„Ich bin stolz, ein Jude zu sein“

Der jüdische Staat steht an einem gefährlichen Scheideweg

„Ich bin stolz, ein Jude zu sein“
Marc Israel Sellem/POOL

„Ich bin stolz, ein Jude zu sein“, hat Verteidigungsminister Naftali Bennett vor ein paar Tagen während eines Interviews mit dem Armeeradio verkündet. Die Frage ist, warum es ein hochrangiger Minister überhaupt nötig hat, das offensichtliche so zu betonen? Bennett hatte auf eine Anordnung des Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai reagiert, der Tefillin-Kabinen aus der Stadt entfernen will. Diese Kabinen dienen dazu, junge jüdische Männer zum Anlegen der Gebetsriemen zu ermutigen.

Huldai selbst versuchte sich herauszureden, dass seine Anordnung nur auf eine gewisse Distanz zwischen diesen Kabinen und öffentlichen Schulen abziele. Kritiker jedoch sehen hier einen weiteren Schritt in eine Richtung, die Israel seines jüdischen Charakters entziehen soll. Huldais Anordnung brachte Boaz Golan, den Gründer des Nachrichtenportals 0404 dazu, die „Operation Ron“ auf die Beine zu stellen, bei der Juden aus aller Welt aufgerufen werden, Tefillin zu legen. 0404 zufolge haben sich tausende von Juden, die normalerweise keine Gebetsriemen anlegen, der Aktion angeschlossen.

Huldai sieht darin ein falsches Spiel der Rechten wegen der bevorstehenden Wahlen, und in diesem Fall mag er in gewisser Weise sogar Recht haben. Dagegen zeigt jedoch seine Entscheidung, riesige Plakate der Organisation „Israel Victory Project“ in Tel Aviv entfernen zu lassen, dass der Bürgermeister eben doch am äußersten Rande der politischen Linken zu finden ist – dort wo man die Umwandlung Israels in einen nichtjüdischen, demokratischen Staat fordert.

Die Plakate, die Huldai jetzt abhängen ließ, und die ihm sehr missfallen haben mussten, zeigen Mahmud Abbas und Ismail Haniyeh mit verbundenen Augen und auf Knien, mit apokalyptisch anmutendem Hintergrund. Der Text lautet: „Frieden gibt es nur mit besiegten Feinden“. Er spielt auf den Slogan des ermordeten Premierministers Rabin an, „Frieden wird mit Feinden geschlossen“, ein Spruch, der das Olso-Abkommen begleitete. Oslo-Gegner kritisieren, Rabins Slogan habe zu einer Unwilligkeit Israels geführt, was das Besiegen von Feinden angeht. Dies sei besonders bei den Militärkampagnen gegen Gaza ersichtlich gewesen, die von vielen Israelis als zu zögerlich gesehen wurden.

Seine Entscheidung, diese Plakate entfernen zu lassen, begründete Huldai mit Worten, die erkennen lassen, dass er dasselbe Gedankengut wie viele Linke heutzutage teilt. „Das Plakat ruft zu Gewalt auf und erinnert an ISIS und die Nazis. Wir wollen damit nicht in Verbindung gebracht werden. Die Demütigung „Anderer“ ist nicht in unserem Sinne“, so der Bürgermeister.

Dies ist ein äußerst interessantes Statement, das die politische Spaltung erklären kann. Avishai ben Haim, ein geschätzter Reporter vom TV-Kanal 13, sagt, es gehe hier um die Identität. Bei den kommenden Wahlen, erklärt er, könnte das „gesamte national-traditionelle Lager suspendiert werden. Darum geht es in den Wahlen.“ Ben Haims Ansicht wird von vielen geteilt, die glauben, dass bei den Wahlen zwei rivalisierende Lager gegeneinander antreten: die säkularen Demokraten( hauptsächlich aschkenasische Juden) und auf Tradition ausgerichtete sephardische Juden, die seit den 1940ern von ersteren als Bürger zweiter Klasse betrachtet werden. Die bevorstehenden Wahlen könnten demzufolge nachteilig zum jüdischen Charakter Israels ausfallen.

Untermauert wird diese Ansicht von Huldais Erklärung, die einen radikalen Blickpunkt vertritt und nicht mehr an eine gemeinsame Identität glaubt, was das „Volk“ oder die „Nation“ angeht. Huldais Vision einer besseren Welt enthielte Individuen, die gleichberechtigt behandelt würden. In solch einer Welt würde ein „Feind“ ein xenophober Begriff sein, der „den Anderen“ seiner grundlegenden Menschenrechte berauben würde.

Huldai hat in seiner Amtszeit unzählige illegale Immigranten in die Stadt gelassen und öffentliche religiöse jüdische Veranstaltungen beschränkt. Seine Entscheidungen zeigen ganz klar, dass er das Judentum dem postmodernen Wertesystem als unterlegen und minderwertig ansieht. Dieses Wertesystem betrachtet Israel als rassistische Entität, weshalb der jüdische Staat einen demokratischen Staat den Vortritt lassen muss, in welchem Israels selbsternannte Feinde legitimiert werden.

Dass Juden als minderwertig angesehen werden, ist nicht neu. Ebenfalls nicht neu ist der Fakt, dass Antisemitismus immer Hand in Hand mit den Bemühungen ging, die Juden von ihrer kollektiven Identität zu befreien. Auch der „neue Antisemitismus“ ist nicht neu. Es handelt sich hier um dieselben Versuche, die nun von den politisch Linken initiiert werden. Der heutige neue Antisemitismus zielt darauf ab, dem letzten Ausdruck einer souveränen kollektiven jüdischen Identität ein Ende zu bereiten, der darum kämpft, Israel als jüdisch zu erhalten. In solch einem politischen Klima macht der Satz „Ich bin stolz, ein Jude zu sein“, absolut Sinn.