Dies entspringt einer westlichen Tradition, um jeden Preis eine Lösung zu finden. Der Drang kommt immer dann zum Ausdruck, wenn im Land so schlimme Dinge geschehen wie Terror, mit Bomben oder mit Raketen. Wie ein Chor klingen dann die Stimmen von Links und von Rechts, dass der israelischen Armeeführung eine strategische Vision fehle, mit der der endlose Konflikt endlich beendet werden könne. Aus dem Ausland wird Israel gleichermaßen für sein scheinbares Nichtstun kritisiert.
Die einen schlagen vor, das Hamas-Regime im Gazastreifen ein für alle Male zu beseitigen. Gleichzeitig bestehen dieselben Politiker auf einem vollen Sieg über die PLO-Führung in Ramallah, wobei alle Vereinbarungen annulliert werden sollten, darunter auch das Oslo-Abkommen.
Auf der anderen Seite ruft man zur Wiederaufnahme der Verhandlungen mit den Palästinensern auf, wissend, dass Israel von vornherein zu weiteren Zugeständnissen genötigt würde, um den Palästinensern Gesten des guten Willens anzubieten. Dazu gehört stets der einseitige Rückzug aus Judäa und Samaria, womit Israel nicht nur den Palästinensern, sondern auch der ganzen Welt signalisiert, dass ein Palästinenserstaat eine beschlossene Sache sei. Aber worüber kann Israel noch verhandeln, wenn dies bereits versprochen wurde?
Dieser Drang ist nach Einschätzung vieler Sicherheitsexperten falsch. Unter den Umständen im Nahen Osten ist eine nüchterne Politik des Konfliktmanagements die logischere und moralischere Wahl. „Selbst in schwierigen Zeiten und trotz der anhaltenden Schmerzen derer, die unmittelbar in Judäa und Samaria oder am Gazastreifen bedroht sind, ist oft eine kontrollierte Zurückhaltung weiser, als den Konflikt um jeden Preis zu lösen“, unterstrich der Vize-Präsident des Jerusalemer Instituts für Strategie und Sicherheit, ehemals Oberst, Dr. Eran Lerman. „In der Tat hat es Fälle in der Geschichte gegeben, in denen Vorschläge, tiefe und schmerzhafte Konflikte um jeden Preis zu lösen, tatsächlich tragische Folgen hatten.“ Es gibt den Begriff „Gesetz der unbeabsichtigten Folgen”, und in der Geschichte sind unbeabsichtigte Folgen Resultate von Handlungen, die nicht beabsichtigt waren. Wie im Fall des Oslo-Abkommens (1993) und dem Abzug der israelischen Truppen und Evakuierung der jüdischen Siedlungen aus dem Gazastreifen (2005). Beides sind Geschichten des Scheiterns.
Am 24. Juli 1995 sagte Itzchak Rabin im israelischen Rundfunk: „Die Albtraumgeschichten des Likud sind uns bekannt. Diese haben uns Katjuscha-Raketen aus dem Gazastreifen versprochen … Der Gazastreifen unterliegt seit einem Jahr weitgehend der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde. Und nicht eine Rakete wurde auf Israel abgeschossen.“ Ein Jahr vor dem Abzug aus dem Gazastreifen, am 25. Oktober 2004, gab sich Ariel Scharon im israelischen Parlament davon überzeugt, dass Israels Abkoppelung vom Gazastreifen gelingen werde: „Dies wird zum Segen. Es wird die Feindseligkeit verringern. Es bringt uns auf den Friedensweg mit den Palästinensern und unseren Nachbarn.“ Beide Zitate, sie liegen fast ein Jahrzehnt auseinander, zeigen, wie sehr die israelische Gesellschaft von ihren Führern getäuscht wurde. Konfliktmanagement wird in der Region als Schwäche interpretiert. Konfliktmanagement verärgert viele in Israel, die der Regierung vorwerfen, die Palästinenser nicht härter angefasst zu haben.
Netanjahus Regierungen der letzten zehn Jahre waren solches Konfliktmanagement. Aber so etwas muss mit Weisheit, Geduld und enormer Macht gemanagt werden, damit es als Stärke wahrgenommen wird und nicht als Schwäche. Das Konzept „Friede Jetzt“ ist bei aller Liebe zum Frieden für die Mehrheit des Volkes eine völlige Illusion. „Nicht jeder Konflikt hat eine Lösung. Es gibt Dinge, die gelernt werden müssen, um mit ihnen zuerst in Sicherheit leben zu können“, erklärte der strategische Berater und Ex-General Tal Brown. „Dies kann Generationen dauern.“
Israel muss mit der Hand am Schwert leben. Zum einen gehört dies im Nahen Osten dazu, und zum anderen ist es leider nichts Neues für das jüdische Volk in seiner Geschichte. Der Friede wird uns gewiss überraschen, aber bis dahin muss Israel vorsichtig sein und darf sich keine Flüchtigkeitsfehler erlauben.




