Situation im hohen Norden spitzt sich zu

Ein Exklusivbericht von Israel Heute über die Pattsituation zwischen Russland und der Ukraine

von Yossi Aloni | | Themen: Putin, Russland, Ukraine
Ein ukrainischer Soldat prüft die Lage in den Stellungen an der Frontlinie in der Nähe des Dorfes Awdijiwka, unweit der von prorussischen Kämpfern kontrollierten Stadt Donezk, 25. Januar 2022. Foto: EPA-EFE/STANISLAV KOZLIUK

In den verschneiten Straßen von Kiew in der Ukraine ist keine Kriegsstimmung zu spüren, ganz im Gegenteil zu der Situation im Jahr 2014 nach der russischen Invasion und Annexion der Halbinsel Krim. Damals mobilisierte sich das ukrainische Volk in Massen. Die Menschen trugen Militäruniformen und zogen aus, um für ihre „Heimat“ zu kämpfen. Dieses Mal scheinen sie gleichgültig zu sein. Die stellvertretende Ministerpräsidentin der Ukraine Olha Stefanishyna wurde gefragt, was sich geändert hat und warum die Reaktion „auf der Straße“ heute anders ist.

„Im Jahr 2014 war es ein chaotischer Prozess“, erklärt sie in fließendem Englisch. „Damals hatten wir keine Armee wie heute. Heute haben wir eine starke Armee und tragen Verantwortung für die Einheit der Ukraine. Wir wussten nicht, wie die russische Aggression aussah. Nach der Annexion der ‚Krim‘ dachten wir, dass es überall Krieg geben würde. Und die Menschen mobilisierten sich, um die territoriale Integrität des Landes zu verteidigen. Nach 8 Jahren haben wir einen starken militärischen Widerstand aufgebaut. Es gibt eine breite internationale Unterstützung für unsere territoriale Integrität – internationale Einigkeit, Sanktionen und Vertrautheit mit dem Putin-Regime. Wir kennen Putin besser als jedes andere Land der Welt“.

Stefanishyna zufolge ist die Ukraine auf den Fall einer militärischen Eskalation vorbereitet. „Es geht nicht nur darum, dass die Ukraine Mitglied der NATO werden will. Das ist auch für die NATO wichtig. Es ist der Wunsch des Volkes, der NATO beizutreten. Für die NATO ist es wichtig, Russland zu zeigen, dass sie dem Ultimatum Putins nicht nachgeben wird. Eine solche Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft haben wir noch nie erlebt. Wir werden von unserem Wunsch, der NATO beizutreten, nicht abrücken. Es hat eine aggressive Rhetorik von seiten Russlands gegeben. Wir schließen die Möglichkeit einer militärischen Invasion nicht aus, aber wir kennen Russland. Wenn man ihnen eine echte rote Linie zieht, werden sie diese nicht überschreiten“.

Stefanishyna erklärte, dass die Militärpräsenz in Kiew gering, in Grenznähe jedoch groß sei.

„Wir bereiten uns auf eine Eskalation vor, auch wenn es nicht zu einem Einmarsch kommen wird, denn unsere Wirtschaft ist dadurch beeinflusst und wir müssen die Stabilität der Banken aufrechterhalten. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass jede Woche einer solchen Alarmbereitschaft eine Menge Geld erfordert, das wir nicht haben. Die Fortsetzung der Eskalation ist die neue Normalität, die die Russen anstreben. Das ist nicht neu. Wir bereiten uns darauf vor. Der Krieg ist ein Test für die Demokratie. Wenn die Nationen die Stabilität in Europa erhalten wollen, müssen sie an unserer Seite stehen.“

Putin, wird er die Lage weiter eskalieren lassen? Foto: Hadas Parush/Flash90

Trotz der Worte von Stefanishyna weiß man in der Ukraine sehr wohl, dass die russische Armee viel stärker ist als die ukrainische und dass Putin, wenn er es wirklich will, das Land erobern kann. Im Allgemeinen glauben die Ukrainer jedoch nicht, dass Putin dies tun wird, daher die Gleichgültigkeit. Die Ukrainer, mit denen wir sprachen, sagten, selbst wenn Putin verrückt werden und in die Ukraine einmarschieren würde, wäre das kein „Spaziergang im Park“.

„Er wird auf Widerstand stoßen, den er nicht erwartet hat. Die Menschen hier werden gegen ihn kämpfen wie Partisanen in einem Guerillakrieg – auf den Straßen, in den Vierteln, Dörfern und Städten. Es mag ihm gelingen, das Land einzunehmen, aber er wird die Ukraine nicht halten können“, so Vadim, ein ukrainischer Staatsbürger, der 2014 in den Krieg gezogen und nun auf einen weiteren Krieg vorbereitet ist.

