Am Vorabend von Jom Kippur hat Präsident Isaac Herzog den ehemaligen IDF-Sanitäter Elor Azaria begnadigt – fast zehn Jahre nachdem dieser in Hebron einen am Boden liegenden palästinensischen Attentäter erschossen hatte und dafür wegen Totschlags verurteilt worden war. Die Begnadigung löscht Azarias Strafregister vollständig – das sonst erst 2032 hätte bereinigt werden können.
Der Fall, der Israel jahrelang entzweite
Am 24. März 2016 stachen Abdel Fattah al-Sharif und ein weiterer Palästinenser einen israelischen Soldaten in Hebron nieder. Al-Sharif wurde dabei verletzt und lag entwaffnet am Boden, als Azaria, damals 19-jähriger Sanitäter der Kfir-Brigade, eintraf und ihm mit einem Schuss in den Kopf das Leben nahm. Ein Militärgericht verurteilte Azaria 2017 wegen Totschlags zu 18 Monaten Haft – später auf 14 Monate reduziert, de facto verbüßte er neun Monate. In einem früheren Begnadigungsgesuch an Altpräsident Reuven Rivlin hatte Azaria die Erschießung im Rückblick als „operativen Fehler“ bezeichnet, den er nicht wiederholen würde.
Der Fall wurde zum Symbol eines tief gespaltenen Landes: Die Rechte sah in Azaria einen Soldaten, der seinen Kameraden schützte und von einer übereiligen Justiz geopfert wurde. Die Linke bestand auf der Geltung des Kriegsvölkerrechts auch im Gefecht. Demonstrationen für und gegen Azaria füllten israelische Plätze, und auch Itamar Ben Gvir – damals noch weit von einem Ministeramt entfernt – stand damals persönlich für Azaria auf der Straße.
Katz, Ben Gvir und die Botschaft an die Soldaten
Herzog handelte auf Empfehlung von Verteidigungsminister Israel Katz, der die Entscheidung als „richtig, menschlich und angemessen“ bezeichnete. Katz erklärte, Azaria habe seine Strafe verbüßt und „einen schweren persönlichen und familiären Preis gezahlt“ – nun sei es an der Zeit, ihm zu erlauben, „die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sein Leben zu rehabilitieren und seine Zukunft aufzubauen.“ Er betonte: „Die Gewährung der Begnadigung sendet eine wichtige Botschaft an IDF-Soldaten und ihre Familien: Wir lassen unsere Kämpfer nicht fallen.“
Ben Gvir, der zehn Jahre zuvor noch für Azaria demonstriert hatte, bezeichnete die Entscheidung als „sehr bewegend und freudig“ und forderte den Generalstabschef auf, Azaria eine Rückkehr zum Militärdienst zu ermöglichen: „Das Strafregister hätte von Anfang an nicht existieren dürfen. Elor, das Volk Israels liebt dich und steht zu dir.“
Herzog stellte ausdrücklich klar, die Begnadigung öffne das Gerichtsverfahren nicht erneut und stelle kein Berufungsgericht dar – die Verurteilung als solche bleibe bestehen. Der Zeitpunkt – Vorabend von Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung und des Neuanfangs – ist kaum zufällig gewählt.




