Verlobung im Untergrund

Orthodoxe Juden können nicht auf alle Gebräuche verzichten. Sie halten ihren Glauben an Gott, an die Tradition und die Thora für stärker als jede Pandemie.

von Anat Schneider | | Themen: Guten Morgen
Jerusalem Foto: Olivier Fitoussi/Flash90

Guten Morgen liebe Leser!

An einem normalen Wochentag hat sich Schlomo, ein Sohn meiner Schwägerin Ruth, verlobt. Feiern darf man derzeit nur mit zwanzig oder dreißig Teilnehmern, eingeteilt in verkapselte Kleingruppen. Zwei Meter Abstand fordern die Hygienekonzepte.

Aviel und ich hatten Bedenken, nach Maale Adumim zur Verlobungsfeier zu fahren. Wir kennen diese Welt und wissen, dass dort Vorschriften bestenfalls als Empfehlungen gelten. Ruthis Familie ist orthodox, und wenn man den israelischen Medien glaubt, sind die Orthodoxen die Corona-Bösewichte. Sie hören mehr auf ihre Rabbiner als auf die Regierung. Obwohl das gar nicht alle so handhaben, kommt dies in den Medien so rüber. Orthodoxe Juden können nicht auf alle Gebräuche verzichten. Sie halten ihren Glauben an Gott, an die Tradition und die Thora für stärker als jede Pandemie.

Gegen neun Uhr abends, wir hatten die Synagoge erst suchen müssen, trafen wir ein. Alles war still, man hörte keine Musik. Ein kalter Wind pfiff, das Eisentor war verschlossen. Stimmte die Adresse nicht? Wir riefen Ruthi an, und sie schickte ihren Sohn, um uns hereinzulassen. Mit Maske vor dem Gesicht gingen wir ins Kellergeschoss, und wir blickten in einen großen Raum, in dem über 100 Leute an Tischen saßen. Es gab nur 2 „Kapseln“, nämlich eine für die Männer, und eine für die Frauen. Transparente Plastikfolien, die eigentlich als Abtrennung zwischen den Tischen gedacht waren, hingen aufgerollt an gespannten Leinen.

Plastikfolien dienen in Coronazeiten als Schutzwände

Auf der Männerseite redeten gerade die Rabbiner über Schlomo. Ein weiser Thora-Schüler sei der 21-Jährige, wahrhaftig ein Gerechter. Auf der gegenüberliegenden Seite, durch eine flexible Wand von den Männern getrennt, unterhielten sich die Frauen. Sie sind nicht verpflichtet, zuzuhören. Als die Rabbiner mit ihren Reden fertig waren, übernahm der DJ. Laute chassidische Tanzmusik dröhnte durch den Keller. „Jalla Messiba!“, Jalla Party! Die Jeschiwa-Schüler tanzten wild auf den Tischen und im Kreis. Auf der Frauenseite wurde ebenso getanzt.

Auf einmal herrschte Stille, man hörte die Leute atmen. Ich dachte zuerst an Stromausfall. Aber nein: Der DJ hatte von seinem Jüngsten, der oben an der Straßenkreuzung Schmiere stand, eine Meldung bekommen. Polizei! Das wiederholte sich im Laufe des Abends.

Gott, Tradition und die Thora sind für orthodoxe Juden stärker als jede Pandemie

Typisch Israel! Die Orthodoxen haben halten sich nur an Regeln, die direkt vom Himmel kommen. So stellen sie das jedenfalls dar. Aber um fair zu sein, muss man zugeben, dass auch in anderen Bevölkerungsschichten sich nicht alle an die Vorschriften halten. Wir lieben Ruthi und ihre Familie, aber wir konnten auf dieser Party nicht bleiben. Nach ca. 45 Minuten verabschiedeten wir uns wieder. Man umarmte uns beschwichtigend: „Wir sind doch alle geimpft!“

Sagt nicht schon die Bibel über das Volk Israel, es sei ein halsstarriges Volk?


 

Das Wetter für heute in Israel

Teilweise bewölkt bis heiter ohne eine bemerkenswerte Veränderung der Temperaturen. Für heute werden folgende Höchsttemperaturen erwartet: Jerusalem 16 Grad, Tel Aviv 20 Grad, Haifa 17 Grad, Tiberias am See Genezareth 22 Grad, am Toten Meer 25 Grad, Beersheva 22 Grad, Eilat am Roten Meer 29 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist um einen Zentimeter gestiegen und liegt jetzt bei – 209,22  m unter dem Meeresspiegel. Es fehlen noch 42 Zentimeter bis zur oberen Grenze.

Die Redaktion von Israel Heute wünscht allen Lesern einen angenehmen Mittwoch. Machen Sie es gut.

 

Schalom aus Jerusalem!

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