Himmelsbrot, Impfungen und alles dazwischen Olivier Fitoussi/Flash90
Coronavirus

Himmelsbrot, Impfungen und alles dazwischen

Jeder trägt die Verantwortung für sein Leben und in Israel haben sich von 9 Mio. Israelis bereits knapp 5 Mio. impfen lassen.

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Amit Segal (Bild: Moshe Shai/Flash90)

Israels einflussreichster Kommentator Amit Segal hat einen Vergleich gezogen zwischen der biblischen Sünde der Kinder Israels, als sie über das Himmelbrot in der Wüste murrten, und den Israelis heute, die gegen Impfstoffe murren. Auf seiner Facebookseite schreibt Segal, dass die biblische Beschwerde unverständlich sei. „Sie werden jeden Morgen mit Manna vom Himmel versorgt und der Geschmack in jedem Munde variiert nach dem jeweiligen Lieblingsgeschmack. Und dennoch sind sie unzufrieden und beschweren sich über die tägliche Mahlzeit, die sie vom Himmel gratis bekommen.“

Dann zitiert Segal die biblische Beschwerde: „Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir in der Wüste sterben? Denn hier ist weder Brot noch Wasser, und unsre Seele hat einen Ekel an dieser schlechten Speise!“ Dies schrieb Segal infolge einer Tragödie, bei der eine 32-Jährige schwangere Mutter im Krankenhaus an Corona verstarb. Sie soll sich wegen aller möglichen wilden Konspirationen geweigert haben, sich impfen zu lassen.

Die Kinder Israels in der Wüste waren verwöhnt. Gott versorgte das Volk und dennoch meckerten Israelis über ihre Mahlzeiten. „Jeden Tag landen in Israel wie durch ein Wunder winzige Impfstoff-Fläschchen. Eine lebensrettende Substanz vom Himmel. Aber noch immer wagen es eineinhalb Millionen verwöhnte Israelis, sich über das verdorbene Brot zu beschweren. Stattdessen zerbrechen sie sich den Kopf welche Nährstoffzusammensetzung im Manna versteckt sind. Sie checken, ob alles stimmt und koscher ist. Oder sie verschieben, ohne Grund die Chance sich selbst zu retten. Ihr Verrückten, lasst euch impfen.“

Und warum zitiere ich diesen Facebook-Post? Einmal weil ich die biblische Akrobatik in der Politik liebe und dies in den israelischen Medien üblich ist, selbst in den Mainstream Medien. Zweitens, ich bin seiner Meinung oder umgekehrt, er vertritt meine Meinung. Ich beobachte, wie die Angst vor Impfstoffen Menschen lähmt und in Verwirrung treibt. Anfänglich hofften Millionen Menschen weltweit auf eine baldige Impfung gegen das Coronavirus. Nun ist sie da und nun schmeckt ihnen die Impfung nicht. Es stimmt, viele Menschen sind zwiegespalten, weil sie sich zwar einerseits gegen eine Infektion schützen wollen, gleichzeitig, aber mögliche Nebenwirkungen durch eine Impfung fürchten. Sie haben Zweifel, ob die Impfstoffe angesichts des rasanten Entwicklungstempos tatsächlich sicher sind und ob mögliche Nebenwirkungen ausreichend untersucht wurden.

Bitte verzeiht mir, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die wilden Verschwörungstheorien gefährlicher als der Virus sind. Ich erlaube mir das auszusprechen, denn auch wir haben unsere Recherchen gemacht. Wenn ich alles in meinem Leben infrage stelle, dann ist jeder Glaube unnötig. Wenn ich alles verstehen möchte, bevor ich mich entscheide, dann werde ich vieles verfehlen. Auch wir haben unsere Recherchen gemacht und uns doch für die Impfung entschieden, trotz Risiko aber mit vollem Glauben, dass wir das überleben werden. Grübeln hilft nicht weiter, daher muss eine Entscheidung getroffen werden. Und wenn jemand eine andere Entscheidung getroffen hat, dann ist das seine Verantwortung.

Jetzt, wo der Impfstoff endlich da ist, will man ihn plötzlich nicht. Impgegner protestieren.

Mich erstaunt, dass ein Großteil der gläubigen Christen dies nicht versteht und damit ein Problem hat. Viele Christen begreifen einfach nicht, warum in Israel die Mehrheit anderer Meinung ist. Im Ausland blitzen via Google Fragen hervor, ob Christen sich impfen lassen dürfen. Oder, würde sich Jesus impfen lassen? In Israel lese ich keine Frage, ob Juden sich impfen dürfen. Darüber hinaus sagte mir jemand am Telefon, dass er nicht mehr nach Israel reisen wird, wenn dies von einer Impfung gegen das Coronavirus abhängig gemacht wird. Jemand anders illustrierte mir dies mit der Blindheit der Juden, Jesus als den Messias anzuerkennen. „So wie das jüdische Volk nicht den wahren Messias Jesus anbetet, so sieht das jüdische Volk auch nicht die Gefahr der Impfstoffdosen. Ihr seid doch so ein weises Volk und wieder macht ihr einen Fehler?“ Mein Schweigen darauf war weiser. Aber wer macht keine Fehler? Zuerst wird Israel ein geistlicher Vorwurf gemacht und nun auch ein medizinischer. Andere machen Israel den Vorwurf, Millionen von Impfstoffdosen vorzeitig abgekauft zu haben, weswegen andere Länder anfänglich leer ausgingen. In Folge der Pandemie warnen jüdische Organisationen im Ausland vor verstärkter Verbreitung judenfeindlicher Verschwörungstheorien.

Impfstation auf dem Machane Jehuda Markt in Jerusalem

Oppositionen sind Teil unseres Lebens- und Staatswesen. Würden die Regierungen anders handeln und keine Impfungen aufdrängen, so kann ich mir vorstellen, dass Menschen im Namen der Freiheit eine verdrehte Verschwörungstheorie erfinden würden. In diesem Fall erklären die Gegner, weshalb die Impfungen lebensnotwendig sind.

Stopp! Wir alle werden von Informationen gegen und für die Impfung überlastet. Jeder von uns verlässt sich auf das, was er aus seiner Sicht für glaubwürdig hält. Beide Entscheidungen sind riskant und beinhalten theoretisch eine Gefahr. Wenn jemand aus Angst vor Nebenwirkungen die Impfungen ablehnt, so spielt er mit der Gefahr, an Corona zu erkranken. Diejenigen, die sich für das Gegenteil entscheiden, müssen die Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Jeder trägt die Verantwortung für sein Leben und in Israel haben sich von 9 Mio. Israelis bereits knapp 5 Mio. impfen lassen.

Im Land des Impfweltmeisters kann man sich auch bei Ikea schnell impfen lassen.

Israel ist weltweit führend beim Impfen. Im Gegenzug liefert Israel Pfizer wertvolle Daten zur Impfkampagne, was eine Hilfe für andere Länder ist. Die jüngsten Ergebnisse machen Hoffnung. Die Fallzahlen sinken deutlich, vor allem bei Menschen über 60 ging die Zahl der Neuinfektionen signifikant zurück, wie Analysen des israelischen Weizmann-Instituts zeigen. Auch wenn es andere Stimmen im Land gibt, so hat das Kollektiv im Volk entschieden, das Risiko mit den Nebenwirkungen auf sich zu nehmen. Natürlich ist vieles noch ungewiss, aber das gehört zu jeder mutigen Entscheidung. Murren und Beschweren haben auch schon immer dazu gehört.

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