Vergebung: Präsident Rivlin vs. Präsident Bolsonaro

Zwischen den befreundeten Staaten Israel und Brasilien kam es zu Spannungen über die Frage, ob man den Nazis für den Holocaust verzeihen könnte.

von Tsvi Sadan |
Präsident Rivlin und Präsident Bolsonaro
Foto: Noam Revkin Fenton/Flash90

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro sagte am Donnerstag vor einer Gruppe evangelikaler Pastoren in Rio de Janeiro zum Holocaust: „Wir können vergeben, aber wir können nicht vergessen … diejenigen, die ihre Vergangenheit vergessen, werden dazu verurteilt, keine Zukunft zu haben.“

Der israelische Präsident Reuven Rivlin hatte daraufhin empört getwittert: „Wir werden niemals denen beipflichten, die die Wahrheit leugnen oder erreichen wollen, dass sie vergessen wird, weder Einzelpersonen noch Organisationen, Parteiführern oder Staatsoberhäuptern. Niemand kann die Vergebung des jüdischen Volkes einfordern und niemand wird das akzeptieren.“

Was Rivlin eigentlich damit sagen wollte, war, dass der brasilianische Präsident nichts anderes als ein Holocaust-Leugner ist. Bolsonaros Antwort auf Rivlin war genauso hart. Vorsichtig genug, um nicht direkt den Namen Rivlin zu nennen, schloss er den israelischen Präsidenten mit ein zu den „Leuten, die mich und meine jüdischen Freunde entzweien wollen.“ Was Bolsonaro damit eigentlich sagen wollte, wenn ich ihn richtig verstehe, war, dass Rivlin seine eigene enge politische Agenda über die Interessen Israels stellt.

Man könnte sich tatsächlich fragen, warum Rivlin so voreilig war, so starke Anschuldigungen gegen einen so großen Freund Israels zu erheben. Es gibt zwei Möglichkeiten, an die ich denken kann: Entweder dachte Rivlin nicht darüber nach, bevor er twitterte, oder er versuchte, Bolsonaro, der von der israelischen Linken als rassistisch, frauenfeindlich und als Homophob angesehen wird, zu diskreditieren. Wenn es sich um das letztere handelt, was meines Erachtens so ist, bedeutet dies, dass, wie Bolsonaro angedeutet hat, der israelische Präsident vor einer progressiven Agenda kapituliert hat, die eine Bedrohung für Israel und seine Verbündeten darstellt. Und das ist eine ebenso überwältigende Anschuldigung wie Rivlins Unterstellung, dass Bolsonaro irgendwie den Holocaust leugnet.

Nachdem Bolsonaro auf diese Weise auf Rivlin reagiert hat, hat er jedenfalls nicht dazu beigetragen, die Spannungen abzubauen. Indem er später klarstellte, dass „Vergebung etwas Persönliches“ ist, hat der brasilianische Führer die Wahl offengelassen, ob man jenen zu vergeben habe, die sechs Millionen Juden vom Angesicht der Erde ausgelöscht haben, ohne es zu bereuen.

In Anbetracht des christlichen Kontextes, den Bolsonaro ansprach, dachte er wahrscheinlich an die Worte Jesu: „Wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben.“ In bestimmten evangelikalen Kreisen, die besonders von Pater Peter Hockens Idee der Vergebung geprägt sind, bedeuten diese Verse aber, dass die Vergebung nicht nur auf Menschen ausgedehnt werden kann, die gegen einen selbst gesündigt haben, sondern auch auf Menschen, die gegen andere gesündigt haben.

In seinem Buch Die Sonnenblume: Über Möglichkeiten und Grenzen der Vergebung untersucht Simon Wiesenthal diese Möglichkeit eingehend und kommt zu dem unausweichlichen Schluss, dass er, obwohl selbst ein Holocaust-Überlebender, kein Recht hat, einem NS-Verbrecher zu vergeben, der mit ihm persönlich gar nichts zu tun hatte. Zu der Bekenntnis eines sterbenden SS-Soldaten, dass er an der Verbrennung von 300 Juden teilgenommen hatte, war das Äußerste, was Wiesenthal ihm bieten konnte Schweigen.

Aber dass Bolsonaro auch nur die Möglichkeit in Betracht zieht, NS-Verbrechern persönlich zu vergeben, ist eine moralische Ungeheuerlichkeit und weitaus schlimmer als Rivlins engstirnige politische Agenda. Man kann nur hoffen, dass sich jemand zum Wohle aller die Zeit nimmt, um Die Sonnenblume für den brasilianischen Präsidenten, der schließlich ein echter Freund Israels ist, zusammenzufassen.

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