Eine unmögliche Woche

Ein paar Gedanken zu dieser unmöglichen Woche, in der sich unsere Realität völlig verändert hat. Aber unser Volk ist wieder vereint. Schade, dass wir dafür immer erst eine Katastrophe brauchen.

von Dov Eilon | | Themen: Gazastreifen, Krieg in Israel, Hamas
Ein Konvoi israelischer Panzer bei Sonnenuntergang nahe der südlichen israelischen Grenze zu Gaza, 12. Oktober 2023. Foto: Chaim Goldberg/Flash90

Guten Morgen, liebe Freunde!

Dov Eilon

Ich sitze schon seit einiger Zeit vor meinem Laptop und frage mich, wie ich meinen Text beginnen soll. Ich wollte Euch heute etwas von meinen persönlichen Empfindungen zu dieser unmöglichen Situation vermitteln, in der wir uns seit dem letzten Schabbat befinden. Es ist fast unglaublich, wie schnell wir uns alle irgendwie an diese neue Realität gewöhnt haben. Damit meine ich nicht, dass wir sie akzeptieren, das kann man nicht, aber wir haben schon recht schnell gelernt, mit dieser Situation umzugehen, so grausam sie auch sein mag.

Wir Israelis sind dafür bekannt, uns schnell an eine neue Realität anzupassen. Denn das Leben muss weitergehen. Ja, wir haben einen enormen Überlebenswillen. Wir sind in der Lage, von einem Moment auf den anderen all unsere Differenzen und Streitigkeiten beiseite zu legen. Plötzlich sind wir wieder ein Volk, vereint. Und genau das ist es, was uns so stark macht.

Noch vor einer Woche haben wir uns darüber gestritten, ob Juden am Dizengoff Platz in Tel Aviv den Festumzug mit der Tora zum Simchat Tora Fest durchführen dürfen. Unglaublich. Warum sollten Juden in ihrem eigenen Land nicht frei ihren Glauben ausüben dürfen? Sind wir nicht genau aus diesem Grund in dieses Land zurückgekehrt? Ich war schockiert über diesen Hass gegenüber gläubigen Juden seitens nichtreligiöser Juden.

Und dann kam die Katastrophe. Am Schabbatmorgen, um 6:30 Uhr. Seitdem leben wir in einer anderen Welt. Wir haben einen fürchterlichen Schlag erlitten. In meinem Kopf werde ich von Gedanken überrascht. Kann es sein, dass diese Katastrophe eine Strafe ist? Wir werden uns von nun an an jedem Simchat Tora Fest an diese Tragödie erinnern, an dem Freudenfest über die Tora. Für immer wird dieses Fest mit dieser Tragödie in Verbindung bleiben.

Was die nichtreligiösen Gegner des Judentums, auch sie sind Juden, jetzt wohl denken. Es ist schlimm, dass wir nur wegen dieser Katastrophe wieder zusammengefunden habe. Ob wir ab jetzt wirklich wieder ein vereintes Volk sein werden, das werden wir wohl erst nach diesem Krieg erfahren, der uns von den Terroristen der Hamas aufgezwungen wurde.

Ich habe momentan keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Fast eine halbe Million Soldaten sind mobilisiert worden, darunter auch viele Freunde meines Sohnes.

Jeden Tag schalte ich als Erstes den Fernseher an, um mich über die letzten Ereignisse zu informieren. Die Zahl der Ermordeten und Gefallen steigt fast täglich um weitere hundert Menschen, unglaublich. Heute liegt die Zahl bei mindestens 1300 Toten! Dabei sind bis jetzt nur ein Drittel der zivilen Opfer identifiziert worden.

Gestern erreichte uns dann die traurige Nachricht, dass der Bruder einer Kindheitsfreundin meiner Tochter ums Leben gekommen ist. Auch er war auf dem Musikfestival, wo die Terroristen ein Massaker angerichtet hatten. Während er auf der Flucht vor den mörderischen Terroristen war, konnte er noch mit seinem Bruder am Telefon sprechen. Er war zusammen mit zwei Mädchen auf der Flucht und erreichte mit ihnen ein Auto. Während der Flucht wurde er von einer Kugel in den Bauch getroffen, das sagten die Mädchen, die bei ihm waren. Sie rannten dann weiter, während Ofek verletzt im Auto blieb. Seitdem galt er als vermisst, bis gestern.

 

Ofek Arbib ist 21 Jahre alt geworden. Er war der kleine Bruder einer der besten Freundinnen meiner Tochter. Oft war auch er zusammen mit seiner Schwester bei uns zu Hause. Ofek wurde noch gestern Abend auf dem Militärfriedhof in der Stadt Holon beigesetzt. Möge die Erinnerung an ihn ein Segen sein. Wir werden in den kommenden Tagen die Familie besuchen und ihnen bei ihrer Shiva unser Beileid aussprechen.