 

Können die Oberrabbiner den Frieden bringen?

Die Juden in der Ukraine verfolgen die Berichte mit großer Sorge. Der Oberrabbiner der Ukraine Moshe Azman hat sogar angeboten, zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln – gemeinsam mit dem Oberrabbiner Russlands Berel Lazar. Rabbiner Lazar steht Putin sehr nahe, und Azman steht dem ukrainischen Präsidenten Zelensky nahe. Vielleicht gelingt den Rabbinern, was bisher niemandem gelungen ist. Auf Bitten der Ukrainer hat Israel angeboten, aufgrund seiner Nähe zu den beiden Ländern bei der Vermittlung mit den Russen zu helfen. Putin lehnte höflich ab.

Im Allgemeinen ist Putin sehr erfreut über die Nervosität im Westen über seine mögliche Invasion. Die Pattsituation stärkt seinen Rückhalt im eigenen Land, der zuvor immer geringer geworden war. Es ist praktisch, einen Feind zu haben, auf den man das „Feuer“ umlenken kann. In gewisser Weise ist Putin bereits der Gewinner dieser Konfrontation. Es ist ihm gelungen, die Frage des NATO-Beitritts der Ukraine und der osteuropäischen Länder auf den Verhandlungstisch zu bringen – etwas, von dem er in der Vergangenheit nur träumen konnte. Putin hat dies bereits als einen großen Erfolg dargestellt.

 

Israelische Evakuierung

In der Zwischenzeit hat die israelische Botschaft in der Ukraine die 20.000 in der Ukraine lebenden Israelis aufgefordert, sich auf einer speziellen Website zu registrieren, falls die Israelis im Notfall evakuiert werden müssen. Die zionistischen Abgesandten und jüdischen Lehrer in der Ukraine wurden angewiesen, jederzeit bereit zu sein, das Land zu verlassen, falls sie dazu aufgefordert werden. Eine solche Entscheidung ist noch nicht getroffen worden, aber die Sicherheitsbeamten wollen im Falle einer russischen Invasion nicht überrascht werden.

In der Ukraine geht man übrigens davon aus, dass es zu einem symbolischen Schritt Putins kommen wird – vielleicht eine begrenzte militärische Bewegung im Osten, vielleicht die Annexion der Separatistengebiete Lugansk und Donezk.

Die Ukrainer sind besorgt über die wirtschaftlichen Folgen der Spannungen. Wenn sich die angespannte Lage und die Angst vor einer russischen Invasion über einen längeren Zeitraum hinziehen, wird dies die Investoren abschrecken. Schon jetzt verliert die ukrainische Währung an Wert.

„Die Ukraine ist zu jeder Entwicklung bereit, hofft aber, dass die Menschen klug genug sind, keinen dritten Weltkrieg anzufangen“, sagte der ukrainische Parlamentsvorsitzende Ruslan Stefanchuk auf die Frage, was passieren würde, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert.

Ruslan Stefanchuk – Foto: EPA-EFE/SERGEY DOLZHENKO

Bezüglich einer unmittelbaren Kriegsgefahr antwortete Stefanchuk: „Ich denke das hängt von Russland ab, wie nah wir am Rande eines Krieges sind. Aber ich denke, die Ukraine und alle ihre Partner in der Welt tun alles, was möglich ist, damit Russland sich nicht für so einen Schritt entscheiden wird.“

Auf die Frage, ob die Ukraine über die Erklärung von US-Präsident Joe Biden enttäuscht sei, in der die USA offenbar grünes Licht für einen „kleinen Einmarsch“ der Russen gaben, antwortete er:

„Ich unterstütze voll und ganz die Worte des ukrainischen Präsidenten, dass es so etwas wie ‚kleinere‘ Invasionen nicht gibt.“

Die Vereinigten Staaten übermittelten Israel Botschaften, in denen sie Israel aufforderten, öffentlich für die territoriale Integrität der Ukraine einzutreten und Russland klarzumachen, dass es einen hohen Preis zahlen werde, wenn es in die Ukraine eindringe.

Einer hochrangigen Regierungsquelle zufolge erwarten die Amerikaner nicht, dass sich Israel den Sanktionen gegen Russland anschließt, sich aber zumindest gegen eine mögliche drohende Invasion aussprechen wird.

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