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„Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich noch einmal Holocaust erleben würde“, sagte mir Tzili Wenkert (82). Ihr Enkel Omer Wenkert wurde am Schwarzen Schabbat von Hamas-Terroristen in den Gazastreifen verschleppt, seine Freundin bestialisch umgebracht. Seitdem ist Oma Tzili im Einsatz für ihren Enkelsohn. Anat Schneider hatte Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.
Tzili ist eine schöne Dame, man spürt ihr ab, dass sie mutig ist und optimistisch. Der Name Tzili weist auf angenehmen und sanften Klang hin, der von der Namensträgerin ausgeht. Mit großer Liebe und endlosem Segen, aber von Schmerz schier überwältigt, spricht sie von ihrem entführten Enkel: „Omer muss frei kommen“, sagt Tzili, „er leidet an chronischer Kolitis und braucht jeden Tag seine Medikamente. Was wird aus ihm, wenn er die täglichen Medikamente nicht mehr bekommt? Wo ist mein Omer jetzt? Er ist zweiundzwanzig, mein ältester Enkel, ein fröhlicher, höflicher, ein guter Junge. Immer freundlich zu allen.“
Tzili erzählt mir über Omer, beschreibt seine Natur. Sehr fleißig und strebsam muss er wohl sein: „Stell dir vor: Er leitete schon ein Restaurant mit vierzig Mitarbeitern. Es ist sein Traum, sich als Gastronom weiterzuentwickeln. Aber für mich wird Omer immer ein Kind bleiben.“

Man merkt Tzili an, dass sie selbst als Kind den Holocaust miterlebte. Ihre Gefühle aus der schrecklichen Zeit kommen wieder hoch. Das Schlimme daran ist, dass nun dieses Massaker wie ein Holocaust bei uns zu Hause passiert, im Land Israel. „Sie zeigten mir ein Video, das geht mir nicht aus dem Sinn. Da liegt Omer, mein Kind, hat nur seine Unterhose an, die Hände auf dem Rücken gefesselt, auf einem Pick-Up, lauter Terroristen um ihn herum. Dann hebt er den Kopf und schaut für einen Moment in die Kamera. Ich sehe die Angst in seinen Augen, kann sie richtig spüren. Hilf, Gott!“
Augenblicklich hatte sie verstanden, dass ihr Enkel nun im Gazastreifen als Geisel gefangen ist. Was sie jetzt mit eigenen Augen sah, ist für sie ein wahrer Holocaust, eigentlich noch schlimmer als der, den sie in Europa überlebte. „Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich in meinem Alter noch einmal einen Holocaust erleben würde.“