Neben diesen traurigen Ereignissen gibt es jetzt auch eigentlich völlig unwichtige Alltagsprobleme. Nach einer vielleicht etwas übereilten Mitteilung der Heimatfront, wonach jeder Bürger sich mit genügend Lebensmitteln und Wasser für mindestens 72 Stunden eindecken sollte, wurden die Supermärkte im Land geradezu gestürmt. Ich ging erst am darauffolgenden Tag zum Supermarkt, um ein paar Dinge einzukaufen. Aber ich kam zu spät, der Supermarkt sah aus, als sei er überfallen worden. Viele Regale waren völlig leergeräumt. Es gab keine Eier, kein Mineralwasser und vor allem kein Toilettenpapier mehr.

Wie nach einem Überfall. Ein Supermarkt in Jerusalem. Foto: Noam Revkin Fenton/FLASH90

„Was haben die Leute immer mit diesem Klopapier?“, fragte ich mich und dachte dabei an die Corona-Zeit zurück, wo Eier und Klopapier die begehrtesten Waren waren. In einer Drogerie gelang es mir dann, die beiden letzten Klopapier-Pakete zu ergattern, natürlich waren es die teuersten. 100 Schekel (umgerechnet ca. 25 Euro) für ein paar Rollen. Aber egal, wir haben wirklich wichtigere Probleme.

Seit diesem grausamen Schabbat sind wir eigentlich nur noch zu Hause. Erst gestern, fünf Tage nach Beginn des Krieges, hat unser Sohn das Haus verlassen, um einen Freund zu besuchen. Ich bin gestern kurz zu unserem Einkaufszentrum gefahren, um etwas einzukaufen und war erstaunt, wie leer er war. Die meisten Geschäfte waren geschlossen, nur der kleine Supermarkt war offen. Mineralwasser gab es auch dort nicht.

So sitzen wir die meiste Zeit zu Hause wie gelähmt vor dem Fernseher. Wir müssen diese Katastrophe wohl noch eine lange Zeit lang verarbeiten.

Aber jetzt müssen wir erst einmal diesen Krieg gewinnen.

Israel kämpft um seine Existenz, auch 75 Jahre nach der Staatsgründung. Die Terroristen müssen besiegt werden, es gilt: entweder sie oder wir.

Ich wünsche Euch trotz allem einen gesegneten Schabbat. Gerne könnt Ihr hier unten Eure Kommentare schreiben. Und morgen Abend würde ich mich freuen, Euch alle bei unserem nächsten Zoom-Treffen sehen zu können. Bis dahin, macht es gut!

 

Schabbat Schalom!

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4 Antworten zu “Eine unmögliche Woche”

  1. Bernd Lindner sagt:

    Schalom Dov,

    vielen Dank für deinen Bericht! Über ihn freue ich mich sehr, sind sie doch wie Fenster in die Gesellschaft
    Bei der Sache mit den Klopapieren scheint mir die Angst ein besseres Abführmittel zu sein oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, sie werden als Behelfsverbandmaterial zweckentfremdet. Was auch immer.

    Auch ich war geschockt von dem Angriff und verstehe genauso wenig wie Ihr, wie es dazu kommen konnte. Ebenso fiebere ich mit Euch. In meinem Herzen ist die Gewissheit Eures Sieges, genauso wie Licht die Dunkelheit verdrängt.
    Am Israel Chai!

    Schabbat Schalom aus BaWü/Deutschland

  2. j-glaesser sagt:

    Hebron 1923
    Am 24. August gegen 9:00 Uhr begann ein mit Beilen und Messern bewaffneter arabischer Mob, jüdische Häuser in Hebron zu stürmen und jüdische, teilweise aber auch arabische Geschäfte zu plündern. Cafferata gab den Befehl, in die Menge zu schießen, was zunächst ohne Wirkung blieb. Erst als die Polizisten dem Mob in die Häuser folgten, ebbte die Gewalt langsam ab. Unter den 67 ermordeten Juden waren vor allem aschkenasische Männer, aber auch 12 Frauen und drei Kleinkinder unter fünf Jahren. Die Leichen waren zum Großteil verstümmelt, viele wurden vor ihrem Tod gefoltert, zahlreiche Frauen vergewaltigt. Zu den neun getöteten Arabern zählte auch ein arabischer Polizist, der sich an den Gräueltaten beteiligte und von Cafferata erschossen wurde, als er im Begriff war, eine Jüdin mit einem Dolch zu töten. (Wikipedia)

  3. Thomas Schäfer sagt:

    Shalom Dov,
    Danke für deine Zeilen, für den Einblick in euren Alltag im Krieg. Möge der Heilige Israels Euch trosten und die Wunden schnell verbinden. Am Israel Chai.

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