ANALYSE: Wird der neue Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas Bestand haben?

Während die Hamas wie erwartet den “Sieg” für sich beansprucht hat, ist hier der wahre Grund, warum sie zugestimmt hat, die Angriffe einzustellen

Hamas Kämpfer
Abed Rahim Khatib/Flash90

Am Montagabend gab die Hamas in Gaza bekannt, dass ein neuer Waffenstillstand mit Israel erreicht worden sei, nachdem dieser von Mohammed al-Emadi, dem Gesandten Katars in den Gaza-Streifen, vermittelt worden war.

Die Waffenstillstandsvereinbarung kam zustande, nachdem al-Emadi der Hamas versprochen hatte, dass Katar seine monatliche Finanzhilfe für Gaza auf 17 Millionen Dollar verdoppeln würde.

Von diesem Betrag werden 10 Millionen Dollar an palästinensische Familien gehen, die von der großen wirtschaftlichen Krise in Gaza am stärksten betroffen sind, während 7 Millionen Dollar für die Bekämpfung der Corona-Krise ausgegeben werden, die sich in der südlichen Küstenenklave ausbreitet.

Katar wird auch medizinische Ausrüstung für Gaza und 20.000 Corona-Testkits zur Bekämpfung der wachsenden Zahl von COVID-19-Fällen in der Enklave liefern.

Ein weiterer Grund für die Entscheidung der Hamas, einen Waffenstillstand mit Israel zu akzeptieren, nachdem sie in den vergangenen drei Wochen kontinuierlich mit Sprengstoff und brennbarem Material beladene Brandballons auf den Süden Israels losgelassen hatte, war eine Änderung der israelischen Strategie zur Bekämpfung des Ballonterrors, der Hunderte von Hektar Wald und Ackerland im Gaza-Gürtel verwüstet hat.

Palästinensische Militante bereiten ballongetragene Brandsätze vor, die auf den Süden Israels losgelassen werden sollen.

Terror ist Terror

Die israelische Armee (IDF) begann im vergangenen Monat damit, den Ballonterror als das Äquivalent zum Raketenbeschuss auf den Süden Israels zu betrachten und hat in den vergangenen drei Wochen über 100 militärische Ziele der Hamas in Gaza angegriffen.

Zu diesen militärischen Zielen gehörten 35 Waffenfabriken und 30 unterirdische Werkstätten, in denen die Hamas Raketen produziert. Die israelische Luftwaffe (IAF) bombardierte ferner 10 Standorte, von denen aus die Hamas unbemannte Luftfahrzeuge abschoss, um den Süden Israels zu terrorisieren, und bombardierte auch militärische Marineeinrichtungen der Hamas und zerstörte dabei mehr als 20 Beobachtungsposten der Hamas.

Die Änderung der militärischen Strategie wurde in Israel mit der Art und Weise verglichen, wie die IAF auf jeden Versuch des Iran reagiert, eine neue Front gegen den jüdischen Staat in Syrien zu schaffen, wie z.B. ein neuer IAF-Luftangriff auf die T-4-Basis in der Nähe der syrischen Stadt Homs am vergangenen Montag.

Ein Feuerball erhebt sich, als Israel ein Ziel der Hamas in der südlichen Gaza-Grenzstadt Rafah angreift.

Militärische Macht ist nicht genug

Brigadegeneral Hidai Zilberman, ein Sprecher der IDF, erklärte gegenüber Reportern, dass nicht nur die energische militärische Reaktion auf den sich ausbreitenden Terror für die Entscheidung der Hamas verantwortlich sei, einem Waffenstillstand zuzustimmen, sondern auch Israels Wirtschaftssanktionen gegen Gaza.

Israel schloss am 13. August den Grenzübergang Keren Shalom, an dem Waren und Treibstoff nach Gaza geliefert wurden, und reduzierte die Fischereizone vor der Küste des Gazastreifens drastisch.

Die Einstellung der Treibstofflieferungen führte zu einem großen Stromausfall im Gazastreifen, wo sich die Bevölkerung zunehmend gegen die Hamas wendet. Gaza hat nur ein einziges Kraftwerk, das vollständig mit Dieselkraftstoff betrieben wird.

Israelische Kommentatoren sagen, dass der Verlust der Unterstützung durch die palästinensische Bevölkerung in Gaza der Hauptgrund dafür ist, dass die Hamas einem Waffenstillstand zugestimmt hat.

