Guten Morgen Israel – Lockdown und volle Straßen

Dieser Lockdown ist ganz anders als der erste. Riesige Staus, leere Geschäfte und verzweifelte Menschen. Wie geht es weiter?

Guten Morgen Israel – Lockdown und volle Straßen
Olivier Fitoussi/Flash90

Boker Tov liebe Leser!

Wir befinden uns im fünften Tag des Lockdowns, der etwas anders ist, als sein Vorgänger vor einem halben Jahr. Auch die Zahlen, mit denen dieser Lockdown begonnen wurde, sind ganz anders. Damals waren wir bei 700 neuen Coronafällen pro Tag schon in Panik. 700 war damals der absolute Rekord. Heute würden wir bei dieser Zahl wohl glücklich den aktuellen Lockdown beenden, zu dem sich unsere Regierung entschieden hatte, als jeden Tag mehr als 5000 neue Coronafälle gemeldet wurden.

Dennoch ist die Atmosphäre heute ganz anders als damals. Die Bürger sind verwirrt und wissen nicht mehr, wie sie auf diesen neuen Lockdown, der durch alle möglichen Ausnahmen wie ein Käse durchlöchert wurde, reagieren sollen. Einerseits dürfen wir uns nicht mehr als 1000 Meter vom eigenen Haus entfernen, andererseits sollen wir aber ganz normal zur Arbeit fahren, also diejenigen von uns, die das noch können, denn allein in den letzten Tagen haben sich fast 50.000 Menschen als arbeitslos gemeldet, nachdem sie wegen der angeordneten Schließung von Geschäften und Einkaufszentren in den unbezahlten Urlaub geschickt wurden, was ja auch meiner Tochter passiert ist. Da es aber noch immer genug Menschen gibt, die morgens zur Arbeit fahren müssen, gab es gestern, dem ersten Arbeitstag nach den Feiertagen, endlos lange Verkehrsstaus. Viele waren stundenlang unterwegs, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Schuld daran waren die Straßensperren der Polizei, die sich ja um die Einhaltung des Lockdowns kümmern sollte. Stichprobenweise wurde daher die Autos kontrolliert, denn nicht alle halten sich an die Anweisungen oder verstehen nicht, was erlaubt ist und was nicht. Denn es gibt wie gesagt viele Ausnahmen, vielleicht zu viele.

Sieht so ein Lockdown aus? Die Kontrollen für die Einhaltung des Lockdowns führten zu riesigen Verkehrsstaus.

Um Bilder wie diese ab jetzt zu vermeiden, verzichtet die Polizei zu den Stoßzeiten auf die Straßensperren. Wer also die Anweisungen umgehen will, das ist die Zeit dafür. Aber denken Sie jetzt nicht, ich würde das unterstützen, das mache ich auf keinen Fall. Doch diese ganze Situation zeigt, wie verwirrt die Menschen hier sind. Einige dürfen arbeiten, andere werden gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen, zu Hause zu bleiben und kein Geld zu verdienen. Nicht jeder will sich damit abfinden und versuchte, sich den Anweisungen und Ausnahmeregeln anzupassen. So gab es gestern auf dem Markt von Ramle ein Stand, bei dem unter anderem Strümpfe verkauft werden, ein Schild mit dem Wort “Demonstration”. Der Inhaber des Standes erklärte, er würde demonstrieren, denn das sei ja erlaubt und erwähnte die letzte Demonstration in Jerusalem vor dem Sitz des Ministerpräsidenten mit tausenden von Teilnehmern. Er würde jetzt auch demonstrieren. Das half ihm natürlich nicht und der Arme, der nur etwas Kleingeld verdienen wollte, um durch den Tag zu  kommen, bekam eine Geldstrafe von 5000 Schekeln. Dann gab es Restaurants, die sich als Synagoge ausgaben, um offenzubleiben, andere Inhaber kleiner Geschäfte boten plötzlich Tomaten und andere Lebensmittel an, um nicht schließen zu müssen, denn Lebensmittelgeschäfte bleiben auch im Lockdown geöffnet. Ich denke, dass alle diese Schritte nicht wirklich ernst gemeint waren, sondern zeigen sollten, wie ungerecht die momentane Situation ist. Die Geschäftsinhaber verstehen eben nicht, warum Geschäfte neben ihnen offenbleiben dürfen und sie nicht.

Viele geschlossene Stände auf dem Machane Jehuda Markt in Jerusalem, gestern.

Natürlich ist es klar, dass Lebensmittelgeschäfte und Drogerien nicht schließen können, aber ich verstehe auch die Not derer, die jetzt kein Geld verdienen dürfen. Aber wie sollen wir dieses Virus unter Kontrolle bringen? Bei uns in Israel wird nur noch darüber gesprochen, es gibt kein anderes Thema mehr. Auch vom Frieden mit den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Bahrain spricht heute keiner mehr.

Wir scheinen ratlos zu sein. Das “Corona-Kabinett” soll sich heute treffen, um über eine mögliche Verschärfung des Lockdowns zu beraten. Es wird in Erwägung gezogen, auch die Arbeit im privaten stark einzuschränken, um Bilder mit Verkehrsstaus wie oben zu vermeiden und die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, denn zurzeit sieht es nicht so aus, als würde uns das gelingen.

Wo die Geschäfte geschlossen waren, herrschte gestern gähnende Leere, wie hier beim beliebten Bilu Einkaufszentrum.

Und nun das Wetter:

Das Wetter für heute in Israel

Zu Beginn des Herbstes gehen die Temperaturen noch etwas zurück, dennoch bleibt es weiter sommerlich warm. Für heute werden folgende Höchsttemperaturen erwartet: Jerusalem 32 Grad, Tel Aviv 30 Grad, Haifa 29 Grad, Tiberias am See Genezareth 37 Grad, am Toten Meer 37 Grad, Beersheva 34 Grad, Eilat am Roten Meer 39 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist um einen weiteren Zentimeter gesunken und liegt jetzt bei – 209.68 m unter dem Meeresspiegel angegeben. Es fehlen 88  Zentimeter bis zur oberen Grenze!

Ich bin neugierig, wie es hier bei uns weitergehen wird. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten. Im Namen der gesamten Redaktion von Israel Heute wünsche ich Ihnen einen angenehmen Dienstag, bleiben Sie gesund.

 

Schalom aus Modiin!

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