Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar wollte mit Judit Polgár eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Landes ins höchste Staatsamt holen. Die frühere Schachweltklasse-Spielerin sagte jedoch ab und erklärte, sie fühle nicht genug Kraft, diese historische Verantwortung zu übernehmen.
Polgár sollte ein gespaltenes Land einen
Judit Polgár, die weithin als stärkste Schachspielerin der Geschichte gilt, hat das Angebot abgelehnt, Übergangspräsidentin Ungarns zu werden. Magyar hatte sie öffentlich gebeten, das weitgehend zeremonielle Amt zu übernehmen, nachdem Präsident Tamás Sulyok aus dem Amt gedrängt worden war.
Magyar hatte Sulyok als Marionette des früheren Ministerpräsidenten Viktor Orbán dargestellt. Nach seinem Wahlsieg im April versucht Magyar, zentrale Machtstrukturen aus der Orbán-Zeit zurückzubauen. Seine Tisza-Partei verfügt im Parlament über eine Zweidrittelmehrheit und setzte zuletzt eine Verfassungsänderung durch, die Sulyoks Amtszeit beendete.
Polgár bedankte sich auf Facebook für das Vertrauen, lehnte das Angebot aber klar ab. Sie erklärte sinngemäß, sie empfinde große Dankbarkeit, gefragt worden zu sein, fühle aber nicht genug innere Kraft, die historische Verantwortung zu übernehmen, eine gespaltene Nation zu einen. Deshalb könne sie die Bitte nicht annehmen.
Magyar hatte Polgár als Persönlichkeit beschrieben, deren Name seit Jahrzehnten für Talent und Ausdauer stehe. Sie sollte offenbar eine überparteiliche Figur sein: keine klassische Berufspolitikerin, sondern eine weltweit respektierte Ungarin, die für Leistung, Disziplin und nationale Würde steht.
Polgár wurde 1976 in Budapest in eine ungarisch-jüdische Familie geboren. Beide Großmütter überlebten den Holocaust, ihre Großväter wurden in Zwangsarbeitslager verschleppt. Nach Angaben des ANU-Museums des jüdischen Volkes in Tel Aviv blieb die Familie mit ihrem jüdischen Erbe verbunden. Polgár besitzt demnach auch die israelische Staatsbürgerschaft.
Jüdisches Leben in Ungarn zwischen Geschichte und Gegenwart
Polgárs Lebensgeschichte ist eng mit der besonderen Geschichte der ungarischen Juden verbunden. Ungarn hatte vor der Schoah eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten Juden rund fünf Prozent der Bevölkerung Ungarns und etwa 23 Prozent der Bevölkerung Budapests. Die Hauptstadt war ein Zentrum jüdischer Kultur, Bildung, Wirtschaft und religiösen Lebens.
Während der deutschen Besatzung 1944 wurden Hunderttausende ungarische Juden ermordet. Viele Juden aus der Provinz wurden nach Auschwitz deportiert. In Budapest überlebte ein größerer Teil der Gemeinde, auch dank Schutzpässen, ausländischer Diplomaten und jüdischer Rettungsnetzwerke. Doch die Wunde blieb tief. Nach dem Krieg und unter dem Kommunismus lebten viele Juden ihre Identität nur zurückhaltend oder verborgen.
Heute gilt die jüdische Gemeinde Ungarns mit geschätzten 47.200 Menschen als größte in Ostmitteleuropa. Ihr Zentrum ist weiterhin Budapest. Dort stehen bedeutende jüdische Einrichtungen, darunter die Dohány-Synagoge, die größte Synagoge Europas. Gleichzeitig bleibt jüdisches Leben in Ungarn politisch sensibel: Die Orbán-Jahre waren einerseits von enger Zusammenarbeit mit Israel geprägt, andererseits von Debatten über Geschichtspolitik, Antisemitismus und den Umgang mit Ungarns Rolle während der Schoah.
Polgár selbst wurde nicht durch Politik bekannt, sondern durch Schach. Gemeinsam mit ihren Schwestern Zsuzsa und Zsófia wurde sie von ihrem Vater László Polgár gezielt gefördert. 1991 wurde sie mit 15 Jahren und vier Monaten Großmeisterin und brach damit den damaligen Rekord von Bobby Fischer. Sie war die einzige Frau, die jemals dauerhaft in die absolute Weltspitze der Männer vordrang, überschritt als einzige Frau die Marke von 2700 Elo und erreichte 2004 Platz acht der Weltrangliste.
Sie besiegte zahlreiche Weltmeister, darunter Garri Kasparow, Anatoli Karpow, Wladimir Kramnik und Magnus Carlsen. 2014 beendete sie ihre aktive Schachkarriere, blieb aber als Trainerin, Bildungsbotschafterin und Gründerin der Judit Polgár Chess Foundation öffentlich präsent.
Dass Magyar gerade sie für das Präsidentenamt gewinnen wollte, zeigt den Wunsch nach einer symbolischen Figur jenseits der Parteipolitik. Dass Polgár ablehnte, zeigt aber auch, wie schwer die Aufgabe wäre: Ungarn ist nach Jahren politischer Polarisierung tief gespalten. Eine Schachlegende kann ein Land inspirieren. Aber sie muss nicht bereit sein, sich selbst auf das politische Brett stellen zu lassen.




