Wenn in Europa für Gaza gespendet wird, glauben die meisten Menschen, Hungernden zu helfen, medizinische Versorgung zu unterstützen oder Familien in Not beizustehen. Doch was geschieht mit dem Geld, nachdem der „Spenden“-Button gedrückt wurde? Wer kontrolliert die Wege der Millionenbeträge? Und wer garantiert, dass humanitäre Hilfe tatsächlich bei Bedürftigen ankommt und nicht in den Händen von Organisationen landet, die Terror unterstützen? Eine neue Untersuchung des israelischen Ministeriums für Diaspora-Angelegenheiten und den Kampf gegen Antisemitismus wirft genau diese Fragen auf. Der Bericht zeichnet das Bild eines weit verzweigten Netzwerks von Spendenkampagnen, undurchsichtigen Finanzströmen und mangelnder Kontrolle, das weit über einzelne Hilfsaktionen hinausgeht. Die Ergebnisse dürften nicht nur in Israel, sondern auch in Europa für erhebliche Diskussionen sorgen.
Eine neue Untersuchung des israelischen Ministeriums für Diaspora-Angelegenheiten und den Kampf gegen Antisemitismus zeichnet ein beunruhigendes Bild der Finanzierung Gazas aus Europa seit dem 7. Oktober 2023. Dem Bericht zufolge wurden über ein weit verzweigtes Netzwerk von Online-Spendenkampagnen mehr als 9,5 Millionen US-Dollar gesammelt, wobei bei zahlreichen Kampagnen Verbindungen zur Hamas und anderen Terrororganisationen festgestellt worden sein sollen.
Die Forscher identifizierten mehr als 45 Organisationen, die jeweils mindestens 100.000 Dollar eingeworben haben. Sieben Kampagnen sammelten sogar jeweils über eine Million Dollar, weitere vier zwischen 500.000 und einer Million Dollar. Die Untersuchung konzentrierte sich auf Großbritannien, Frankreich, Spanien und die Niederlande. Die Gelder wurden über Crowdfunding-Plattformen, Vereinswebseiten, Banküberweisungen, Zahlungs-Apps und teilweise auch über Kryptowährungen gesammelt.
Besonders alarmierend ist nach Angaben des Ministeriums, dass 23 der untersuchten Kampagnen als direkt oder indirekt mit der Hamas oder anderen Terrororganisationen verbunden eingestuft wurden. Direkte Verbindungen umfassen Organisationen, die bereits als Terrororganisationen gelten, Personen mit Hamas-Bezug beschäftigen oder Aktivitäten mit eindeutig terrorunterstützendem Charakter entfalten. Indirekte Verbindungen bestehen laut Bericht durch Kooperationen mit Hamas-nahen Organisationen, Geldtransfers an entsprechende Einrichtungen oder öffentliche Stellungnahmen, die Terror rechtfertigen oder unterstützen.
Allein in Großbritannien wurden über Crowdfunding-Plattformen mehr als 11 Millionen Pfund Sterling, umgerechnet rund 14 Millionen US-Dollar, für Gaza gesammelt. In Frankreich kamen etwa 1,4 Millionen Euro zusammen, während in Spanien und den Niederlanden jeweils mehrere Hunderttausend Euro eingeworben wurden. Zu den wichtigsten genutzten Plattformen zählen JustGiving, Big Give, HelloAsso, GoFundMe und Global Giving. Einzelne Kampagnen erreichten Summen von mehreren Hunderttausend Pfund oder Euro, manche sogar weit über eine Million. Hinzu kommen direkte Spendenkanäle über Vereinswebseiten, Banküberweisungen und PayPal, deren Umfang auf weitere Millionenbeträge geschätzt wird. In mehreren Fällen wurden zudem Kryptowährungen als Spendeninstrument identifiziert, deren tatsächliches Volumen jedoch nicht beziffert werden konnte.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die offenbar mangelnde Kontrolle und Transparenz vieler Crowdfunding-Plattformen. Zwar können Spender die Kampagnen und Zahlungswege einsehen, doch bleibt in den meisten Fällen unklar, wer die Gelder letztlich erhält, über welche Zwischenstationen sie weitergeleitet werden und bei wem sie am Ende im Gazastreifen landen. Nach Angaben der Forscher waren die Bankdaten und Finanzinformationen der tatsächlichen Empfänger in Gaza häufig nicht nachvollziehbar.

Diaspora-Minister Amichai Schikli warnte deshalb vor einem Sicherheitsrisiko, das nicht ignoriert werden dürfe: „Europa muss aufwachen. Gelder, die unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe gesammelt werden, können bei Hamas-nahen Akteuren landen. Von den Spendenplattformen erwarten wir ein entschlossenes Vorgehen gegen dieses Phänomen, und von den europäischen Staaten eine wirksame Kontrolle solcher Geldflüsse.“
Auch die Leitung des Ministeriums betonte, dass die bislang identifizierten 9,5 Millionen Dollar vermutlich nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Die Untersuchung erfasse ausschließlich öffentlich sichtbare Kampagnen. Verdeckte Finanzströme über wohlhabende Einzelspender oder intransparente Netzwerke konnten nicht berücksichtigt werden. Da sowohl die Hamas als auch der Islamische Dschihad von der Europäischen Union und Großbritannien als Terrororganisationen eingestuft werden, gehen die Forscher davon aus, dass mögliche Finanzierungen in der Regel als humanitäre Hilfe getarnt werden. Nach Einschätzung des Ministeriums handelt es sich daher nicht nur um eine finanzielle, sondern auch um eine sicherheitspolitische, diplomatische und wirtschaftliche Herausforderung, die eine koordinierte internationale Antwort erfordert.




