In der Schusslinie: Tagesausflug an drei Grenzen

An einem Tag am Libanon, an Syrien und an Jordanien vorbei.

von Anat und Aviel Schneider |
Foto: Aviel Schneider

 

Mentale Grenzen zu brechen, sind für uns ein Thema und eine Mission. In Israel sind Grenzen noch deutlich sichtbar, denn Israel befindet sich nun einmal mitten im Nahen Osten. In Europa sind die Grenzen im Laufe der Vereinigung der europäischen Länder für das sichtbare Auge nach und nach verschwunden. Alles scheint offen zu sein, denn in Europa scheint es keine Feinde mehr zu geben. Grenzen erkennt man in der EU nicht an Zäunen, sondern an Schildern oder im Navigator. In Israel ist das anders, Zäune umzingeln das kleine Land Israel im Norden, Osten und Süden.

So haben wir – Anat und ich – uns entschlossen, einen Ausflug an Israels Nord- und Ostgrenzen zu unternehmen. Wir fahren einfach an einem Tag am Libanon, an Syrien und an Jordanien vorbei. Um unsere mentalen Grenzen und unser Zusammensein im Auto zu testen. Ein Glück, dass das Land relativ winzig ist.

Früh morgens machten wir uns also auf den Weg. Um zehn Uhr gab es Frühstück in Akko. Dann ging es weiter Richtung Norden über Kabri nach Schlomi auf die Landstraße 899. Dort bogen wir links ab und fuhren auf Israels nördlichster Straße 8993 an der libanesischen Grenze in Richtung Osten. Knapp 130 Kilometer von Rosch Ha`Nikra im Westen bis zum Kibbuz Kefar Giladi südlich von Metulla. Eine wunderschöne und einsame Landstraße. In Nordgaliläa blüht und grünt alles. Hier und dort haben uns Rehe an der Straßenseite überrascht. Nur wenige Meter links von uns befand sich der Grenzzaun. Hinter dem Zaun konnten wir Libanesen auf ihren Feldern beobachten. Hier und dort gelbe Hisbollah-Fahnen. Aber dafür keine Staus, alles war entspannt und idyllisch.

An der libanesischen Grenze war es ruhiger als im turbulenten Landeszentrum. Viele Orte erweckten in uns Erinnerung aus unserer Armeezeit. Wir erinnerten uns, wie wir aus dieser Gegend am Wochenende nach Hause getrampt waren. Damals hatten wir an der Grenze oder im Libanon selbst gedient, das war in den 1980er Jahren. Blauer Himmel und Sonne machten alles friedlicher. Nach zwei Stunden waren wir im Tal von Kirjat Schmona. Aus dem Autofenster heraus macht der libanesische Nachbar einen ziemlich friedlichen Eindruck. Keine Bomben. Das Einzige was uns in diesen Momenten bombardierte, waren die unendlichen Mails und Reaktionen auf meine Kolumne „Ein offenes Wort“.

Golanhöhen

Weiter ging es entlang der Landstraße 99 an der libanesischen Grenze bei Dafna, Tel Dan, Snir bis zu den Banias Wasserfällen und hoch auf die Golanhöhen. Unterwegs haben wir Mittag gegessen. Neben uns strömte der Hazbani Fluss, der aus dem Libanon nach Israel fließt und in den Jordanfluss mündet. Auf den Golanhöhen wählten wir Highway 98, dicht an der syrischen Grenze über Kibbuz Merom Golan und Kibbuz Ein Sivan bis zum Länderdreieck bei Hamat Gader, wo Israel, Syrien und Jordanien aufeinandertreffen.

Golanhöhen

Links begleitete uns 80 Kilometer lang das blutige Syrien. Zehn Jahre Bürgerkrieg, über 500.000 Todesopfer. Hinter dem Zaun leben die Menschen in Angst und in Israel herrscht Freiheit. Tausende schwerverletzte Syrer wurden bisher auf unserer Seite behandelt. Ohne zu wollen, haben wir die Menschen hinter dem Zaun oft misstrauisch angeschaut. Aber ich denke, den Syrern wird es genauso gehen. Wir spielten mit unseren Gedanken und redeten und redeten.

Unterwegs trafen wir auf eine Gruppe israelischer Soldaten

Auf den südlichen Golanhöhen haben wir im Moschaw Nov bei Gillis das beste Rinderfleisch der Gegend gekauft. Schon für den Pessach-Abend nächste Woche. Die Golanhöhen sind zu dieser Zeit immer ein Tick grüner und die Wasserreservoires laufen fast über. Der graue Vulkanstein blitzt überall hervor. Das ist der Golan, das biblische Baschan. Ein wildes Land. Der Hermon-Berg verfolgt uns von hinten und wird immer kleiner, je mehr wir in den Süden fahren. Nicht umsonst nennt man diesen Berg die „Augen Israels“. Wir lieben die Golanhöhen, denn das östliche Plateau über dem See Genezareth reflektiert etwas Gigantisches, mysteriöses und uriges. Auch dieses Gebiet haben wir in unserer Soldatenzeit sehr gut kennengelernt, besonders im Training und während den Manövern.

Um etwa halb fünf Uhr nachmittags waren wir am südlichen Ufer des See Genezareth angelangt und fuhren bei Abenddämmerung die knallgrüne Jordansenke in Richtung Jericho hinunter. 120 Kilometer, alles Grüne weht im Abendwind und fühlt sich wie Seide an. Aber nach Beit Schean wurde dann langsam alles trockener. Auf unserer rechten Seite verschwand allmählich die Sonnen hinter den Bergen und links von uns glänzten im Schimmer der letzten Sonnenstrahlen die Gewächshäuser auf den jordanischen Ackerfeldern jenseits des östlichen Jordanufers. Auch hier trennt ein Zaun die Menschen. Aber am schönsten ist die Jordansenke bei Vollmond. Dann scheint die Nacht heller. An Jericho vorbei ging es westlich hinauf über Jerusalem zu unserem Moschaw.

Kurz nach sieben Uhr abends waren wir zu Hause. 450 Kilometer, neun Stunden unterwegs im Auto, drei Grenzen und ein Gedankenschluss: Grenzen gehören zum Leben! Nicht um anderen weh zu tun, sondern um sich selbst zu schützen. Dies gilt auch physisch und mental.

 

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