Schneider Aviel

Jerusalem und Tel Aviv in Babylon

Die beiden wichtigsten Städte Israels scheinen von der Welt getrennt zu sein, und interessanterweise spiegelt sich dies in der biblischen Erzählung anschaulich wider.

| Themen: Bibel
Die beiden wichtigsten Städte Israels, Tel Aviv (links) und Jerusalem (rechts), liegen weniger als eine Stunde voneinander entfernt und könnten unterschiedlicher nicht sein. Foto: Flash90

Schon zu biblischen Zeiten haben Jerusalem und Tel Aviv wie zwei geistliche Zentren im Volk Israel gewirkt. In Jerusalem diente der Tempel dem Volk und in der Diaspora war es Tel Aviv, das in Hesekiel 3,15 mit der Schreibweise Tel Abib erwähnt wird.

„Und ich kam zu den Gefangenen nach Tel Aviv, die am Fluss Kebar wohnen und da sie dort saßen, setzte ich mich auch dorthin und war sieben Tage lang in Staunen versunken unter ihnen.“

Dies berichtet der Prophet Hesekiel, der 598 v. Chr. unter König Nebukadnezar mit unter den ersten der Kinder Israels war, die nach Babylon verschleppt wurden. Zur selben Zeit wirkte in Jerusalem der Prophet Jeremia. In unmittelbarer Nachbarschaft zerfiel langsam das assyrische Reich, das 300 Jahre lang in der Region geherrscht hatte.

Im Osten und Süden kämpften derweil zwei neue Supermächte, Babylon und Ägypten, um die assyrische Herrschaft zwischen dem Euphrat und Sinai abzulösen. Mittendrin befand sich das biblische Königreich Juda, das wegen des geopolitischen Streits zwischen den zwei Supermächten in eine Art Zwickmühle geraten war. In dieser geistlichen und politischen Umgebung wirkten die Propheten. Zwanzig Jahre wirkte Hesekiel als Prophet im babylonischen Exil am Ufer von Kebar, einem Nebenfluss des Euphrats bei Tel Aviv.

Beide Glaubenszentren – Jerusalem im Land und Tel Aviv im Ausland – haben das jüdische Volk vor etwa 2500 Jahren geprägt. Vor seinen Zuhörern prophezeite Hesekiel die bevorstehende Zerstörung Jerusalems und die zukünftige Erlösung Tel Avivs. So wie in diesen Tagen Jerusalem auf den Bergen und Tel Aviv an der Meeresküste wie zwei gegensätzliche Pole im Land wirken (Stichwort: Glaube und Wissenschaft), so waren zur Zeit von Jeremia und Hesekiel Jerusalem und Tel Aviv zwei unterschiedliche Glaubenszentren im jüdischen Volk.

 

Die Söhne der Priester

Zwei Priestersöhne dienten als Propheten. Hesekiel war der Sohn des Priesters Busi, und sein Name bedeutet „Gott stärkt“. Jeremia war der Sohn des Priesters Hilkia und lebte unter Judas Königen Josia, Jojakim und Zedekia. Sein Name bedeutet „Gottes Name ist erhaben“. Das Volk lebte getrennt, ähnlich wie heute. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in unserer heutigen Zeit lebt im Exil (Nordamerika und Europa) und nicht im Land.

Im Land wie im Ausland muss Gott gedient werden. Jeremia diente mit den Zurückgebliebenen in Jerusalem und Hesekiel mit den Verbannten im Exil. Jede jüdische Gemeinde hatte seine ganz eigenen Bedürfnisse, und dies ist in den unterschiedlichen Verheißungen der beiden Propheten klar erkennbar.

Hesekiel prophezeite knapp 1000 km östlich von Jerusalem in Tel Aviv am Fluss Kebar: Er erinnerte seine Zuhörer daran, dass Gottes Stimme auch im Exil zu hören ist und dass der Allmächtige seine Kinder auch im Ausland nicht vergessen wird. Den Juden in Zion sprach er ebenso ab und an seine Verheißungen zu.

