Vierter Gaza-Krieg brachte nur militärische Errungenschaften

Die Bedingungen des Waffenstillstands im Gaza-Krieg sind nicht bekannt, aber Israel besteht darauf, dass er „die Gleichung verändert hat“

von Yochanan Visser |
Foto: Nasser Ishtayeh/Flash90

In den frühen Morgenstunden letzten Freitag, dem 21. Mai 2021, begann ein Waffenstillstand zwischen Israel und den palästinensischen Terrorbewegungen im Gazastreifen. Der Waffenstillstand war durch die Vermittlung Ägyptens, Katars und der Vereinten Nationen sowie durch die Intervention der US-Regierung zustande gekommen.

US-Präsident Joe Biden hatte in der vorangegangenen Woche viermal Kontakt mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gehabt. Bei diesen Gesprächen drängte Biden auf eine deutliche Reduzierung der Militäraktionen der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen. Es ist nicht bekannt, ob Biden die Hamas und den palästinensischen Islamischen Dschihad aufgefordert hat, das Gleiche zu tun.

Premierminister Netanjahu lehnte Bidens Forderung zunächst ab und sagte, Israel werde die Militäraktionen gegen die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) im Gazastreifen fortsetzen, bis seine Ziele erreicht seien.

Die beiden terroristischen Bewegungen zeigten ihrerseits, dass sie Israel so viel Schaden wie möglich zufügen wollten, bevor die Waffenruhe um 2:00 Uhr am Freitagmorgen in Kraft trat.

Nach einer achtstündigen Pause, die um 1.00 Uhr am Donnerstag begann, fiel ein noch nie dagewesener Raketenregen auf die Städte und Dörfer im Süden Israels. Ab 9 Uhr morgens schlugen Hunderte von Geschossen im Süden Israels ein. Die Menschen waren gezwungen, stundenlang in ihren Luftschutzkellern auszuharren.

 

Cornet-Rakete

Einen Tag zuvor hatte die Hamas eine Cornet-Panzerabwehrrakete auf einen israelischen Armeebus abgefeuert. Der Fahrer des Busses hatte nur wenige Momente vorher mehr als 30 IDF-Soldaten in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen aussteigen lassen. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, aber das Heck des gepanzerten Busses wurde komplett zerstört.

 

Aschkelon

Während des Krieges standen wir in Kontakt mit einer älteren, gehbehinderten Dame in Ashkelon, die keinen privaten Luftschutzkeller in ihrem Haus hat. Sie berichtete, dass die Sirene ständig ertönte, aber manchmal funktionierte das System nicht, woraufhin sie massive Explosionen hörte. Die 85-jährige Frau befand sich in einem Schockzustand, nachdem eine Rakete ihr Haus knapp verfehlt hatte und auf einem Rasen neben dem Parkplatz explodiert war.

Sie sagte, dass es in all den Jahren, in denen sie in ihrer bescheidenen Wohnung in der Nähe des Meeres gelebt habe, noch nie eine solche Situation gegeben habe, in der Dutzende von Raketen in der Nähe von und in Wohngebäuden explodiert seien, trotz der Iron Dome-Raketenabwehrbatterien, die rund um die Stadt aufgestellt sind.

Aschkelon war die israelische Stadt, die während des 11-tägigen Krieges am stärksten betroffen war. Hunderte von Raketen schlugen innerhalb der Stadtgrenzen ein und mindestens drei Bewohner verloren ihr Leben, Dutzende weitere verletzt wurden.

Iron Dome hat hervorragende Arbeit geleistet, aber die Hamas ist auch klüger geworden, wie und wo sie ihre Raketen abfeuert.

Wird der Waffenstillstand halten?

Entgegen allen Erwartungen hält der Waffenstillstand vorerst, was damit zusammenhängt, dass sowohl die Hamas als auch der Islamische Dschihad (PIJ) während der Aktionen der israelischen Armee in Gaza extrem hart getroffen worden sind.

Ein Großteil des so genannten „Metro“-Projekts, des unterirdischen Tunnelsystems, das Hamas und PIJ mit Hilfe des Irans gebaut haben, ist inzwischen zerstört und es wird Jahre dauern, die Schäden dort zu beheben. Der israelischen Luftwaffe (IAF) gelang es in vier groß angelegten Aktionen mit Hunderten von Kampfjets und Kampfhubschraubern, 100 Kilometer verstärkte Tunnel des Metro-Projekts vollständig zu zerstören.

Die Bedingungen des Waffenstillstands wurden nicht veröffentlicht und es gibt kein offizielles Dokument, das von den Parteien unterzeichnet wurde, da Israel nicht offiziell mit den terroristischen Bewegungen in Gaza verhandelt.

Die Hamas wollte den Waffenstillstand unter der Bedingung akzeptieren, dass Israel Zugeständnisse in Bezug auf Jerusalem macht, insbesondere was die Kontrolle über den Tempelberg betrifft. Auf diese Weise hätte die terroristische Bewegung zeigen können, dass mit den mehr als 4.350 Raketen und Mörsergranaten, die Hamas und PIJ während des Krieges auf Israel abgefeuert haben, etwas erreicht worden sei. Es scheint jedoch sehr unwahrscheinlich, dass Israel irgendwelche Zugeständnisse in der Jerusalem-Frage gemacht hat.

Siehe: Juden kehren auf den Tempelberg zurück

Arabische Medien berichteten, dass Verhandlungen über die genauen Bedingungen des Waffenstillstands, einschließlich Jerusalem, stattfinden würden, nachdem die Kämpfe aufgehört hatten, aber bis jetzt hat Israel Maßnahmen ergriffen, die darauf hindeuten, dass es keine Gesten des guten Willens an die Hamas mehr umsetzen wird, wie z.B. Waren über die Grenzübergänge Erez und Kerem Shalom in den Gazastreifen zu lassen.

