Das Judentum verdient genauso viel Respekt wie der Islam

Der Besuch eines Journalisten in Mekka war falsch und könnte die israelisch-saudische Normalisierung zurückwerfen. Aber diesen Vorfall mit dem Besuch oder dem Gebet von Juden auf dem Tempelberg zu vergleichen, ist ebenso beleidigend.

| Themen: Tempelberg, Islam
Der Hadsch in Mekka, Saudi-Arabien. Foto: Pixabay

(JNS) Es hat sich gezeigt, dass es im Zeitalter des Clickbait-Journalismus, dem Ködern von Klicks, einige Stunts gibt, die eindeutig zu weit gehen. Als sich der Nachrichtenreporter Gil Tamary vom israelischen Fernsehsender Channel 13 Anfang des Monats in die Stadt Mekka schlich, hat er seinen israelischen Kollegen möglicherweise eine Lektion darüber erteilt, wie schwierig es sein kann, die letzten Schritte von der derzeitigen stillschweigenden Allianz mit den Saudis zu einer vollständigen Normalisierung zu machen.

Tamary war offenbar Teil der israelischen Delegation, die nach Saudi-Arabien reiste, als Präsident Joe Biden nach seinem Besuch in Israel dorthin flog. In Jerusalem wurde viel über den historischen Charakter des Direktflugs und die Bereitschaft der Saudis zu weiteren Zugeständnissen gesprochen, die die nunmehr engen Beziehungen zum jüdischen Staat weiter festigten. Dennoch reichte dieser Aspekt eines weitgehend unproduktiven Gipfels aus, um zumindest einen der anwesenden Israelis zu ermutigen, sich über die Gepflogenheiten des Landes hinwegzusetzen.

Tamarys Verständnis dafür, wie weit der saudische Staat und die muslimische Welt bereit sind, in Richtung Normalisierung zu gehen, ist ebenso dürftig wie sein Verständnis dafür, was in dem Land, das trotz der Bemühungen von Kronprinz Mohammed bin Salman um eine Liberalisierung der Regierung immer noch eine starre theokratische Gesellschaft ist, als akzeptabel gilt. Mit einem einheimischen Fremdenführer fuhr er in die Stadt, in der sich das heiligste Heiligtum des Islam befindet, vorbei an Schildern, die deutlich darauf hinwiesen, dass der Zutritt für Nicht-Muslime verboten ist. Als er jedoch befürchtete, von den örtlichen Behörden erwischt zu werden, zog er sich schnell zurück.

Anstatt diese Dummheit zu verschweigen, dachten Tamary und seine Vorgesetzten bei Channel 13, sie hätten einen Knüller, der es wert sei, gesendet zu werden. Als die Sendung am vergangenen Montag ausgestrahlt wurde, war der Sturm der Kritik seitens der Muslime groß genug, um auch bei vielen Israelis Verurteilungen hervorzurufen. Auch wenn die Kritik nicht das Ausmaß der wahnsinnigen Gewalt erreicht, die nach der Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung im Jahr 2005 ausbrach, ist sie doch eine besorgniserregende und völlig unnötige Ablenkung von den Bemühungen, die Schranken zwischen Israel und der muslimischen Welt abzubauen.

Tamary ist nicht die erste Person, die in Mekka gegen die Regeln für Nicht-Muslime verstößt. Im Jahr 1853 schlich sich der britische Gelehrte, Soldat, Diplomat und Entdecker Sir Richard Burton (nicht verwandt mit dem Schauspieler aus dem 20. Jahrhundert) nach Mekka und unternahm tatsächlich eine Hadsch, eine muslimische Pilgerfahrt in die Stadt. Aber er tat dies nach einem mühsamen Studium des Islam und Vorbereitungen (einschließlich einer Beschneidung) während seiner Jahre unter Muslimen in Indien. Verglichen damit, war Tamarys Ausflug eine reine Vergnügungsfahrt, bei der er nicht nur die Regeln, sondern auch die Sitten und Gebräuche der Muslime völlig außer Acht ließ.

Damit hat er sich und seine israelischen Kollegen mehr als nur dem Vorwurf ausgesetzt, gegenüber den Saudis und den Muslimen in aller Welt unsensibel zu sein. Der Zeitpunkt ist besonders ungünstig, denn er kommt zu einem Augenblick, in dem die Hoffnung wieder aufkeimt, dass die Saudis sich endlich anderen muslimischen Ländern anschließen, die ihre Beziehungen zu Israel normalisiert haben.

Diese Erwartungen sind möglicherweise unrealistisch, denn die Saudis mögen die derzeitige Situation, in der sie unter der Hand militärische und sogar wirtschaftliche Beziehungen zu Israel unterhalten können, ohne von anderen Muslimen für die formelle Anerkennung des jüdischen Staates kritisiert zu werden. Außerdem beruht die Legitimität des saudischen Regimes fast ausschließlich auf seiner Stellung als Bollwerk der wahabitischen Sekte des Islam und seiner Rolle als Hüter der heiligen Stätten der Muslime. Kronprinz MBS mag bereit sein, sein Land in vielerlei Hinsicht zu verändern, aber offene diplomatische Beziehungen zu Israel sind vielleicht zu viel verlangt. Alles, was den Anschein erweckt, den Respekt vor den Heiligtümern in Mekka und Medina zu schmälern – was von islamistischen Kritikern im Iran und anderswo leicht mit Tamarys Schandtat in Verbindung gebracht wird – stellt eine Bedrohung für das saudische Regime dar.