Hesekiel prophezeit gegenüber den Verbannten in Babylon, die seit fünf Jahren dort lebten. In Jerusalem herrschte zu dieser Zeit König Zedekia, der einen Aufstand gegen die babylonischen Eroberer plante. Kurz vor der Tempelzerstörung. Das ist die Situation. In seiner ersten Verheißung redet Hesekiel über die Räder eines lebendigen Wagens, der die Erde berührt. Seine Prophezeiungen enthalten mysteriöse Schilderungen, wie die Erscheinung der Herrlichkeit Gottes, was Hesekiel auch mit auf Reisen nimmt, bei denen er einen Tempel und Jerusalem sah. Juden in Babylon sehnten sich nach Zion und den Tempel, an ihre Heimat. Hesekiel reagiert in seinen Verheißungen auf Fragen und Stimmen der verbannten Juden in Tel Aviv. Wie ist ein jüdisches Leben im Exil möglich? Ist die Diaspora eine Strafe? Was sagt das über die Verbannten? Was sagt das über die Zurückgebliebenen in Zion? Hesekiel sprach die Herzen und Nöte der Juden in Babylon an.

Bis zur Zerstörung Jerusalems hat Hesekiel die Juden in Babylon auf ihre Sünden aufmerksam gemacht und ihnen vorgeworfen, dass sie wegen ihrer Sünden nach Babylon verbannt worden sind. Er warnte sie, dass Jerusalem vernichtet wird und sie zu Sklaven werden, sollten sie nicht Buße tun. So wie der Prophet Jeremia zur selben Zeit in Israel diente, so warnte auch Hesekiel, dass der Tempel in Jerusalem nicht eine automatische Garantie zur Verteidigung oder Rettung ist. Zudem warnte Hesekiel wie sein Kollege in Jerusalem vor den falschen Propheten im Volk und signalisierte den Menschen, dass politische Tricks gegen Babylon keinen Sinn machen. Beide, Hesekiel und Jeremia, haben die Tempelzerstörung vorausgesagt und miterlebt, Jeremia im Land und Hesekiel im Ausland.

Jeremia war ein Prophet der Klagen. Seine Prophezeiungen zeugten von seiner großen Kenntnis der geopolitischen Situation im alten Nahen Ostens. Er diente über vierzig Jahre in Jerusalem als Prophet und sah mit eigenen Augen politische Prozesse voraus, wie die Zerstörung des Königreichs Juda und das Trauma der Verbannung. In seinen Verheißungen kritisierte er das Volk in Jerusalem, er kritisierte falsche Bündnisse, die vor Gottes Augen nicht rein waren. Immer wieder hat Jeremia ihnen dieses Unheil prophezeit. Er warnte das Volk in Juda, dass es Israel nicht guttut, militärisch zu paktieren und sich korrupten Financiers auszuliefern. Und dennoch folgten sie falschen Propheten. Das Volk vertraute anderen Stimmen, die von einer Liberalisierung des Finanzmarktes schwärmten. Dasselbe wird Israel auch in unserer Zeit nachgesagt. Man muss sich fragen: Folgt das Volk Gott oder neuen Ideen?

Auf der anderen Seite war Jeremia auch ein politischer Realist und sagte, wer überleben möchte, muss nach Babylon auswandern:

„Wer in dieser Stadt bleibt, der wird entweder durchs Schwert oder vor Hunger oder an der Pest sterben. Wer aber hinausgeht und zu den Chaldäern überläuft, die euch belagern, der wird leben und seine Seele als Beute davontragen“.

In der Art und Weise, wie Hesekiel seine Gemeinde in Babylon anspricht, so redet Jeremia zu seiner Gemeinde in Juda. Seine Verheißungen sind auch in diesen Tagen relevant, eine moralische und laute Stimme gegen eine komplexe Politik im Land. Ähnliches hören wir heute, wie Juden im Notfall mit einem ausländischen Reisepass aus dem Land fliehen wollen. Das heißt, wenn sogar der Prophet Jeremia eine Flucht zum Überleben vorschlug, dann ist das fast wie eine Genehmigung für heute.

