Israel, Waffen und die Scheinheiligkeit der amerikanischen Politik

Hier geht es nicht um amerikanische Parteipolitik. Es geht um eine politische Kultur der Scheinheiligkeit, die Israel ständig in Gefahr bringt

| Themen: usa
Junge Menschen mit Waffen
Foto: Corinna Kern/Flash90

Dieser Artikel wurde erstmals nach der schrecklichen Schießerei in Parkland, Florida, im Jahr 2018 veröffentlicht. Es lohnt sich, ihn nach der ebenso schrecklichen Schulschießerei gestern in Uvalde, Texas, erneut zu lesen, da meine Schlussfolgerung für die aktuellen diplomatischen Bemühungen nach wie vor völlig relevant ist. Der Artikel wurde aktualisiert, um die jüngste Schießerei sowie die jüngsten weltweiten Ereignisse zu berücksichtigen.

Nach so vielen Jahren in Israel habe ich die religiöse Bindung an das eine oder andere Parteiprogramm aufgegeben, obwohl ich politisch immer noch fest im konservativen Lager stehe. Aber wir haben in Israel ein Phänomen von eklatanter Scheinheiligkeit beobachtet, das man anprangern muss. Und es geschieht genau entlang der Bruchlinie zwischen Republikanern und Demokraten.

Die schrecklichen Schießereien an Schulen in Parkland, Florida, und jetzt in Uvalde, Texas, haben zu den erwarteten vehementen Forderungen der Demokraten geführt, endlich restriktive Waffengesetze in Amerika einzuführen.

Meine Absicht ist es nicht, die eine oder andere Seite dieser speziellen Debatte zu diskutieren. Republikaner entgegnen, dass auch in Israel viele Waffen auf der Straße zu sehen seien, aber es gebe so gut wie keine Amokläufe an Schulen. Doch der Vergleich hinkt. Israel hat sehr restriktive Waffengesetze. Wer eine Pistole erwerben will, muss die Notwendigkeit einer Waffe glaubhaft machen. Auch darf nur eine begrenzte Menge Munition pro Jahr gekauft werden. Bis auf seltene Ausnahmen bekommt niemand eines dieser Gewehre, wie sie in Amerikas Waffengeschäften zu haben sind.

Andererseits gibt es durchaus tödliche Schießereien in Israel. Da gilt dann tatsächlich, dass ein böser Mensch mit Waffe sich nur von einem guten Menschen mit Waffe stoppen lässt.

Aber zurück zur Scheinheiligkeit.

Die gleichen Demokraten, die die Bedrohung amerikanischer Kinder beweinen, haben auch die Bemühungen von Präsident Joe Biden und seinem früheren Chef Barack Obama verteidigt, ein Atomabkommen mit dem Iran zu erreichen Und sie stellten Donald Trump an den Pranger, weil er das von Obama ausgehandelte Abkommen aufkündigte.

Mir fiel dies auf, als die Amerikaner über die Tragödie in Parkland trauerten und diskutierten, während meine Kinder und ihre Klassenkameraden Übungen Junge Menschen mit schweren Waffen – ein Bild, an das man sich in Israel gewöhnt hat. für den Fall eines Raketenangriffs über sich ergehen lassen mussten. Einen Tag zuvor hatte ein ranghoher iranischer Offizier gedroht, der Iran werde Tel Aviv in Schutt und Asche legen. Das muss Israel ernst nehmen, besonders da die Situation in Syrien einen Krieg wahrscheinlicher macht. Obamas Deal hat einem unkooperativen Iran nicht nur erlaubt, sein Atom- und Raketenprogramm fortzusetzen, sondern ihm auch noch genügend Mittel gelassen, um eine starke militärische Präsenz vor der Haustür Israels aufzubauen.

„Heute leben die Vereinigten Staaten, unsere Freunde und Verbündeten im Nahen Osten und die gesamte Welt sicherer, da die Bedrohung durch Atomwaffen reduziert wurde“, hatte Obamas Außenminister John Kerry mit Blick auf den Atomdeal gesagt.

Andere Demokraten hatten sich der Meinung angeschlossen, dass der Irandeal keine perfekte Lösung sei, aber die beste Option angesichts schlechterer Alternativen. „Insgesamt kann ich potenzielle Probleme in zehn Jahren oder mehr, egal wie problematisch sie scheinen, nicht über die aktuellen Vorteile dieses Deals stellen“, betonte der US-Abgeordnete Patrick Murphy. Auch Senator Cory Booker aus New Jersey hielt den „höchst problematischen Deal“ für „besser als die Alternative.“

Premierminister Benjamin Netanjahu widersprach dem aufs Schärfste.

„Die Welt ist heute ein weit gefährlicherer Ort, als sie es gestern noch war“, sagte der israelische Staatschef und beschuldigte Obama und seine europäischen Verbündeten, mit unser aller Zukunft zu spielen.

Viele israelische Experten stimmen dem zu. „Die meisten Atomexperten halten den Deal für schlecht“, sagte Emily Landau, die Vorsitzende des israelischen Instituts für nationale Sicherheit. Landau sprach ausdrücklich das weiterlaufende iranische Raketenprogramm an, das ihrer Meinung nach nur den Zweck haben kann, ein Trägersystem für Atomwaffen zu sein.

Die Führer der derzeitigen israelischen Regierungskoalition stimmen mit ihrem Erzfeind Netanjahu und mit Landau überein.

„Die größte Bedrohung für den Staat Israel ist der Iran“, betonte Premierminister Naftali Bennett, als die Regierung Biden Anfang des Jahres in Wien versuchte, ein neues Atomabkommen mit dem Iran auszuhandeln.

„Jeder, der glaubt, dass dieses Abkommen die Stabilität erhöhen wird, irrt sich“, so der Premierminister weiter. „Es wird die Anreicherung vorübergehend verzögern, aber wir alle in der Region werden einen hohen, unverhältnismäßigen Preis dafür zahlen.“

Was hat das alles mit den Amokläufen in amerikanischen Schulen zu tun?

Für viele Israelis stinkt etwas gewaltig. Man kann nicht so energisch eine Bedrohung für die eigenen Kinder anprangern und gleichzeitig eine noch größere Bedrohung für unsere Kinder zulassen.

In Israel empfinden es viele als Scheinheiligkeit, dass im fernen Amerika viele eine Bedrohung ihrer Kinder beklagen, aber gleichzeitig die unvorstellbar größere Bedrohung unserer Kinder ignoriert haben und weiter ignorieren.

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