Nach der Parlamentswahl in Israel zeichnet sich auch am Mittwochmorgen noch keine klare Regierungsmehrheit ab. Das Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu liegt bei der laufenden Auszählung zwar vorn, verfehlt jedoch die erforderliche Mehrheit von 61 Sitzen in der Knesset. Die ersten Teilergebnisse zeigen zugleich, wie sich der anfängliche Vorsprung des bisherigen Regierungslagers im Laufe der Nacht verringert hat.
Nach den jüngsten am Mittwochmorgen veröffentlichten Teilergebnissen kommt das Netanjahu-Lager auf rechnerisch 55 Mandate, die Opposition auf 49 und die arabischen Parteien auf 16 Sitze. Dabei handelt es sich noch nicht um die endgültige Sitzverteilung.
Die Likud-Partei von Netanjahu bleibt mit 20,81 Prozent der ausgezählten Stimmen stärkste politische Kraft. Dahinter folgt die Partei Jaschar von Gadi Eisenkot mit 17,06 Prozent. Damit liegt der frühere Generalstabschef, der sich als Herausforderer Netanjahus positioniert hat, mit seiner Partei auf dem zweiten Platz.
Die Entwicklung der Auszählung zeigt, wie offen das Rennen weiterhin ist. In den frühen Morgenstunden hatte das Regierungslager zeitweise noch einen deutlich größeren Vorsprung. Mit der Erfassung weiterer Wahllokale verringerte sich dieser jedoch schrittweise.

Höchste Wahlbeteiligung seit 1999
Die Wahl vom Dienstag war von einer außergewöhnlich hohen Beteiligung geprägt. Nach Angaben der Zentralen Wahlkommission gingen 77,7 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl. Das ist die höchste Wahlbeteiligung seit 1999 und ein Anstieg um rund sieben Prozentpunkte gegenüber der letzten Knessetwahl im Jahr 2022.
Besonders auffällig war die starke Mobilisierung der arabischen Bevölkerung. Nach ersten Angaben lag die Wahlbeteiligung dort bei rund 80 Prozent. Die arabischen Parteien könnten ihre parlamentarische Vertretung damit deutlich ausbauen und bei der Bildung einer neuen Regierung eine wichtige Rolle spielen.
Allerdings bestehen zwischen den politischen Lagern erhebliche Differenzen über eine mögliche Zusammenarbeit mit den arabischen Parteien. Netanjahu hat eine Regierung, die auf deren Unterstützung angewiesen wäre, ausdrücklich abgelehnt.
Nachwahlbefragungen lagen weit auseinander
Bereits am Dienstagabend hatten die israelischen Fernsehsender nach Schließung der Wahllokale unterschiedliche Prognosen veröffentlicht. Während Kanal 12 und Kanal 13 zunächst einen knappen Vorsprung für das oppositionelle Lager sahen, meldeten Kanal 14 und i24News günstigere Ergebnisse für Netanjahus Verbündete.
Im Laufe der Nacht wurden die Nachwahlbefragungen mehrfach aktualisiert. Einige Prognosen sahen schließlich beide politischen Lager mit jeweils 51 Mandaten gleichauf.
Die tatsächliche Auszählung ergibt bislang ein anderes Bild. Allerdings werden die Wahllokale nicht in einer repräsentativen Reihenfolge ausgezählt. Deshalb lassen sich aus den bisher erfassten Stimmen noch keine sicheren Schlussfolgerungen über die endgültige Mandatsverteilung ziehen.

Netanjahu und Eisenkot beanspruchen Führungsrolle
Sowohl Netanjahu als auch Eisenkot zeigten sich in der Wahlnacht zuversichtlich, eine neue Regierung bilden zu können.
Netanjahu erklärte vor seinen Anhängern in Jerusalem, der Likud werde als stärkste Partei aus der Wahl hervorgehen. Er sprach sich für die Bildung einer starken nationalen Regierung des rechten Lagers aus.
Eisenkot wiederum erklärte vor seinen Unterstützern in Tel Aviv, die Wähler hätten sich für einen politischen Wandel ausgesprochen. Er versprach eine Regierung, die sich um nationale Einheit bemühen werde.
Entscheidend wird sein, welcher Kandidat nach Abschluss der Auszählung die Unterstützung einer Mehrheit der Knessetabgeordneten gewinnen kann. Sollte keines der beiden Lager auf mindestens 61 Mandate kommen, könnten schwierige Koalitionsverhandlungen bevorstehen.
Hinzu kommt, dass die Stimmen aus den sogenannten doppelten Umschlägen noch ausgezählt werden müssen. Dazu gehören unter anderem die Stimmen von Soldaten, Diplomaten und Krankenhauspatienten. Auch diese können die endgültige Mandatsverteilung noch verändern.
Die Stimmenauszählung wird im Laufe des Mittwochs fortgesetzt. Die aktuellen Ergebnisse veröffentlicht die israelische Zentrale Wahlkommission. Ergänzende Auswertungen und Hochrechnungen bietet das unabhängige Wahlportal Votes26.



