Neue Regierung: Großhandel mit dem jüdischen Staat?

Es geht nicht nur darum, einen Premierminister abzusetzen. Die “Regierung des Wandels” könnte den jüdischen Staat unwiderruflich verändern

Neue Regierung: Großhandel mit dem jüdischen Staat?
Olivier Fitoussi/Flash90

Sieht man von der Ausdrucksweise und der Legitimität des Angriffs von Mike Evans auf Naftali Bennett einmal ab, unterscheidet sich seine ungetrübte Wut eigentlich nicht viel von der Wut der israelischen Kritiker Bennetts. Auch sie sprechen von ihm als Verräter, Lügner, Wahlbetrüger und so weiter.

Und das nicht nur, weil er seine Wahlversprechen gebrochen hat. Das hätte irgendwie noch geschluckt werden können, wenn Bennett sich geweigert hätte, die Araber nach dem “Pogrom von 2021” mit 50 Milliarden Schekel zu belohnen und die Hunderttausende von illegalen Beduinenhäusern, die über den ganzen Süden Israels verteilt sind, zu legalisieren. In den Augen vieler ist eines der besorgniserregendsten Dinge an Bennetts neuer Regierung der Zusammenschluss mit Mansour Abbas, dem Führer der muslimischen Ra’am-Partei, die genau die gleiche Vision von Jassir Arafat und der PLO teilt. Nach dem, was viele jetzt als die “Pogrome von 2021” bezeichnen, sagte Abbas zum Beispiel, dass das Verbrennen von Synagogen, Häusern, Autos, Geschäften und so weiter in die Kategorie der “legalen und legitimen Proteste” falle.

Abbas, um das klarzustellen, bezeichnet sich nicht als israelischer Araber, sondern als palästinensischer Bürger Israels. Für das geneigte Ohr sagt das alles über seine wahren Bestrebungen aus, die den Bestrebungen der Muslimbruderschaft ähneln, die wiederum nicht viel anders sind als die Bestrebungen von ISIS. Und was jetzt unbestreitbar sein sollte: Abbas’ Identitätsgefühl wird von fast allen in Israel lebenden Arabern geteilt. Bennetts neue Allianz mit Abbas und dem Linksblock, die kein Problem mit der israelfeindlichen Vereinigten Arabischen Liste haben, ist es, was ihn in den Augen der Wählerschaft des Rechtsblocks zum Verräter macht.

Siehe: Mansour Abbas: Is He the Real Deal?

Obwohl viele Bennetts Kehrtwende immer noch durch eine psychologische Linse sehen, dass sein persönlicher Ehrgeiz über seine Ideologie siegt, beginnen immer mehr Menschen die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Bennett eine Art “Mandschurischer Kandidat” ist, dessen ultimatives Ziel es war, die ansonsten unschlagbare Rechte zu zerstören, die heute als Synonym für Zionismus verstanden werden sollte.

Dass die Linke nicht mehr zionistisch ist, wird durch eine endlose Liste an Dingen bewiesen, die ich hier nicht auflisten möchte. Es genügt zu sagen, dass die Aufnahme von Ibtisam Mara’ana in die Arbeits-Partei, vielleicht mehr als alles andere, das Abdriften dieser Partei von der Vision eines jüdischen Staates zur Vision eines nicht-jüdischen Bürgerstaates bedeutet. Das ist der Grund, warum der Linksblock jetzt die Vereinigte Arabische Liste vollständig umarmt, eine Partei, die dem jüdischen Staat das Existenzrecht abspricht.

Aber was offensichtlich sein sollte, ist immer noch vor den Augen insbesondere der Jemina-Wähler verborgen, die immer noch an das alte, überholte zionistische Links/Rechts-Paradigma glauben. Diese Fraktion des religiösen Zionismus glaubt immer noch, dass Bennett die hohe Berufung der Bewegung erfüllt, eine Brücke zwischen der Linken und der Rechten zu sein, was bedeutet, dass der religiöse Zionismus das Mittel ist oder sein sollte, das das (jüdische) Israel heilen und vereinen wird.

