Die verlorenen Stämme Israels Miriam Alster/Flash90
Religion

Die verlorenen Stämme Israels

Überall auf der Welt gibt es Menschengruppen, die einen jüdischen Lebensstil pflegen. Nicht wenige von ihnen waren einst Christen, die auf der Suche nach Antworten in der Bibel zum Schluss kamen, dass das Judentum der richtige Weg sei.

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Wer sind diese Menschen? Könnten sie Teil der verlorenen Stämme Israels sein?

Ungefähr 50.000 Angehörige des Lemba-Stammes in Simbabwe und Südafrika glauben, Nachfahren eines jemenitisch-jüdischen Stammes zu sein. Der Stamm tradiert, wie er auf der Wanderung sein heiliges Buch verlor und wie man die jüdischen Traditionen beibehielt, die mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Die Lemba ruhen am Siebenten Tag, feiern nicht nur Neumond, sondern auch Pasika in April, wozu ein Lamm geröstet wird. Der Stamm beschneidet alle Jungen acht Tage nach der Geburt, verzehrt tierische Nahrung nur, wenn es sich um biblisch koschere Tiere handelt, trennt Milchiges und Fleischiges. Die Lemba, die sich selbst als ethnisch jüdisch betrachten, sehen keinen Widerspruch darin, christliche Kirchen zu besuchen. DNA-Analysen haben ergeben, dass etliche tatsächlich aus dem Nahen Osten stammen.

Eze Chukwuemeka ist König des 32 Millionen Mitglieder starken Igbo-Stammes in Nigeria. Auf seiner Facebook-Seite nennt er sich einen „direkten Nachfahren von Eri, Sohn des biblischen Patriarchen Gad“. Die Igbo sind praktisch Christen, nennen sich jedoch „Juden“. Zur Markierung ihrer Gräber verwenden sie den Davidstern, der König trägt das jüdische Symbol oft als Anhänger. Auch hier war neben der Enttäuschung über das kolonialistische Christentum das Studium der Bibel ausschlaggebend für den Richtungswechsel des Stammes in Richtung Judentum.

ind in Manipur, einer nordöstlichen Region Indiens, zu Hause. Sie betrachten sich als Nachfahren des israelitischen Stammes Menasse. Ihre Tradition besagt, dass sie nach Indien flohen, als die zehn Stämme im Jahr 722 v. Chr. von Nebukadnezar verbannt wurden. Weil der Stamm zu jüdischen Gemeinden keinen Kontakt pflegte, wurden sie im 19. Jahrhundert zu einer „messianischen“ Version des Christentums konvertiert. Nach Kontaktaufnahme mit jüdischen religiösen Gruppen in Israel und auswärts, schworen sie dem Christentum ab und begannen ab den 1980er Jahren ein traditionelleres, rabbinisches Judentum zu pflegen. Tausenden wurde bereits die Immigration nach Israel gestattet, die mit einer formellen Konversion einhergeht.

Auch Gruppen wie den Beta Israel (Haus Israel) in Äthiopien oder den Benjews (Nachfahren der Juden) in Kurdistan werden authentische jüdische Wurzeln zugestanden. Selbst wenn viele von ihnen mit Christen oder Muslimen verheiratet sind, bewahren sie sich doch ihren starken Sinn für ihre jüdische Identität. Vor Mahlzeiten werden hebräische Segenssprüche rezitiert und Kerzen angezündet. Freitagabend kommt Challahbrot auf den Tisch. Am Samstag wird nicht gekocht.

Die Abayudaya aus Uganda dienen als Beispiel einer Volksgruppe, die keine Ansprüche auf jüdische Herkunft stellen und ihren Weg zum Judentum über das Christentum gefunden haben. Dieser Stamm wurde im 18. und 19. Jh. von Missionaren zum Christentum konvertiert und die Bibel in ihren Dialekt übersetzt. Die Stammeshäuptlinge fanden ihren wahren biblischen Weg in den Gebräuchen und Gesetzen, die in den fünf Büchern Mose, der Thora, beschrieben werden. Mitglieder der Gruppe rissen daraufhin das Neue Testament aus ihren Bibeln heraus, beschnitten die Knaben, hielten den Sabbat, führten die koschere Küche ein und beten anhand des jüdischen Siddur-Gebetbuches auf Hebräisch.

Erst kürzlich hat auch eine andere Gruppe in Indien diesen Weg eingeschlagen. Die Leiter der dortigen Zion-GospelKirche kamen 2001 zum Schluss, dass das Judentum die einzig wahre Religion sei. Sie begannen daraufhin, privat die jüdischen Rituale zu praktizieren. Als sie 2011 der Gemeinde ihre Glaubensüberzeugung mitteilten, entschieden sich 1500 Mitglieder, den jüdischen Lebensstil und die Liturgie ebenfalls zu übernehmen.

Jahrhundertelange Missionarsarbeit scheint bei vielen christlichen Gruppen paradoxerweise zum Judentum zu führen. Viele Rabbiner sehen darin eine Erfüllung der Schriften. Oft wird dabei Maimonides zitiert, der gesagt habe, dass Gott Jesus benutze, um „die Thora den Nationen zu bringen“. Er ging davon aus, dass die Christen, wenn dann der wahre Messias offenbar werde, diesen erkennen und Buße tun werden, weil sie dem Nazarener gefolgt waren.

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