 

Ziele erreicht?

Die Schlussfolgerung muss also lauten, dass Hamas und PIJ mit ihren 4.350 Raketen nichts erreicht haben, vor allem wenn es um ihr Endziel geht, das die Zerstörung des Staates Israel und die Eroberung israelischen Territoriums ist.

In militärischer Hinsicht haben Hamas und PIJ jedoch einige ihrer Ziele erreicht. Es ist ihnen gelungen, die Schwächen der israelischen Raketenabwehr zu entlarven. Die Raketen, die auf Israel abgefeuert wurden, kamen in Salven und deshalb war der Raketenschutzschild Iron Dome nicht in der Lage, jede Rakete, die auf ein Ziel in einer israelischen Stadt oder einem Dorf gerichtet war, vom Himmel zu schießen.

Aus diesem Grund wurden in diesem vierten Gaza-Krieg relativ viele Häuser und andere Immobilien direkt getroffen und es gab mehr zivile Opfer (12) als bei der letzten Konfrontation mit der Hamas im Jahr 2014.

Palästinensische Frauen machen Selfies inmitten der Trümmer in Gaza-Stadt.

Moderne Waffen

Ein weiterer Unterschied zum Krieg im Jahr 2014 war, dass Hamas und PIJ mittlerweile über hochmoderne Waffen verfügen. Die Hamas verfügt nicht nur über Cornet-Panzerabwehrraketen, sondern auch über sogenannte „Kamikaze-Drohnen“, unbemannte Luftfahrzeuge, die als fliegende Bomben eingesetzt werden.

Außerdem setzte die Hamas einen neuen Typ von Mittelstreckenraketen ein, die Ayyash. Diese Rakete, die in Gaza nach einem vom Iran verwendeten Modell gebaut wurde, hat eine Reichweite von 250 Kilometern. Die Hamas setzte die Ayyash ein, um den Flugverkehr in Israel vorübergehend lahm zu legen. Sowohl der Ben-Gurion-Flughafen als auch der neue Ramon-Flughafen bei Eilat wurden letzte Woche von der Ayyash angegriffen.

Die sunnitische Terrorbewegung verfügt darüber hinaus auch über Mini-U-Boote. Die ferngesteuerten U-Boote schmuggelten auf dem Meeresweg 30 Kilo Sprengstoff in den Gazastreifen. Diese U-Boote sowie eine unbemannte Unterwasserdrohne, die auf einen Angriff in der Nähe von Aschkelon zusteuerte, wurden von der israelischen Armee zerstört.

Die israelische Armee (IDF) setzte einer Tauchereinheit der Hamas ein Ende, die schon früher versucht hatte, Israel zu infiltrieren. Die meisten Mitglieder dieser Einheit wurden beim Versuch, die Unterwasserdrohne zu aktivieren, getötet.

 

Erfolge der israelischen Armee

IDF und IAF haben in diesem vierten Gaza-Krieg bewiesen, dass sie in der Lage sind, einen unterirdischen Tunnelkomplex ohne jede Bodenoperation zu zerstören.

Die erste Aktion gegen die „Metro“, wie die IDF den Komplex nennt, wurde von 160 Kampfflugzeugen durchgeführt, die gleichzeitig 450 Lenkraketen auf den nördlichen Teil des Tunnelsystems abfeuerten. Insgesamt wurden bei diesem ersten Luftangriff 80 Tonnen Sprengstoff eingesetzt.

Nach der vierten Aktion gegen die unterirdischen Tunnel berichteten die IAF und die IDF, dass insgesamt 100 Kilometer des Komplexes zerstört worden seien und dass der Wiederaufbau Jahre dauern würde.

Die IAF demonstrierte auch ihre Fähigkeit, Präzisionsbombardements durchzuführen und ganze Hochhäuser in dicht besiedelten Gebieten zu zerstören, ohne zivile Häuser zu treffen. Infolgedessen war die Zahl der zivilen Todesopfer auf palästinensischer Seite viel geringer als 2014, während die Zahl der Luftangriffe höher war als in jenem Krieg, der auch länger dauerte.

 

Abschreckung

Die Erwartung in Israel ist, dass die Abschreckungskraft der israelischen Armee durch diesen Krieg wiederhergestellt wurde und dass sie für ein paar Jahre relativen Friedens sorgen könnte.

Die Hamas wird ihre gesamte militärische Infrastruktur wieder aufbauen müssen und das wird Jahre dauern, sagen Kommentatoren in Israel.

Die Öffentlichkeit im Süden Israels ist jedoch skeptisch und denkt, dass es nur eine Frage von Monaten sein wird, bis neuer Terror von Hamas und PIJ kommt.

Vielleicht wird der Terror nicht in Form von Raketen kommen, aber beide Terrororganisationen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie sich nicht auf konventionelle Formen der Gewalt beschränken (man denke zum Beispiel an Luftballons mit brennbarem Material).

Israel hat seinerseits einen Strategiewechsel gegenüber den palästinensischen Terrorbewegungen im Gazastreifen angekündigt.

Der ranghohe Likud-Minister Tzachi Hanegbi sagte, dass das israelische Militär von nun an Präventivschläge gegen Hamas und PIJ durchführen wird, wenn diese versuchen, ihre Raketenarsenale aufzufüllen.

„Das ist eine totale Änderung der Gleichung. Wir haben das noch nie gemacht“, sagte Hanegbi in einem Interview mit Channel 13 in Israel.

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