Nach der Tempelzerstörung hörte Hesekiel mit den Prophezeiungen der Zurechtweisung und des Unglücks auf, von nun an prophezeite er Trost für das Volk Israel. Er verkündete die Rückkehr der Verbannten in das Land Israel und sah den Wiederaufbau des Landes und des Tempels. Hesekiel verkündete eine glorreiche Zukunft eines erneuerten Volkes in seinem Land. Hesekiel schildert seine Prophezeiung mit Visionen und Bildern einer neuen Zukunft und betont dies mit Gottes aktiven Wirken in Worten wie „die Hand Gottes“ und „der Geist Gottes“. Hesekiels dramatische Vision im Tal der trockenen Knochen und die Wiederbelebung des Volkes sah er im Exil in Tel Aviv für seine jüdische Gemeinde in Babylon voraus. Damit machte er den verbannten Juden an den Ufern Babylons neue Hoffnung für ihre Heimkehr.

Hesekiels Vorstellung bezieht sich auf eine politische Wiederherstellung Israels, eine „Auferstehung des Volkes. Die Vorstellung, dass Gott auch ins „Totenreich“ eingreift und sein Volk daraus befreit, ist bei Hesekiel demnach gar nicht so einzigartig. In der modernen Geschichte Israels bekam der biblische Text einen neuen Bezug durch die Gräuel des Holocausts im letzten Jahrhundert.

Ob in Jerusalem oder in Tel Aviv am Fluss Kebar oder in Tel Aviv an der israelischen Meeresküste – der Gott Israels ist damals und heute, im Land oder im Exil, derselbe Gott. Aber auch das Volk Israel ist dasselbe Volk, das Gott in jeder Generation Freude und Kummer bereitet, ob in Jerusalem oder in Tel Aviv.

3 Antworten zu “Jerusalem und Tel Aviv in Babylon”

  1. jotfried sagt:

    Zitat -“Bis zur Zerstörung Jerusalems hat Hesekiel die Juden in Babylon auf ihre Sünden aufmerksam gemacht und ihnen vorgeworfen, dass sie wegen ihrer Sünden nach Babylon verbannt worden sind.” -Zitat Ende.

    Dieser “antiken Offenbarung” (aus dem brillanten Referat von Aviel Schneider) stelle ich an die Seite, dass Offenbarungen nicht nur damals im Exil passierten, sondern auch im HIER & JETZT.
    Diese Überzeugung gewann ich, als ich Psalm 139 auswendig lernte. Daraus resultierte ein Schreiben an die Katholische Akademie, welches ich anschließend posten werde.

  2. jotfried sagt:

    Hier mein Schreiben an die Katholische Akademie (in Osnabrück)

    Gebote ≠ Verbote

    In meiner Bibel (Ausgabe 1950) steht als Überschrift über 2Mo20 DIE HEILIGEN ZEHN GEBOTE.

    Ich ging die einzelnen Weisungen durch. Dabei stellte ich fest, es sind deutlich mehr als 10. Außerdem ist zu unterscheiden zwischen ‘Gebot’ und ‘Verbot’.

    Zur leichteren Kontrolle der Zählung habe ich im Anhang den originalen biblischen Text vereinfacht dargestellt und spaßeshalber hinten ergänzt, damit nicht nur Ochse und Esel, sondern zeitgenössische ‘Artikel’ bedacht werden.

    Wie steht die katholische Akademie bzw. ihre Mitglieder meiner Forderung gegenüber, die Heiligung nicht zu gefährden durch Verbreitung falscher Zahlen ?

    In Anbetracht der Tatsache, dass – vor den Katholiken – auch der jüdische Klerus die Anzahl der Gebote (auch heute noch) verfälscht, kam mir der Verdacht, dass das jahrhunderte-lange Elend der Juden auch interpretiert werden kann als Folge der Falschaussage zur Anzahl eben dieser Gebote.

    …infolgedessen dürfte das Elend der Katholischen Kirche – aber auch das Elend der über 350 nicht-katholischen Kirchen – dieselbe Ursache haben, oder?

    Zitat Ende. Leider kann ich den erwähnten Anhang hier nicht präsentieren. Statt “Ochsen und Esel” habe ich “Fahrräder und Autos” ergänzt, “die wir nicht von unseren Nachbarn begehren sollen”.
    Alles in allem bin ich felsenfest davon überzeugt, dass sich der Schöpfer des lebendigen Lebens “nicht die Butter vom Brot nehmen lässt”.

  3. Gisela Fiedler sagt:

    Alle Religionen und Sekten verbreiten falsche Lehre .

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