Gestern stand ich früh, sehr früh, am Morgen auf und fuhr mit zwei Freunden zur Kreuzung Sha’ar HaNegev, um Shiri, Ariel und Kfir Bibas die letzte Ehre zu erweisen. Ich wusste, dass wir nicht allein dort sein würden, und doch war ich überrascht von der Anzahl der Menschen. Menschen, die ihren Alltag unterbrachen, einige aus der Region, andere – wie ich – von weiter weg. Tausende Menschen standen an der letzten Station ihrer Reise.

Ich stand dort, bewaffnet mit einer Kamera (normalerweise schützt mich die Kamera und schafft eine gewisse Distanz zwischen mir und dem Geschehen – diesmal gelang es nicht). Ich betrachtete die vielen Menschen um mich herum: Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Ältere. Angesichts der Menschenmenge kam das einzige Geräusch von den Autos auf der Straße und dem Hubschrauber, der über uns kreiste. Die Menschen sprachen leise miteinander, und alle warteten einfach. Ich hörte den Gesprächen um mich herum zu. Kein einziges belangloses Gespräch. Das Warten war lang, und dennoch waren alle in sich gekehrt.
Die Familie Bibas wurde – gegen ihren Willen – zum Symbol. Alle vier wurden entführt. Ich bin sicher, ihr habt das Video gesehen, in dem Mutter Shiri ihre beiden kleinen Söhne umarmte und fest an sich drückte, während ihr Gesicht von Angst gezeichnet war. Vater Yarden wurde getrennt von ihnen auf einem Motorrad entführt, umringt von einer wütenden Menge, sein Gesicht blutüberströmt. Dann kam ein Lebenszeichen von ihm – ein Video. Bevor sie ihn filmten, erzählten sie ihm, seine Familie sei durch einen israelischen Luftangriff getötet worden (später stellte sich heraus, dass dem nicht so war – sie wurden grausam ermordet). In dem Video wirkte er verängstigt und verwirrt. Danach – Stille. Kein Wort mehr über ihn, seine Frau oder seine Kinder. Aufgrund ihres jungen Alters war jeder sicher, dass sie in der ersten Freilassungsrunde nach 50 Tagen befreit werden würden. Als das nicht geschah, begannen Spekulationen und Befürchtungen.
Yarden kehrte nach 484 Tagen in Gefangenschaft zurück, sein Gesicht ausdruckslos. Erst auf Bitten eines der Entführer winkte er kurz der Menge zu – wieder mit erstarrtem Gesicht. Und dann kam die Rückkehr der Leichen, mit dem furchtbaren Irrtum der Übergabe einer Frau, die nicht Shiri war. Ich erinnere mich, wie ich vor dem Fernseher saß und mir sagte: „Es hört einfach nicht auf! Diese Familie findet keine Ruhe!!!“ Dies ist der Moment, um auch an Shiris Schwester zu erinnern, die am verfluchten 7. Oktober ihre Eltern verlor – und nun auch ihre Schwester und ihre beiden Neffen. Sie bleibt allein zurück.

All diese erschütternden Informationen drangen in die Herzen so vieler Menschen ein, sei es wegen des jungen Alters der Kinder oder aus anderen Gründen. Tausende Menschen standen entlang der gesamten Strecke am Straßenrand, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Es gab viele Gesten – unzählige orangefarbene Luftballons, zahlreiche gelbe Fahnen und noch mehr Staatsflaggen. Einige Menschen verkleideten sich als Batman – die Lieblingsfigur des kleinen Ariel. Viele hielten Schilder hoch.
Auch in anderen Städten versammelten sich Menschen, einfach um zusammen zu sein. Eine Freundin erzählte mir, dass in Jerusalem Schüler aus ihren Schulen kamen und sich in der ganzen Stadt aufstellten (und ich bin sicher, dass es in anderen Städten des Landes ebenso war), obwohl sie nicht entlang der letzten Fahrtroute standen. Mein Gefühl war, dass jeder Trost brauchte. Jeder musste von anderen umgeben sein. Zusammen sein.

Als der Konvoi die Kreuzung Sha’ar HaNegev erreichte, wurde die Stille zu vollkommener Ruhe. Jetzt war nur noch der Hubschrauber zu hören, der über uns kreiste. Der Trauerzug bestand aus mehreren Autos und Dutzenden von ZAKA-Mitarbeitern sowie israelischen Polizisten auf Motorrädern. Es war schwer für den langen Konvoi, sich durch die Menge zu bewegen, aber sie schafften es. Vater Yarden formte mit den Fingern ein Herz als Zeichen der Liebe für die vielen Menschen.
Und das war es.
Der Konvoi zog weiter, doch die Menschen blieben. Zuerst sangen sie die „Hatikva“, dann noch weitere Lieder, die mit dieser Zeit verbunden sind. Langsam begannen sie, sich aufzulösen, nach Hause zurückzukehren. Zur Familie. Zur Arbeit. Zum Alltag.
Vater Yarden nicht.
Er blieb allein zurück.




