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MitgliederHat die christliche Welt die Geduld mit Israel verloren?

Kaum eine Entwicklung beschäftigt uns bei Israel Heute derzeit mehr als diese: Warum wenden sich ausgerechnet jene Christen zunehmend von Israel ab oder distanzieren sich innerlich, die dem jüdischen Staat jahrzehntelang besonders nahestanden?

Es handelt sich dabei meist nicht um klassische Israelgegner. Es sind keine Aktivisten der BDS-Bewegung, keine Vertreter eines säkularen Antizionismus und oft auch keine Menschen, die dem jüdischen Volk feindlich gegenüberstehen. Im Gegenteil. Viele von ihnen haben Israel geliebt, für Israel gebetet, Israel besucht, Israel verteidigt und sich über Jahrzehnte mit dem jüdischen Volk verbunden gefühlt. Gerade deshalb verdient ihre Kritik Aufmerksamkeit. Vor ein paar Tagen erhielt ich einen Brief eines ehemaligen Lesers und langjährigen Kunden von Israel Heute. Seine Worte stehen stellvertretend für eine Entwicklung, die wir in den vergangenen Jahren zunehmend beobachten.

Er schrieb: „Ja, der Grund für meine Kündigung hat mit meiner differenzierten Sichtweise zu tun, die ich bei Israel Heute nicht so finde. D.h., ich halte es für falsch, den Staat Israel und das Judentum 1 zu 1 mit dem biblischen Israel, den Nachkommen Jakobs gleichzusetzen, genauso klingt das aber bei Israel Heute durchweg. Sicherlich sehe ich eine Schnittmenge, allerdings ist es meine persönliche Überzeugung, dass im Staat Israel und Judentum deutlich mehr von Esau (und andere) wie von Jakob zu finden sind. Selbst zu Jesu Zeiten gab es ja schon eine deutliche Vermischung. Ich persönlich habe überhaupt nichts gegen die Menschen (außer denen, die der luziferischen Lehre der Kabbala und des babylonischen Talmuds nachfolgen). Es geht darum, dass die alttestamentlichen Verheißungen Jakob und seinen Nachkommen gelten. So wünsche ich Ihnen bei Israel Heute eine Berichterstattung mit differenzierterer Sichtweise.“

Viele Christen unterscheiden heute stärker zwischen dem modernen Staat Israel und dem biblischen Israel. Sie fragen sich, ob jede politische Entscheidung Jerusalems automatisch mit den Verheißungen Gottes an Abraham, Isaak und Jakob gleichgesetzt werden kann. Sie sehen in Israel nicht nur die Erfüllung biblischer Prophetie, sondern auch einen modernen Staat mit allen Stärken, Schwächen, Fehlern und moralischen Herausforderungen, die jeder Staat besitzt.

Hinzu kommt, dass manche Christen den Eindruck gewonnen haben, Israel werde in Teilen der christlichen Medienlandschaft nicht kritisch genug betrachtet. Sie fragen, warum über Korruption, politische Machtkämpfe, gesellschaftliche Spannungen, religiöse Konflikte oder moralische Fehlentwicklungen oft zurückhaltender gesprochen werde als über dieselben Probleme in anderen Ländern. Für sie entsteht dadurch eine Spannung zwischen ihrer Liebe zu Israel und ihrem Verständnis der biblischen Botschaft. Darüber hinaus habe ich mehrmals bei Gesprächen mit Christen im Ausland gehört, dass sie mit Israel langsam die Geduld verlieren.

Teilnehmer einer Solidaritätskundgebung für Israel in Berlin. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen christlicher Solidarität, politischer Kritik und biblischen Verheißungen wird in vielen Gemeinden zunehmend diskutiert. Foto: EPA/Clemens Bilan.

Besonders nach dem 7. Oktober 2023 hat sich dieser Prozess verstärkt. Viele Christen standen zunächst uneingeschränkt an der Seite Israels. Doch je länger der Krieg andauerte, je mehr Bilder von Leid und Zerstörung aus dem Gazastreifen um die Welt gingen und je härter die politische Sprache auf allen Seiten wurde, desto mehr begannen manche, schwierige Fragen zu stellen. Nicht weil sie plötzlich Hamas unterstützen oder Israels Existenzrecht infrage stellen würden. Vielmehr versuchen sie, ihre Solidarität mit Israel mit ihrem christlichen Verständnis von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und moralischer Verantwortung in Einklang zu bringen.