Tzili wurde 1941 in Rumänien geboren. Als man ihre Familie ins Ghetto brachte, war sie sechs Wochen alt. Mit dreieinhalb Jahren überlebte sie knapp. Sie kann sich erinnern, wie damals deutsche Flugzeuge das Ghetto bombardierten. Die Mutter stand an der Tür der Baracke und umklammerte sie.
Nach dem Holocaust fiel das Gebiet, in dem sie lebten, an die Sowjetunion. Es war unvorstellbar schwierig, eine Ausreisegenehmigung zu bekommen. Erst nach ihrer Heirat gelang es. 1965 wanderten sie, ihr Mann und ihre Familien nach Israel aus.
Seit der Entführung von Omer kommt Tzili ohne Medikamente nicht durch die Nacht. Das Schwierigste ist die Angst. Was wird passieren? Die Ungewissheit ist schrecklich. Tagsüber versucht sie, der ganzen Familie Hoffnung einzuflößen. Sie versucht erst gar nicht, ihren Schmerz zu verbergen, aber der ist nicht mit dem Schmerz der Eltern zu vergleichen. Tzili ist entschlossen, Optimismus zu verbreiten, einen zerbrechlichen zwar, aber eben doch Optimismus, ein Funke von Hoffnung. Auf keinen Fall will sie das aufgeben.
Die Medien kennen Tzili, und sie lassen sie gern ans Mikrofon. Sie spricht bei jeder Gelegenheit zu aller Welt. Aber vor allem betet Tzili, in der Stille, allein vor Gott. Sie fleht zu ihm, er möge wirken, dass Omer und alle anderen Geiseln freigelassen werden. „Nur Gott kann helfen“, sagte mir Tzili, und sie sagt es sehr bestimmt.
Ob sie aus der Politik mutmachende Signale wahrgenommen hat? Den Eindruck habe ich eher nicht. „Obwohl der US-Präsident hier war und nett gesprochen hat, sehe ich keine wahren Fortschritte. Wochen sind vergangen, schlimme Wochen. Wir fühlen uns wie in der Hölle, und Omer sitzt in der Hölle fest. Aber von der Regierung hören wir keinen Fortschritt in Bezug auf die Geiseln.“ Sie spricht von vollem Vertrauen in Israels Armee, hofft, sie werde sich erfolgreich um die Befreiung der Geiseln kümmern. Aber von der Staatsführung in Jerusalem erwartet sie gar nichts.
„Wir haben das Verhalten unserer Politiker in den letzten Jahren gesehen. Was ich da mit meinen Augen sehe, macht uns nicht zum auserwählten Volk Gottes“, sagt sie mir traurig. „Ein auserwähltes Volk ist ein Volk, das zusammenhält, dass eine Einheit ist. Wie im Warschauer Ghetto. Alle waren zusammen und haben einander geholfen. Nur so können wir das Übel besiegen.“

Foto: Privat
Einige von Euch Lesern haben Tzili bei unserem Zoom-Treffen kennengelernt. Als sie von Omer erzählte und wir das Video einspielten, konntet Ihr, die Ihr dabei wart, mitfühlen. Ich fragte sie, ob sie Euch etwas fragen oder Euch etwas sagen wollte. Das war neu für sie: Da sind Christen, die das Volk Israel lieben, deren Herzen beim jüdischen Volk sind. Und sie sagte: „Bitte betet für meinen Omer und seine Familie. Und betet für alle Geiseln im Gazastreifen. Nur Gott kann uns helfen. Wir sind eine große Familie, als Ebenbild Gottes gemacht.“
Tzili hatte Freunde in Rumänien, Christen, mit denen sie gemeinsam nach dem Zweiten Weltkrieg studierte. Sie erzählte mir von dem engen, freundschaftlichen Verhältnis zu ihnen.
Tzili berichtete auch mir noch einmal, wie sie am 7. Oktober, der als Schwarzer Schabbat in die Geschichtsbücher eingehen wird, ihren Sohn Saul anrief. Zu dem Zeitpunkt wusste noch keiner, dass Omer entführt worden war. Sie wollte erfragen, wie es Omer geht, denn sie wusste, dass er mit seiner Freundin auf dem Musikfestival Nova war. Sie versprach ihrem Sohn, sofort zu beten. Und das tut sie seitdem pausenlos. Mehr kann sie für Omer und seine Familie jetzt nicht tun.
Als wir uns verabschieden, zeigt Tzili mir ein Foto von ihrem Enkelsohn. Ich sehe ein hübsches, lächelndes Kind, voller Lebensfreude. Tzili sagt leise: „Dieses Bild sehe ich ständig an, ich rede mit Omer jeden Tag.“ Ich sage Tzili: „Aktiviere alle deine Sinne in deinen Gedanken. Das ist wirklich wichtig. Gott steht uns bei. Sicher spürst du die Wärme von Omers Körper, riechst ihn, spürst, wie du ihm einen Kuss auf die Wange drückst und hörst sein Lachen, als wäre er da.“
Tzili bedrängt mich, Euch zu bitten, für ihren Enkelsohn und die anderen Geiseln zu beten. „Gebete haben Macht“, sagt sie. Ich verspreche Tzili, ihre Bitte an unsere Leser weiterzuleiten.
Ja, lasst uns nicht aufhören zu beten für Omer und die anderen 240 Geiseln.




