Es gibt Tage im Jahr, an denen es schwerfällt, den Computer überhaupt zu öffnen.
Heute ist so ein Tag.
Einmal im Jahr halten wir bewusst inne und versuchen zu begreifen – oder zumindest zu berühren –, was sich eigentlich nicht begreifen lässt.
Die Menschen, an die wir heute erinnern, sind nicht einfach „Gefallene“. Es sind Menschen, die hier gelebt haben – mit Familien, mit Träumen, mit einem eigenen Leben.
Und sie sind es, die es uns ermöglichen, weiterzuleben: weiterzuarbeiten, weiterzuwachsen, eine Familie zu gründen – einfach weiterzuleben.
Und genau das ist vielleicht das Schwerste an diesem Tag: zu verstehen, dass unser Leben weitergeht, weil ihres abrupt zu Ende gegangen ist.
An diesem Tag neigen wir dazu, große Worte zu wählen. Doch die Wahrheit ist viel schlichter – und zugleich viel schwerer.
Deshalb möchte ich einen Moment innehalten und von einem Menschen erzählen.
Amir Skuri

Amir
Amir und ich haben gemeinsam in der Givati-Brigade gedient. Er war Kompaniechef, ich Teamführer unter ihm. Über uns stand Assaf Hamami, unser direkter Vorgesetzter. Über ihn habe ich hier im vergangenen Jahr, an diesem Tag, geschrieben.
Für mich verbindet beide weit mehr als ihre militärische Funktion. Es ist derselbe Geist, dieselbe Haltung – eine stille Form von Führung, die damit beginnt, Menschen wirklich zu sehen.
Stunden, Tage, Nächte haben wir gemeinsam trainiert, geplant und gearbeitet. Doch wer Amir war, ließ sich nicht an Rangabzeichen ablesen.
Er führte nicht durch Lautstärke. Er führte nicht durch Druck. Er nahm Menschen mit – still, mit einem Lächeln, mit voller Präsenz.
Er hatte die seltene Fähigkeit, Menschen wirklich zu sehen: zu verstehen, was sie antreibt, was sie in sich tragen, und sie mit etwas Größerem zu verbinden. Und genau das ließ einen in seiner Nähe besser sein wollen – nicht, weil man musste, sondern weil man es wollte.
Am 7. Oktober 2023 gehörte Amir zu den Ersten, die ausrückten, um die Bewohner im Grenzgebiet zum Gazastreifen zu schützen. Er fiel im Gefecht an der Kreuzung Magen, während er seine Soldaten anführte.
Und an diesem Punkt reichen Worte eigentlich nicht mehr aus.
Denn hinter jeder solchen Geschichte steht ein Mensch. Ein Freund. Eine Familie.
Dieser Gedenktag ist nicht nur ein Tag der Trauer. Er ist auch ein Tag der Verantwortung – die Verantwortung zu erinnern, aber auch die Verantwortung, wie wir leben.
Nicht aus Schuldgefühl, sondern aus bewusster Entscheidung.
Sich für das Leben zu entscheiden.
Sich für Sinn zu entscheiden.
Und dafür, das, was wir haben, nicht als selbstverständlich hinzunehmen.
Amir, lieber Freund,
wir gehen weiter.
Nicht, weil es leicht ist, sondern weil ihr uns diese Aufgabe hinterlassen habt.
Möge das Andenken aller gefallenen Soldaten Israels und der Opfer des Terrors gesegnet sein.