Einer der Verfechter dieser idealistischen Vorstellung ist der Rabbiner Motti Karpel, dessen Unterstützung für Bennett ihn von einer respektierten Figur zu einer weniger respektierten Figur degradiert hat.  

In dem folgenden Beitrag legt Karpel diese Vision kurz und bündig dar. Er lautet:

  • “Religiöse haben keine Angst vor Säkularen – teilen!
  • Säkulare haben keine Angst vor Religiösen – teilen!
  • Rechte haben keine Angst vor Linken – teilen!
  • Linke haben keine Angst vor Rechten – teilen!
  • Diejenigen, die sich noch daran erinnern, dass wir trotz aller Unterschiede alle Juden sind – teilen!”

Das Plakat beinhaltet ein Zitat aus Richter 6,14, aber im Plural: “Geh in der Kraft, die du hast, und rette Israel – Bennett-Lapid, wir sind mit dir.” Dieser Beitrag erhielt ebenso viele Kommentare wie “Likes”. Fast alle Kommentare kritisieren Karpel.

Karpel gegenüber steht Bezalel Smotrich, Chef der Religiösen Zionistischen Partei, die nicht mit dem national-religiösen Zionismus zu verwechseln ist. Als Smotrich neulich seinem Zorn gegenüber Jemina-Mitglied Nir Orbach freien Lauf ließ, peitschte er politisch inkorrekt los: “Fast alle Rabbiner, Führer und Wähler des (der Partei) Religiösen Zionismus, die sich vehement gegen den Verrat von Werten und Wählern und gegen die Bildung einer terrorunterstützenden Linksregierung aussprechen, repräsentieren nicht den religiösen Zionismus von Orbach … Ich wollte schreiben, dass er ein Niemand ist, aber nein. Er ist ein Angeber, ein Unverschämter, ein Verräter und ein Ehrsüchtiger … leider gibt es keine Verbindung zwischen dem national-religiösen Zionismus (von Orbach, Karpel usw.) und der religiös-zionistischen Partei.”

Smotrich lässt keinen Raum für Missverständnisse. Für ihn geht es bei Bennetts “Verrat” und sogar kriminellem politischen Wechsel nicht um seine Person, sondern um seine Entscheidung, sich antizionistischen Parteien anzuschließen, die eine existenzielle Bedrohung für den jüdischen Staat darstellen. Oder um es mit den Worten eines Kommentators zu sagen, der ziemlich regelmäßig im TV-Kanal 20 auftritt: Jeminas Entscheidung, sich der Linken anzuschließen, ist “eine Kriegserklärung an die jüdische Mehrheit, die für den national-traditionell-religiösen Block gestimmt hat.”

Angesichts dieses atemberaubenden Sinneswandels der Jemina-Partei beginnt sich eine wachsende Zahl von Menschen, nicht nur von Rechten, zu fragen, ob sich die Bennett-Lapid-Regierung als Schwanengesang des Zionismus erweisen kann oder nicht. Und damit beginnen sich viele Rechte zu fragen, ob Leute wie der frühere Netanjahu-Medienberater Ran Baratz nicht doch Recht behalten sollte, dass Bennett und Ayelet Shaked keine Narzissten sind, sondern, wie sie zu suggerieren scheinen, Agenten einer subversiven Aktivität, die darauf abzielt, die Rechte zu demontieren, um den Weg für die Ersetzung des jüdischen Staates durch einen bürgerlichen Staat freizumachen.

Innerhalb weniger Monate werden wir wissen, wessen Vision umgesetzt wird, die von Karpel, der von Bennett-Lapid als Heiler der israelisch-jüdischen Gesellschaft spricht, oder die der links-arabischen Vision, die den jüdischen Staat in einen nicht-jüdischen verwandeln will.      

So oder so, eine Sache ist fast sicher. Die neue Regierung, wie Bennet uns glauben machen möchte, tauscht nicht einfach einen Premierminister gegen einen anderen aus. Diese Regierung ist dabei, ein noch nie dagewesenes historisches Ereignis zu schaffen, das für Israel nachteilig sein könnte.

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