Guten Morgen Israel – Warten auf die Normalität

Bis heute dachte auch ich, dass uns Israelis nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann. Die Coronakrise stellt uns auf eine harte Probe.

Guten Morgen Israel – Warten auf die Normalität
Olivier Fitoussi/Flash90

Boker Tov liebe Leser!

Seit einigen Jahren berichte ich ihnen fast jeden Morgen von unserem Alltag hier in Israel. Dabei schrieb ich oft stolz, wie schnell wir Israelis uns an neue Situationen gewöhnen können. Nichts kann uns aus dem Gleichgewicht bringen. Raketen aus Gaza? Feuerballons? Wir lassen uns nicht einschüchtern. Terroranschläge? Autoattacken und Steinwürfe? Wir halten zusammen. Und dann kam Corona.

Zu Beginn waren wir, wie bei allen vergangenen Krisen, zuversichtlich. Das schaffen wir. In zwei Monaten wird der Spuk zu Ende sein, glaubten wir damals. Daher gab es auch nicht allzu viele Einsprüche gegen den Lockdown. Fast zwei Monate lang saßen wir zu Hause, wir durften das Haus nur bis zu einer Entfernung von 100 Metern verlassen, nur das Einkaufen und Arztbesuche waren erlaubt. Unseren ältesten Sohn konnten wir fast zwei Monate nur per Zoom sehen. Ich erinnere mich noch an einen Schabbatmorgen, als ich hörte, wie draußen die Polizei per Lautsprecher einen Bürger darauf aufmerksam machte, dass er sich zu weit von seinem Haus entfernt hatte und ihn aufforderte, zurück in seine Wohnung zu gehen. Sogar das Betreten des Parks vor unserem Haus war verboten. „Gemeinsam schaffen wir das“ hieß es immer. Danach ging die Zahl der Neuinfizierungen drastisch nach unten. Wir schienen es geschafft zu haben.

Mittlerweile hatten wir auch endlich eine neue Regierung bekommen, die sogenannte „Corona-Regierung“, die sich eigentlich nur mit der Coronakrise befassen sollte. Wir schaffen das, ja, auch ich war damals noch recht optimistisch.

Und jetzt haben wir schon Ende August, der Sommer ist fast zu Ende, Corona ist immer noch da, sogar stärker als je zuvor und unsere Regierung befindet sich nur wenige Stunden vor ihrem Ende. Mit Corona haben sich unsere Politiker eigentlich nicht so sehr befasst. Offiziell natürlich schon, es wurde sogar ein besondere sogenannter „Corona-Befehhaber“ ernannt, der Israel nun endlich aus der Krise holen sollte. Wie praktisch, wenn man sich immer wieder einen neuen Verantwortlichen suchen kann. Das gab unseren Politikern Zeit, sich weiter untereinander zu streiten und gegenseitig zu beschuldigen.

Corona-Alltag in Jerusalem. Fiebermessen am Eingang zum Machane Jehuda Markt.

Und wir? Wir, die Bürger, zeigen nach außen weiterhin, dass wir Israelis mit jeder Situation fertig werden. Wenn man durch die Stadt geht, scheint alles normal zu sein, also normal für die Coronazeit. Die Maske ist fast für alle eine Selbstverständlichkeit geworden. Das Leben geht weiter. Hier und da kann man ein leeres Geschäft sehen, das die Krise nicht überstanden hat. Wir gehen daran vorbei auf dem Weg zu einem anderen Geschäft. Wir leben unseren neuen Corona-Alltag.

Aber unter unserer harten Haut ist nichts mehr, wie es einmal war. Das spüre ich an mir selbst. Das Land ist kaputt, die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war und sie wird es vielleicht auch nicht mehr werden. Jedenfalls bis wir einen sicheren Impfstoff gegen Corona haben werden. Die Arbeitslosenquote sprang von um die 3 % auf 12 %! Fast eine Million Menschen haben momentan keine Arbeit und nicht jeder wird nach der Krise wieder zu seiner ursprünglichen Arbeit zurückkehren können. Besonders die junge Generation soll davon betroffen sein, gestern wurde im Fernsehen schon vor einer „verlorenen Generation“ gewarnt. Unsere Tochter ist dabei nur ein kleines Beispiel. Sie hätte eigentlich im Kino arbeiten sollen, um damit ihr Studium mitfinanzieren zu können. Doch die Kinos im Land sind schon seit einem halben Jahr geschlossen.

Das einzige Kino in Tel Aviv in der vergangenen Woche. Auf einem See im Hayarkon Park.

Wie Sie sehen, bin ich heute etwas weniger optimistisch. Klar, wir werden auch diese Krise irgendwann überstehen, aber dieses Coronavirus hat uns mehr geschadet als viele vergangene Kriege Israels. Ich meine die Folgen des Coronavirus, gerade die Versuche, das Virus zu bekämpfen, haben uns geschadet.

Wir brauchen jetzt einfach nur Geduld und Durchhaltevermögen, so schwer das auch für viele von uns sein mag. Aber wir wollen uns nicht an diesen neuen Alltag gewöhnen, diesmal nicht. Wir halten durch und sehnen uns nach den Tagen vor Corona in der Hoffnung den Alltag vor Corona bald wieder zurückzubekommen.

Und jetzt gibt es das Wetter für heute in Israel:

Heute wird wieder ein sonniger Tag erwartet und es soll wieder heißer werden. Für heute werden folgende Höchsttemperaturen erwartet: Jerusalem 30 Grad, Tel Aviv 31 Grad, Haifa 30 Grad, Tiberias am See Genezareth 37 Grad, am Toten Meer 38 Grad, Beersheva 35 Grad, Eilat am Roten Meer 40 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist unverändert und liegt bei – 209.51 m unter dem Meeresspiegel, es fehlen 71 Zentimeter bis zur oberen Grenze!

Trotz meines etwas pessimistischen Tagesbeginn wünsche ich Ihnen jetzt im Namen aller meiner Kollegen von Israel Heute einen angenehmen Montag. Ich warte jetzt auf die Lieferung unserer neuen Waschmaschine. Sie sehen, das Leben geht weiter. Machen Sie es gut.

 

Schalom aus Modiin!