trennung zwischen Staat und Religion einzuführen.

65 % der Israelis sind dafür, dass jegliche Hochzeitszeremonien nicht unter Aufsicht des jüdischen Rabbinats stehen. Also sollten auch liberale Rabbiner, messianische Juden und jeder andere das Recht haben, zivile Trauungen durchzuführen, die vom Staat anerkannt werden. Dennoch würden 49 % der jüdischen Gesellschaft eine orthodoxe Hochzeit wählen. 29 % bevorzugen eine zivile Hochzeit, 13 % eine Reformhochzeit und 9 % wählen lieber ein Zusammenleben ohne Trauschein.

Aus der Studie ist deutlich zu erkennen, was den meisten Menschen im Volk bereits klar ist, auch wenn man damit nicht immer einverstanden ist. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Gesellschaft wünscht sich einen jüdischen und demokratischen Staat, ausgewogen zwischen Politik und Religion. Der Religionszwang bewirkt immer das Gegenteil und verdrängt Menschen.

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