Letzte Woche war ich bei einer berührenden, lichtvollen Buchpremiere. „Lebensgeschichte“ – Sipur Haim (חיים סיפור) ist ein Projekt, das etwa eine Woche nach Beginn des Krieges entstand – ein freiwilliges Vorhaben, das sich ganz dem Schreiben von Büchern und dem Gedenken an die Gefallenen des 7. Oktober 2023 widmet. Wir haben in den vergangenen anderthalb Jahren bereits mehrfach darüber berichtet. So viele Ermordete, Gefallene, Tote – jeder einzelne von ihnen war ein Licht, eine ganze Welt für sich. Jeder von ihnen hinterließ Familien, die nun traurig und gebrochen versuchen, die Scherben ihres Lebens wieder zusammenzusetzen. Eine neue Chronik in Israels Geschichte.
Siehe auch: Erinnerungen am Leben erhalten
Bei der Veranstaltung sprachen mehrere Vertreter der trauernden Familien. Alle waren sich einig, der Prozess des Sammelns von Erinnerungen und des Schreibens war ein zutiefst heilender Weg. Einige wählten eine chronologische Erzählweise, um das Leben ihres Angehörigen festzuhalten. Viele verwitwete Frauen mit kleinen Kindern entschieden sich dafür, Kinderbücher zu schreiben, in einer zugänglicheren, leichteren Sprache, damit ihre Kinder ihren Vater, der im Krieg gefallen ist, kennenlernen können. Andere schrieben literarische Prosa, vielleicht wird eines Tages sogar ein Film oder ein Theaterstück daraus.

Ein junger Mann und eine junge Frau in ihren Zwanzigern, deren beide Eltern am selben schrecklichen Tag ermordet wurden, beschlossen, ein Buch zu schreiben, das ihre zukünftigen Kinder lesen können, damit sie durch dieses Buch ihre Großeltern kennenlernen, ihren Humor, ihre Ausflüge, das Essen, die Gerüche und die Atmosphäre zu Hause. All das sollte dieses Buch weitertragen. Für jede Familie wurde ein Team aus Schriftstellern, Lektorinnen, Illustratoren und anderen Fachleuten zusammengestellt und so begann dieser außergewöhnliche Prozess.
Am 7. Oktober 2023 versiegten die Worte. Selbst die reiche hebräische Sprache schien keine Begriffe mehr zu haben, um das Ausmaß des Grauens zu beschreiben, das über unser Land kam. Doch die Worte kehrten zurück, die Menschen öffneten sich wieder, Herzen wurden verbunden und die einzelnen Lebensgeschichten in Bücher begannen, Gestalt anzunehmen.

Immer mehr Familien wollen teilnehmen und die Lebensgeschichte ihrer Liebsten in Worten und Bücher festhalten. Der Premierenabend war kein gewöhnlicher Gedenktag. Es war ein Abend der Dankbarkeit – dafür, was selbst in den schwersten Momenten des Lebens möglich ist. Ein Abend voller Licht. Familien und ein ganzes Volk, das es schafft, den jüdischen Geist zu bewahren und weiterzutragen.

Die Leser von Israel Heute haben das Projekt unterstützt.
Dana Ben-Shlomi, die Initiatorin dieses gewaltigen Projekts ist eine gute Freundin von mir und sie sagte zwei Sätze, die mir am Abend der Buchpremiere eine Gänsehaut bereiteten:
„Wir schreiben das neue Jad Vashem (Holocaustgedenkstätte).“ Eine präzise Beschreibung des Gefühls von Shoah, das viele am 7. Oktober erlebt haben. Und im zweiten Satz sagte Dana: „Wir schreiben heute das neue Buch der Chroniken in der Geschichte Israels.“
Bis heute wurden 200 Bücher, neue Chroniken geschrieben und es werden noch Hunderte mehr geschrieben. Was für eine Initiative, an der auch liebe Freunde und Leser unter euch einen bedeutenden Anteil an dieser noch nicht abgeschlossenen Mission israelische Lebensgeschichten teilgenommen haben. Bisher haben wir rund 20.000 Euro für die Chronik beigesteuert.
Im Judentum ist Erinnerung ein heiliger Auftrag. Sie ist das Herz der Identität, der Schlüssel zur Zukunft und der Schutz gegen Selbstvergessenheit. Für Israel bedeutet Erinnerung, nicht nur den Schmerz zu bewahren, sondern die Würde, den Glauben und die Vision eines Volkes, das trotz allem lebt. Die biblische Erinnerung schärft die moralische Wachsamkeit:
„Nur hüte dich und bewahre deine Seele wohl, dass du die Geschichten nicht vergessest, die deine Augen gesehen haben, und dass sie nicht aus deinem Herzen kommen alle Tage deines Lebens, sondern du sollst sie deinen Kindern und Kindeskindern kundtun“. (5.Mose 4,9). Die Erinnerung bewahrt nicht nur die Vergangenheit, sie schützt die Zukunft. Erinnerung ist ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen, gegen Verharmlosung und Wiederholung des Bösen.

Erinnerung ist im Judentum kein passives Zurückblicken, sondern ein aktives Handeln im Licht des Vergangenen. Israel versteht sich als ein Volk mit Geschichte, nicht nur als ein Land mit Grenzen. Das biblische Israel lebt von der Überlieferung, von den Erzählungen der Väter, vom Auszug aus Ägypten, von der Gabe der Zehn Gebote am Sinai, vom Exil und von der Rückkehr. Ohne Erinnerung gäbe es kein kollektives „Wir“, keine gemeinsame Berufung, keine geteilte Zukunft.
Was mich besonders berührte, war eine Geschichte, die sie erzählte, wie sie eine junge Witwe begleitet, die 27 Jahre alt ist und die nur drei Monate mit ihrem Mann verheiratet war, bevor er im Krieg gefallen ist. Nachdem sie seine Lebensgeschichte zusammengestellt hatte, bat Dana sie, ein weiteres Kapitel zu schreiben, diesmal über sich selbst. Wo sieht sie sich in fünf oder zehn Jahren? Was sind ihre Träume? Ihre Ziele? Denn: Das Gedenken soll für immer bleiben, aber die Hoffnung auf die Zukunft ebenso. Und durch die Geschichten soll das Licht weiterhin in die Welt strahlen. Eine Mission, die wir weiterhin voll zur Seite stehen und mittragen.




