Schneider Aviel

„Mein Gott, sie haben ihn getötet“

Ein auserwähltes Volk zu sein, hat seinen Preis, wie bei Abel, Joseph, Jesus und anderen Menschen in der Völkergeschichte.

Der Markt in Jerusalem Foto: Yonatan Sindel/Flash90

„Mein Gott, Sie haben Ihn getötet“, heißt ein Lied von Bob Dylan. „Der einzige Sohn des allmächtigen Gottes. Der Heilige, genannt Jesus Christus. Er heilte die Lahmen und speiste die Hungrigen und für seine Liebe nahmen sie ihm das Leben. Auf dem Weg zur Herrlichkeit, wo die Geschichte niemals endet. Der heilige Sohn der Menschen, was wir nie verstehen werden. Mein Gott, sie haben ihn getötet.“

Es war dieses Lied, das uns wieder mal in eine wilde Diskussion am wöchentlichen Stammtisch im Jerusalemer Gemüsemarkt abschweifen ließ. Auserwählte bezahlen einen Preis und oft ist das der Tod. Ein Erwählter zu sein, wird oft als Privileg betrachtet, doch in Wahrheit ist dies keine leichte Situation. Auserwählte müssen nicht selten einen Leidensweg bis hin zum Tod gehen.

„Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald aus dem Wasser und siehe, da tat sich der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabsteigen und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme kam vom Himmel, die sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Gott wählte seinen geliebten Sohn Jesus zum Erlöser der Menschheit. Der Auserwählte, der nicht nur von Liebe sprach und predigte, sondern Liebe lebte und mit Liebe sein Leben opferte. „Jesus war ein Vorbild in der jüdischen Gesellschaft“, sagte mir Yossi, der grundsätzlich nicht an Gottes Existenz glaubt, aber Jesus voll respektiert.

Im Lied werden neben Jesus Christus auch Mahatma Gandhi und Martin Luther King erwähnt. „Ghandi wollte sich nicht beugen und wollte auch nicht kämpfen. Martin Luther King ließ die Glocken der Freiheit läuten. Und mit seinem Traum von Schönheit, den sie nicht wegbrennen konnten. Mein Gott, sie haben ihn getötet.“ Ob sie von Gott oder der Gesellschaft erwählt wurden, darüber waren wir uns am Tisch uneinig. Im Raum der Geschichte sind beide nicht mit dem biblischen Messias zu vergleichen und dennoch spiegelt sich das biblische Muster wider.

Dann tippte Yossi auf den ersten Auserwählten in der Bibel. Der erste Mensch in der Bibel, der als Auserwählter Gottes den Preis mit dem Tod bezahlte, war der vierte Mensch in der Bibel. Abel, der zweite Sohn von Adam und Eva. Gott wählte Abels Opfer und nicht das Opfer seines älteren Bruders Kain. Da ergrimmte Kain sehr und ließ den Kopf hängen. Gott fragte Kain, warum er zornig ist. Schließlich redete Kain mit seinem Bruder Abel. Auf dem Felde erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Die Eifersucht machte Kain zornig, infolgedessen wurde der Auserwählte getötet. Gottes Wahl, nur Abels Opfer anzunehmen, kostete Abel den Tod.

Nach Abel war es Joseph, der von seinem Vater Jakob auserwählt wurde und beinahe dafür mit seinem Leben bezahlten musste. „Israel aber hatte Joseph lieber als alle seine Söhne, weil er ihn in seinem Alter bekommen hatte, und er machte ihm einen langen bunten Rock. Als nun seine Brüder sahen, dass ihr Vater Joseph mehr liebte als alle seine Brüder, hassten sie ihn und mochten ihn nicht mehr grüßen. Joseph aber hatte einen Traum und verkündigte ihn seinen Brüdern; da hassten sie ihn noch mehr. Schließlich landete Joseph im Loch und wurde letztendlich an die Ägypter verkauft. Ihre Absicht war, ihren Bruder zu töten, nur wegen der Entscheidung ihres Vaters. Wieder war Eifersucht aufgrund des Auserwählten ausgebrochen, und das hatte wieder Konsequenzen.

Joseph Geschichte ist eine messianische Reflektion Jesu im Neuen Testament. Beide sind Auserwählte des Vaters und beide sind sogenannte Erlöserfiguren. Joseph erlöste seine gesamte Familie während der Hungersnot im Land und Jesus ist Erlöser der Menschheit. In beiden Fällen wurden zuerst die Heiden gerettet, Joseph rettete zuerst die Ägypter und Jesus rettet zuerst die Heiden (Christen). So wie Joseph sich seinen Geschwistern offenbarte, so wird dies eines Tages auch Jesus tun. Aber in beiden Fällen brach Zorn und Eifersucht innerhalb der Familie aus, weil jeweils die Väter, Jakob und Gott, jemanden bevorzugten, mehr liebten und deswegen erwählten.

Und in dieser Situation befindet sich auch das Volk Israel, seit es von Gott, wie in der Bibel beschrieben, erwählt wurde. Der Allmächtige erwählte das winzige Volk Israel, um dadurch seine Macht und Herrlichkeit unter den Völkern zu zeigen. Privileg ist zwar schön, aber das Leiden im Laufe der Geschichte weniger. Deswegen wird das Volk immer wieder geschlagen und durchschreitet einen Leidensweg. „Und dies wird wahrscheinlich auch Israels Ende sein“, warf Ela inmitten unserer Runde am Tisch ein. „Die Völker werden niemals ihren Hass auf uns aufgeben. Auch wenn wir meinen, wir werden von der Weltgemeinschaft geliebt, so werden die Nationen immer wieder ein neuen Grund finden, uns zu hassen.“

Ein auserwähltes Volk zu sein, hat seinen Preis, wie bei Abel, Joseph, Jesus und anderen Menschen in der Völkergeschichte. Es gehört mit zum Geschenk und Dienst Gottes, auch wenn es uns vielleicht schwerfällt, das alles zu verstehen. Abel war sozusagen ein Prototyp für diejenigen, die wegen Gottes Wahl manchmal mit dem Leben bezahlen müssen.

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