Hinzu kommt ein theologischer Aspekt. Ein Teil der Christen ist überzeugt, dass die biblischen Verheißungen weiterhin gelten, diese aber nicht automatisch jede Handlung des modernen Staates Israel rechtfertigen. Andere gehen noch weiter und unterscheiden deutlich zwischen dem biblischen Volk Israel und dem heutigen Staat Israel. Daraus entstehen Spannungen, die sich zunehmend auch in christlichen Gemeinden, Werken und Medien widerspiegeln.

Darüber hinaus ist für viele Christen das Alte Testament schlicht zu „alt“, während das Neue Testament für ihren persönlichen Glauben und ihren Alltag als wesentlich relevanter wahrgenommen wird. Die Verheißungen Gottes an Israel, die das Alte Testament durchziehen und dort einen zentralen Platz einnehmen, treten im Neuen Testament deutlich weniger in Erscheinung.

Vielleicht liegt hier jedoch noch ein tieferes Missverständnis verborgen.

Viele Christen im Westen lesen die Bibel vor allem durch die Linse göttlicher Wunder. Das Rote Meer teilt sich. Manna fällt vom Himmel. Mauern stürzen ein. Engel greifen ein. Gott spricht direkt zu Propheten und Königen. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, die Geschichte Israels sei vor allem eine Geschichte spektakulärer Wunder gewesen, während Politik, Diplomatie, Machtinteressen und menschliches Handeln nur eine untergeordnete Rolle gespielt hätten.

Doch die Bibel selbst erzählt eine wesentlich komplexere Geschichte. Ja, Gott handelt. Aber er handelt meist mitten in den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit. Die Rückkehr aus dem babylonischen Exil geschah nicht durch einen magischen Augenblick. Sie wurde möglich, weil sich Machtverhältnisse im Nahen Osten veränderten, weil das Perserreich Babylon besiegte und weil König Kyros eine neue Politik verfolgte. Esra und Nehemia kehrten nicht als Himmelsgestalten nach Jerusalem zurück. Sie handelten als politische Akteure innerhalb einer konkreten Weltordnung.

Dasselbe gilt für die Staatsgründung Israels im Jahr 1948. Für gläubige Juden und Christen kann sie durchaus als Erfüllung biblischer Verheißungen verstanden werden. Doch diese Verheißung erfüllte sich nicht losgelöst von der Geschichte. Sie verwirklichte sich durch Diplomatie, Einwanderungswellen, internationale Beschlüsse, politische Lobbyarbeit, den Zerfall von Imperien, den Holocaust und die Opferbereitschaft von Menschen aus Fleisch und Blut. Familien wie die Rothschilds unterstützten den Aufbau jüdischer Siedlungen. Zionistische Führer verhandelten mit Regierungen. Diplomaten kämpften um internationale Anerkennung. Soldaten verteidigten die entstehende Heimstätte mit Waffen in der Hand.

Israels Existenz ist nicht nur ein biblisches Wunder, es ist zugleich eine außergewöhnliche politische und historische Tatsache. Wo finden wir ein anderes Beispiel in der Weltgeschichte, das zeigt, wie ein Volk nach nahezu 2.000 Jahren Zerstreuung in seine historische Heimat zurückkehrt, dort erneut einen souveränen Staat gründet und sogar seine alte Sprache als lebendige Alltagssprache wiederbelebt? Gerade diese einzigartige Verbindung von biblischer Verheißung, nationaler Identität, politischem Handeln und historischer Wirklichkeit macht Israels Geschichte außergewöhnlich.

Glaubt mir: In 500 Jahren werden Menschen auf die Wiedergeburt Israels wahrscheinlich so zurückblicken, wie wir heute auf die großen Geschichten der Bibel blicken. Viele Details der politischen Prozesse, diplomatischen Verhandlungen, internationalen Interessen und menschlichen Entscheidungen werden dann längst vergessen sein. Übrig bleiben die großen Linien der Geschichte: Ein Volk wurde aus allen Enden der Erde gesammelt, kehrte nach fast 2.000 Jahren in seine alte Heimat zurück, gründete dort erneut einen Staat und ließ seine uralte Sprache wieder lebendig werden. Dann wird vieles heilig, wundersam und beinahe übernatürlich erscheinen.