Bewaffnete Kämpfer der Hamas patrouillieren auf den Straßen, während die Propaganda im Hintergrund die Bevölkerung dazu auffordert, sich ihrem Dschihad gegen Israel anzuschließen.

Corona ausnutzen

Die Hamas nutzte die Corona-Krise in Gaza als Druckmittel gegen Israel und warnte letzte Woche, dass, wenn Israel die Blockade nicht aufhebt, “nicht nur die palästinensische Bevölkerung leiden würde”. Dies bedeutet, dass sie erneut die israelische Zivilbevölkerung, die in der Nähe des Gazastreifens lebt, ins Visier nehmen würde.

Beamte, die sich mit der eskalierenden Corona-Krise im jüdischen Staat befassen, warnten zuvor, dass das bereits überlastete Gesundheitssystem Israels zusammenbrechen würde, wenn Corona-Patienten aus Gaza zur medizinischen Behandlung in israelische Krankenhäuser kämen.

Mit der Darstellung der wachsenden Corona-Krise als Folge der israelischen Sanktionen gegen die Hamas versuche die Hamas, die öffentliche Meinung gegen Israel zu wenden und die Unterstützung der eigenen Bevölkerung zurückzugewinnen, sagte Dan Diker vom Jerusalem Center for Public Affairs (JCPA).

Der in Gaza ansässige Hamas-Führer Yahya al-Sinwar besucht Gaza-Stadt inmitten eines Coronavirus-Ausbruchs, für den er Israel verantwortlich macht.

Real reason for the ceasefire

Das Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas kam nach einer Reihe von Telefongesprächen zwischen Ishmail Haniyeh, dem Chef des politischen Büros der Hamas, und Scheich Muhammed bin Abdulrahman Al Thani, dem Außenminister Katars, zustande.

Nach der Ankündigung des Waffenstillstands lobte Al-Emadi, der Gesandte Katars in Gaza, die Führungsrolle der Hamas, die Verantwortung gezeigt habe und erwähnte gleichzeitig, dass schreckliche Zustand der Bevölkerung im Gaza-Streifen zur Entscheidung für einen Waffenstillstand beigetragen habe.

Diker sagt jedoch, dass die Hamas-Führer erst dann zugestimmt hätten, die erneute Gewalt gegen Israel zu beenden, wozu auch Raketenbeschuss und organisierte gewalttätige Kundgebungen in der Nähe des Sicherheitszauns an der Grenze zum Gazastreifen gehörten, als ihnen klar wurde, dass es einen Volksaufstand gegen die terroristische Bewegung geben könnte und dass ihr Regime in Gefahr sei.

Illustration. Die Menschen in Gaza erkennen zunehmend, dass die Hamas, und nicht Israel, das wahre Hindernis für eine bessere Zukunft ist.

Die Hamas präsentiert den Waffenstillstand nun als einen Sieg über Israel und behauptet, dass “die Widerstandsfront die Blockade aufgebrochen hätte”.

“Der Widerstand war in der Lage, den Feind dazu zu zwingen, unsere Bedingungen zu akzeptieren”, sagte der der Hamas nahestehende „Politologe“ Khaled al-Najjar am Montag in Gaza.

Beobachter in Israel meinen nun, es sei nur eine Frage der Zeit, bis eine weitere Runde der Gewalt ausbrechen werde.

Tatsächlich versuchte am Mittwoch ein palästinensischer Araber, mit einem großen Messer und einem Sprengsatz bewaffnet, Israel zu infiltrieren, wurde aber von der IDF festgenommen.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich an der Haltung der Hamas nichts geändert hat, war ein Treffen zwischen einer hochrangigen Hamas-Delegation unter Leitung von Ishmail Haniyeh, dem Leiter des politischen Referats der Hamas, und Vertretern des palästinensischen Islamischen Dschihad und der Hisbollah im Libanon Anfang dieser Woche.

Haniyeh präsentiert sich zunehmend als regionaler Führer, der Zugang zu Regierungen hat, die zur “Widerstandsachse” gehören, die aus der Türkei, dem Iran, Syrien und mehreren vom Iran unterstützten Terrorgruppen besteht.

Der Hamas-Führer wurde auch von dem türkischen Diktator Recep Tayyip Erdogan mit rotem Teppich empfangen. Der türkische Präsident unterstützt islamistische Gruppen in Israel und Gaza und steht in dem lang anhaltenden Konflikt mit Israel fest auf der Seite der Hamas.

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