So gesehen könnte das, was vielleicht nur als journalistischer Gag einer zutiefst törichten Person gedacht war, geostrategische Auswirkungen haben, die sich nicht nur auf die Aussichten auf eine Normalisierung, sondern auch auf die Bemühungen um ein regionales Bündnis gegen Teheran auswirken werden.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt dieses Debakels, der ebenfalls Beachtung verdient.

Wie auch einige israelische Zeitungen anmerkten, werden viele in der muslimischen Welt eine Analogie zwischen Tamarys gedankenloser Tat und der Absicht von Juden ziehen, den Tempelberg zu besuchen und dort auch zu beten. Einige, wie z. B. Haaretz, verglichen sie sogar mit Ariel Sharons Spaziergang auf dem Berg, der von den Fürsprechern des Palästinenserführers Jassir Arafat als Auslöser der zweiten Intifada mythologisiert wurde. Die Tatsache, dass Arafat diesen terroristischen Zermürbungskrieg als Antwort auf israelische Friedensangebote geplant hatte, hat die Bereitschaft einiger in der Presse und unter den Linken nicht daran gehindert,  die große Lüge zu stützen, dass der palästinensische Terrorismus eine Antwort auf jüdische Unsensibilität und  Verschwörungen zur Beseitigung der Moscheen auf dem Berg sei.

Zwar haben Muslime jedes Recht, von Israelis und allen anderen zu erwarten, dass sie ihre Bräuche und religiösen Gefühle in Bezug auf Mekka respektieren, doch die Vorstellung, dass dieselben Regeln auch in Jerusalem gelten sollten, ist nicht nur unangemessen, sondern geradezu empörend.

Israel hat weder Pläne noch Absichten, die Moscheen auf dem Tempelberg zu stören, geschweige denn zu zerstören oder zu entweihen. Abgesehen davon ist jedes Verbot für Juden auf dem heiligen Plateau eine Beleidigung für das Judentum und kein Respekt für den Islam.

Der Tempelberg ist der heiligste Ort des Judentums. Die Westmauer, die seit zwei Jahrtausenden der Mittelpunkt jüdischer Anbetung ist, wird verehrt, weil sie der letzte Überrest des jüdischen Tempels ist, der dort stand. Der Berg war der Ort, an dem der Tempel stand und an dem die heiligen jüdischen Gottesdienste abgehalten wurden, wie in der Bibel beschrieben.

Siehe: Ein verborgener Berg, ein verborgener Fluss und die Rückkehr des Königs

Gemäß den Gepflogenheiten der Eroberer im Laufe der Geschichte nutzten die römischen, christlichen und schließlich muslimischen Besatzer Jerusalems diesen Ort, um ihre Überlegenheit gegenüber den Juden zu demonstrieren, indem sie die Stätte des Heiligen Tempels in Schreine für heidnische Götter, das Christentum und schließlich den Islam verwandelten.

Bis heute verbreiten die palästinensischen Führer die Lüge, der Tempelberg habe nichts mit dem Judentum zu tun und sei eine rein muslimische heilige Stätte. Seit der Befreiung und Vereinigung Jerusalems im Jahr 1967 haben die israelischen Behörden den muslimischen Befindlichkeiten Rechnung getragen, indem sie erlaubten, dass der Tempelberg für jüdische Anbetung nicht zugänglich ist und auch das Besuchsrecht für Juden eingeschränkt wurde. Damit ist er der einzige Ort in Israel, an dem eine offiziell sanktionierte religiöse Diskriminierung zulässig ist.

Ja, es ist richtig, Tamarys Akt des Sakrilegs zu verurteilen. Aber dasselbe Gefühl der Empörung über die Missachtung der Gefühle von Gläubigen, das allgemein über Mekka geäußert wird, sollte nicht auf muslimische Forderungen ausgedehnt werden, Juden vom Tempelberg fernzuhalten oder sie daran zu hindern, dort zu beten. Im Gegenteil, es ist das islamische Beharren auf der Aufrechterhaltung der Eroberung der heiligen Stätte eines anderen Glaubens – und die Verachtung sowohl des Judentums als auch der jüdischen Rechte, die diese Praxis verkörpert – das eine breite Verurteilung verdient.

Wenn Muslime von anderen erwarten, dass sie ihre Richtlinien bezüglich Mekka respektieren – und dazu haben sie jedes Recht -, dann sollten sie auch bereit sein, Juden die gleiche Rücksicht zu gewähren. Dass sie das nicht tun, ist ein Zeichen dafür, dass sie nach wie vor nicht bereit sind, anderen Religionen Legitimität zuzugestehen, und dass sie nach wie vor der Meinung sind, dass die gesamte Region von Natur aus muslimisch ist und dass Nicht-Muslime dort Dhimmi, zwar Schutzbephohlene aber Menschen zweiter Klasse, sind.

Dass die Welt diese Doppelmoral weiterhin toleriert, ist zum Teil das Ergebnis des Wunsches, den Islam und die muslimischen Terroristen zu besänftigen, sowie der mangelnden Bereitschaft des Westens, zu verlangen, dass seine Institutionen und seine Kultur mit der gleichen Ehrerbietung behandelt werden wie die des Islam.

Juden und andere Nicht-Muslime sollten sich von Mekka fernhalten. Die Vorstellung allerdings, dass Juden in ähnlicher Weise vom heiligsten Ort des Judentums ausgeschlossen werden sollten, hat weniger mit Respekt gegenüber dem Islam zu tun, sondern legitimiert vielmehr Respektlosigkeit gegenüber Juden und Antisemitismus.

 

Jonathan S. Tobin ist Chefredakteur von JNS-Jewish News Syndicate. Folgen Sie ihm auf Twitter unter: @jonathans_tobin.

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