ANALYSE: Was war Israels Rolle bei der Tötung Soleimanis?

Washington lobt ungenannte Partner aus dem Nahen Osten, die dazu beigetragen haben, Irans mächtigsten General auszuschalten

ANALYSE: Was war Israels Rolle bei der Tötung Soleimanis?
Majdi Fathi/TPS

Gerade einmal drei Tage alt war das Jahr 2020, und schon geschah etwas, das potentiell den ganzen Nahen Osten in Brand setzen könnte

Am frühen Freitagmorgen tötete eine amerikanische MQ-9 Reaper-Drohne den zweitmächtigsten Mann im Iran, Qassem Soleimani, Kommandeur der Quds Brigaden der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) und Abu Mahdi al-Muhandis, den Kommandeur der Kata’ib-Hezbollah-Miliz und stellvertretenden Kommandeur der al-Hashd al-Shaabi-Dachorganisation der schiitischen Milizen im Irak.

Soleimani und al-Muhandis wurden mit Hellfire-Raketen ins Visier genommen, nachdem die Kata’ib-Hezbollah-Milizen bei einem Angriff auf eine Militäreinrichtung in der Nähe der Stadt Kirkuk im irakischen Kurdistan einen amerikanischen Ingenieur getötet und eine Reihe von US-Soldaten verwundet hatten.

Daraufhin startete das US-Militär fünf Raketenangriffe auf die Stützpunkte der Kata’ib-Hezbollah in Syrien und im Irak, woraufhin Soleimani die Zerstörung der US-Botschaft in der sogenannten Grünen Zone in Bagdad befahl.

Mit der Anordnung des Angriffs auf die US-Botschaft hat Soleimani eindeutig eine rote Linie überschritten, denn die USA sind immer noch traumatisiert von früheren Angriffen auf ihre diplomatischen Vertretungen im Iran (Geiselkrise 1979) und in Benghazi in Libyen, als im September 2012 ein wütender Mob die US-Mission in der Stadt überfiel und den amerikanischen Botschafter sowie drei weitere US-Bürger tötete.

Der Quds-Kommandeur war offenbar durch die Erfolge benebelt, die er bei dem Versuch erzielte, einen schiitischen Halbmond zu schaffen, der letztlich die Existenz Israels bedrohen würde. Er muss sich in der Bewunderung, die er von Iranern und schiitischen Führern außerhalb des Irans erhielt, gesonnt haben.

Israelische Politiker und Beamte bezeichnen Soleimani als Architekten des entstehenden neuen persischen Reiches, das nun den Libanon, Syrien, den Irak und zum Teil auch Jemen umfasst.

Der Mossad hatte Soleimani schon lange auf seiner Abschussliste. Frühere israelische Komplotte zur Ermordung Soleimanis waren oft im letzten Moment abgesagt oder entdeckt worden, wie der Versuch im letzten Jahr, den Quds-Kommandanten auszuschalten als dieser den Schrein zum Gedenken an seinen Vater besuchen sollte. Dabei hatten die iranischen Behörden eine 500 kg schwere Bombe entdeckt, die unter seinem Stuhl positioniert war.

Anfang Januar 2008 hatte der Mossad Soleimani im Visier, als er sich Hisbollah-Terrorchef Imad Mugniyeh traf. Mugniyeh selbst wurde nach dem Treffen mit dem iranischen Kommandeur in Damaskus durch einen kleinen Sprengsatz getötet, der sein Auto in die Luft jagte.

Soleimani wurde vom Obersten Führer Ali Khamenei bewundert, der den Quds-Kommandeur wie seinen eigenen Sohn behandelte und ihn zum Sonderberater ernannte. Der iranische Führer lobte Soleimani im vergangenen Jahr für seine strategischen Erfolge und nannte ihn „einen lebenden Märtyrer”.

Die Bedrohung, die Soleimani für Israel darstellte, darf nicht unterschätzt werden.

Premierminister Benjamin Netanjahu warnte den iranischen General wiederholt, er solle sich in seinen Erklärungen und Aktionen gegen den jüdischen Staat zurückhalten, aber das hinderte Soleimani nicht daran, starke Verbindungen zu Israels palästinensischen Gegnern Hamas und dem Palästinensischem Islamischen Dschihad aufzubauen und gleichzeitig die Hisbollah im Libanon mit fortschrittlichen Waffen wie der Kornet-Panzerabwehrrakete zu versorgen.