Teilnehmer einer propalästinensischen Demonstration in Berlin. Die Bilder des Gaza-Krieges und die humanitäre Lage im Gazastreifen haben weltweit Diskussionen über Israels Vorgehen ausgelöst und auch unter langjährigen Israelfreunden kritische Fragen aufgeworfen. Foto: EPA/Clemens Bilan.

Vielleicht erwarten manche Christen unbewusst einen „heiligen Hokuspokus“, der die biblischen Verheißungen sichtbar macht. Doch die Bibel zeigt oft das Gegenteil. Gott schreibt Geschichte nicht außerhalb der Politik, sondern mitten in ihr. Er wirkt nicht nur durch Wunder, sondern auch durch Könige, Diplomaten, Kriege, wirtschaftliche Entwicklungen und menschliche Entscheidungen.

Wer das vergisst, misst das heutige Israel häufig an einem idealisierten Bild des biblischen Israel, das es in dieser Form nie gegeben hat. Auch das Israel zu Zeiten Davids, Salomos, Hiskias, Esras oder Nehemias war nicht frei von politischen Konflikten, Machtkämpfen, Korruption, Kriegen und moralischem Versagen. Die Bibel verschweigt diese Realität nicht. Im Gegenteil. Sie berichtet offen und schonungslos darüber.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb darin, zwei Wahrheiten gleichzeitig festzuhalten. Israel ist ein moderner Staat mit allen Fehlern, Spannungen und Widersprüchen menschlicher Geschichte. Und zugleich sehen Millionen gläubiger Juden und Christen in seiner Existenz einen Teil einer größeren Geschichte, die noch nicht abgeschlossen ist.

Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht, ob man Israel idealisieren oder kritisieren soll. Die eigentliche Frage lautet, ob man bereit ist, Israel in derselben Spannung zu betrachten, in der die Bibel selbst das Volk Israel beschreibt, als ein von Gott berufenes Volk, das dennoch aus fehlbaren Menschen besteht. Genau diese Spannung zieht sich durch die gesamte Bibel. Wenn wir Vergleiche bemühen, dann deshalb, weil diese Spannung vielleicht mehr erklärt über das heutige Israel, als so mancher auf beiden Seiten der Debatte wahrhaben will.

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Patrick Callahan

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2 Kommentare zu “Hat die christliche Welt die Geduld mit Israel verloren?”

  1. Marco Illi sagt:

    Sehr guter Artikel. Ich bin auch in dieser Spannung zwischen „heiliges Israel“ und „moderne Wirklichkeit“. Ihr Artikel hilft mir sehr, diese Spannung auf eine gute Art zu ertragen und Israel so zu sehen, wie es ist, ein Volk dieser Welt, ausgewählt, nicht aufgrund besonderer Eigenschaften oder wegen besonders heiligem Wandel, sondern aufgrund eines Versprechens, das von Gott einst gegeben wurde und an das Er sich auch heute noch hält. Und um an ihm immer wieder Exempel zu statuieren, im Positiven wie im Negativen, damit die Welt erkennen möge, dass GOTT existiert und dass Er wirkt, auch heute noch.
    Vielen Dank und weiter so.

  2. Bernd Holl sagt:

    Lieber Aviel, ich teile deine Sichtweise zu 100 %.
    Ich habe mit den allermeisten Christen bei weitem mehr Probleme als mit Israel. Es fehlt derart an Demut, daß es kaum zu ertragen ist.
    Vielleicht kenbst du Amir Tsarfati und sein Werk „Behold Israel“. Neben Israel Heute ist er meine wichtigste Quelle im Bezug auf Israel.
    Eure beiden Werke/Redaktionen sind mir eine permanente Quelle der Ermutigung und Glaubensstärkung/-vertiefung. Ich bin Gott über alles dankbar für eure Arbeit und Hingabe. ❤️
    Leider bin ich aus finanziellen Gründen nicht mehr in der Lage, das Abo zu bezahlen. Das hat aber wahrlich keine inhaltlichen Gründe. Ich wünsche euch weiterhin Gottes reichen Segen und grüsse euch mit der Liebe des Messias aus Würzburg.
    Schabbat Schalom!

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