Herzl – Ein stolzer Jude mit jüdischem Stolz

Unser Praktikant Karl Friedrich hat das Herzl- Museum in Jerusalem besucht.

„Die Unsterblichkeit muß wahrhaftig ein höchst angenehmes Gefühl sein; besonders solange man noch lebt.“ Nein, dieses Zitat stammt nicht von einem Komiker wie Heinz Erhardt, auch wenn es passen könnte… Es kommt von einem Träumer, einem Visionär, der für seine Vision lebte und dabei dennoch „auf dem Boden“ blieb.

 Bei einem Besuch des Herzl-Museums auf dem Herzl-Berg am westlichen Rand der Stadt Jerusalem kann man förmlich eintauchen in die Geschichte des Mannes, der, wie es heißt, „das Fundament“ für das gelegt hat, was wir heute Israel nennen – Theodor Herzl.

 Begonnen hat die Reise zur Wiege des politischen Zionismus lange vor dem Eintritt in das Museum selbst. Eingestiegen in den Jerusalem Light-Rail – der stadteigenen Straßenbahn – umzingeln mich Menschenmassen verschiedenster Mentalität. Einheimische und Besucher, Juden und Muslime, Gläubige und Säkulare, gestresst und entspannt. Ein Israel, in dem alle Menschen gleiche Möglichkeiten haben, die sie jedoch unterschiedlicher kaum nutzen könnten. Endstation: Herzl-Berg.

 Ich erinnere mich an die Besuche in der Gedenkstätte Yad Vashem, der wohl bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte weltweit, die sich auch auf dem Herzl-Berg befindet. Eindrucksvoll und erschreckend zugleich. Direkt nebenan wurde erst kürzlich auf dem Friedhof des Herzl-Berges Nechama Rivlin beerdigt, die Frau von Israels Staatspräsidenten. Ein bewegender Moment mit einem Ausblick auf unendlich anmutende Berge des judäischen Landes. Schließlich finde ich ein paar Meter weiter, unter dem „Schirm“ der Zionistischen Weltorganisation, den Eingang zum Herzl-Museum.

 Die Museumstour beginnt mit einer Vorstellung der Triebfeder von Theodor Herzls Bestrebungen. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts erwachten in den Herzen der jüdischen Bevölkerung Europas (und darüber hinaus) die fast 2000 Jahre alten Wünsche des „nächstes Jahr in Jerusalem“ erneut. Nach zunehmender öffentlicher Verfolgungen der Juden in Osteuropa, war der Auslöser für Herzls politischen Ansatz des Zionismus die im vornehmen, gebildeten und aufgeklärten Frankreich stattfindende Erniedrigung des Soldaten Dreyfus – nur, weil er Jude war. Für Herzl ein Schritt zu weit.

 Im Rahmen verschiedener Filmszenen auf verschiedenen Leinwänden, versucht ein Schauspieler, den „Herzl“ für die Museumsgäste einzuüben. Immer wieder vom Regisseur und einer Herzl-Expertin korrigiert, werden wir anhand dieser Filmbeiträge mit auf die Reise durch die unterschiedlichen Lebensstationen genommen. Der Schauspieler beginnt, sich mit Theodor Herzl zu identifizieren – immer in Büchern vertieft, immer am Studieren. „Warum herrschte damals so ein Judenhass?“ fragt man sich. Herzls Anstrengungen, „nächstes Jahr in Jerusalem“ zu sein, werden immer verständlicher. Im Schauspieler erwächst nun genau das, was Herzl ausmachte: ein jüdischer Stolz. Stolz, ein Jude zu sein!

Geführt in einen nächsten Raum, befinden wir uns plötzlich im Saal des Basler Stadtcasinos – 1897. Herzl begründet den ersten Zionistischen Weltkongress, viele weiter sollten folgen. Er stellt seine Gedanken eines eigenen Staates für alle Juden, die er bereits im Vorjahr in seinem Werk „Der Judenstaat“ verschriftlicht hatte, allen Teilnehmern vor. Begeisterung und Sehnsucht erwächst. Der Schauspieler versucht, dies selbst zu üben, er wird immer mehr zu „Herzl“. Doch zunehmend werden auch Probleme erkenntlich, insbesondere politische. Versuche, Machthaber, wie Kaiser Wilhelm II. von Deutschland oder den britischen Kolonialminister Joseph Chamberlain, von seinem Vorhaben zu überzeugen, scheitern. Resignation, Stagnation – oder doch nicht?

Das Arbeitszimmer

Im dritten Raum der Museumstour stehen wir unmittelbar neben dem originalen Arbeitszimmer von Herzl. Es zeigen sich viele Büchern und Notizen, auch die Büsten seiner Eltern. Theodor Herzl privat – eine enge Beziehung zu seinen Eltern, jedoch eine dezent vernachlässigte eigene Familie. Seine Frau Julie Naschauer sowie seine drei Kinder mussten den Ideen des Vaters weichen. Das gesamte Familienvermögen wurde durch die vielen Reisen Theodors nahezu komplett aufgebraucht. Fragen kommen auf: „Falsche Prioritäten?“ „Ist die Vision über die Familie zu stellen?“

 Im letzten Raum schließlich ein Bühnenbild: Der Schauspieler darf uns in einer Generalprobe Herzl vorführen. Er hat gut gelernt, die Expertin und der Regisseur sind sprachlos. Herzls Vision: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen… Vielleicht in 5 Jahren, jedenfalls in 50 Jahren wird es jeder einsehen.“ Eine Prophezeiung auf dem ersten zionistischen Weltkongress 1897? Exakt 50 Jahre später bekamen David BenGurion und co. den Bescheid der UN, dass ein Staat Israel im Eretz Israel, dem Lande der Väter, gegründet werden kann. Der Herzl-Schauspieler endet mit dem Appell: „Ich habe den Grundstein gelegt, darauf wurde das Erdgeschoss errichtet. Jetzt muss das Haus weiter gebaut werden.“ Der Vorhang fällt – die Führung durch das Museum ist schon zu Ende. Das Leben Herzls, von 1860 bis 1904, dargestellt in etwa einer Stunde. Eindrucksvoll, bewegend!

 Aber eines fehlte mir doch bei allen zionistischen, jüdischen Bestrebungen Herzls. Die Sehnsucht nach Zion, nach einem eigenen „Judenstaat“, verdrängte augenscheinlich die Sehnsucht nach dem, der alles erst möglich macht. Auch wenn der persönliche Glaube bei Herzl offensichtlich zu kurz kam, ist vielleicht genau diese Lebensgeschichte ein Gleichnis des Wirkens Gottes. ER beruft und gebraucht einzelne Menschen. Mose am Berg Sinai, Josua beim Einzug in das Gelobte Land. Petrus als Kämpfer für das Evangelium, Johannes als Prophet des Neuen Bundes. Aber in allem waren sie sich einig: Einer steht über uns, einer gibt den Ton an – nicht ich. Vielleicht genau das, was Herzl fehlte?

 Von Euphorie über Resignation bis zum Tod. Für Herzl gab es kein „Happy End“. Aber sein Wachrütteln legte wohl den Grundstein für das, was 1948 in der Staatsgründung geschah.

Am Schluss wage ich noch einen Blick zum Grab Theodor Herzls, danach über die judäischen Berge. Ich steige in die Straßenbahn ein und fühle mich umgeben von Zionisten – den Menschen, die Israel lieben, annehmen oder auch einfach nur hinnehmen. Denn „in Israel lebt keiner, der nicht wenigstens ein bisschen glaubt“.

Fotos: Karl Friedrich

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