Qassem Soleimani war einer der IRGC-Offiziere, die die Hisbollah gründeten und hinter der Bildung der neuen Golan-Befreiungsbrigade stand, einer rein schiitischen Truppe, die mit dem Ziel gegründet wurde, Israel durch einen Mehrfrontenkrieg zu eliminieren.

Soleimani wurde während der Kämpfe gegen ISIS in Tikrit, Ramadi, Fallujah und Mosul im Irak gesichtet, die Mitte 2017 von der islamischen staatlich-jihadistischen Terrororganisation zurückerobert wurde.

Der Quds-Kommandant hat auch die große Schlacht gegen Rebellen in Aleppo, Syrien und die Qalamoun-Offensive überwacht, wo der Iran angeblich eine unterirdische Nuklearanlage in der Nähe der Stadt Qusayr betreibt.

Im Irak wurde Soleimani zunehmend aktiv, nachdem die Unruhen im Volk den Einfluss auf das Land zu bedrohen begannen und für den Rücktritt von Premierminister Adil Abdul al-Mahdi, einer iranischen Marionette, verantwortlich waren.

Es war Soleimani, der der irakischen Regierung riet, Scharfschützen gegen die Demonstranten einzusetzen, was zum Tod von 500 Menschen führte.

Später intervenierte er erneut im Irak, um sicherzustellen, dass ein pro-iranischer Politiker zum neuen irakischen Premierminister ernannt würde und beauftragte Berichten zufolge al-Hashd al-Shaabi, US-Einrichtungen im Land anzugreifen, wie z.B. die amerikanische Botschaft in Bagdad, die zuvor von Raketen und Granaten getroffen wurde.

US-Außenminister Mike Pompeo behauptete nach der Tötung Soleimanis, dass der Quds-Kommandeur aktiv einen bevorstehenden Angriff plante, „der Dutzende oder Hunderte von Amerikanern hätte töten können”.

Das könnte wahr sein, aber Tatsache ist, dass Soleimani nach dem Besuch in Beirut und Damaskus nach Bagdad geflogen ist, wie israelische Medien berichten.

Premierminister Benjamin Netanjahu wusste zumindest im Voraus, dass Soleimani für eine Liquidierung vorgesehen war.

In einer Rede an die israelische Nation, deutete Netanjahu letzte Woche Schwierigkeiten an, dass im Iran etwas Größeres passieren werde. Er sagte, dass “sehr, sehr dramatische Dinge in der Region geschehen” und wiederholte diese Warnung später auf einem Twitter-Konto.

Netanjahu hat in den letzten zehn Tagen mindestens dreimal mit Pompeo telefoniert, zuvor reiste er unerwartet nach Portugal, wo er mit dem dortigen Außenminister über den Iran sprach.

Pompeo sagte nach der Tötung Soleimanis, dass ein nicht näherer bezeichneter Partner im Nahen Osten bei den Vorbereitungen für den Angriff auf den Quds-Kommandanten „fantastisch” gewesen seien.

Es könnte sein, dass die beiden beschlossen haben, dass das US-Militär Soleimani ausschalten sollte, um zu verhindern, dass der Iran ein Alibi für den Angriff auf Israel bekommt.

In dieser Hinsicht war es bemerkenswert, dass sich Netanjahu mit einer kurzen Erklärung begnügte, in der er sagte, dass die USA, genau wie Israel, das Recht hätten, sich zu verteidigen.

Der israelische Premierminister wies seine Minister unterdessen an, sich nicht zur Tötung von Soleimani zu äußern.

Die Kommandeure der Revolutionsgarden drohen nun damit, dass „israelische Städte” Ziele von Racheakten sein könnten, was erklärt, warum die israelische Armee ihre Wachsamkeit erhöht und die vorübergehende Schließung des Skigebiets auf dem Berg Hermon, dem Schauplatz früherer iranischer Raketenangriffe, angeordnet hat.

Einige Experten behaupten, die Situation im Nahen Osten könnte nach der Ermordung von Soleimani in einem neuen Weltkrieg enden . Die Schließung der Straße von Hormuz durch den Iran könnte in der Tat zu einer sehr ernsten Eskalation des gegenwärtigen Krieges zwischen dem Iran, Israel und den Vereinigten Staaten führen und andere Länder in den Konflikt hineinziehen.

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