Neuer Antisemitismus in den USA

Bis jetzt haben sich Juden in den USA immer wohlgefühlt, doch langsam scheint sich die Lage zu ändern

Neuer Antisemitismus in den USA
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Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein Glücksfall in der jüdischen Geschichte, da es in den USA im Gegensatz zu den Ländern Europas und den moslemischen Ländern nie antijüdische Gesetze, staatlich gelenkte Pogrome oder strukturelle Nachteile für Juden gab.

Aus diesem Grund haben sich die Juden in den USA immer wohlgefühlt. Bis vor kurzem lebten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sogar mehr Juden als in Israel. Ihr Beitrag zum Aufstieg der USA zum mächtigsten Land der Welt ist nicht zu unterschätzen.

In letzter Zeit scheint sich die Lage für die amerikanischen Juden jedoch zum Negativen zu ändern. Obwohl Präsident Trump ein Freund der Juden und Israels ist, wird das Land von einer Welle von Angriffen auf Juden erschüttert. Sie fanden ihren vorläufigen Höhepunkt am 28. Dezember 2019, als ein Angreifer in Monsey, einem Vorort von New York, in das Haus von Rabbiner Chaim Rottenberg eindrang und auf fünf Besucher seiner Hanukka-Party einstach. Nur einige Tage vorher zählte die Polizei in New York vier Übergriffe auf Juden innerhalb von 30 Stunden. Aber auch diese Angriffe waren nichts Neues, denn die Juden von New York mussten sich in den letzten Monaten und Jahren an immer häufigere antisemitische Vorkommnisse gewöhnen.

So alltäglich diese Angriffe mehr oder weniger geworden sind, haben sie inzwischen eine neue Qualität. Obwohl man denken könnte, nach und nach alle Spielarten von Antisemitismus gesehen zu haben, geben die Angreifer vor allem in New York dem Judenhass einen neuen Ausdruck. Hierbei handelt es sich nicht um Neonazis vom rechten Rand, noch um Moslems, auch nicht christliche Eiferer, sondern vor allem um farbige Bürger des Landes, politisch korrekt nennt man sie Afroamerikaner. Sie scheinen keine religiösen oder politischen Motive für ihren Judenhass zu haben. Weil sie nicht ins Bild des typischen Antisemiten passen, haben die Medien kaum Interesse.

Der ideologische Hintergrund für den Judenhass vieler Afroamerikaner ist wahrscheinlich eine Mischung aus Religion und Rassenideologie. Prediger wie Louis Farrakhan von der „Nation of Islam“ oder Al Sharpton, ein baptistischer Prediger und politischer Aktivist, verbreiten sie. Diese beiden genießen hohes Ansehen bei der farbigen Bevölkerung Amerikas, aber sie sind keine großen Freunde der Juden. Sie verstehen sich als Sprecher der „schwarzen Rasse“, die von „den Weißen“ unterdrückt wird. Die Weißen wiederum sind in ihren Augen in der Hand des Judentums. Farrakhan nennt die Juden „Kakerlaken“, Sharpton „Diamantenhändler“.

Die beiden sind allerdings keine Randfiguren in der amerikanischen Politik, sondern gehören zum Mainstream der demokratischen Partei, die ohnehin ein Antisemitismus-Problem hat. Die demokratischen Abgeordneten Ilhan Omar und Rashida Tlaib sind ausgesprochene Gegner Israels, die sich immer wieder antijüdisch äußern. Demokraten wie Alexandria Ocasio-Cortez und sogar Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders, der selbst jüdisch ist, leben ihre Feindschaft gegenüber Israel offen aus.

Demokraten, schwarze „Menschenrechtsgruppen“, islamische und pro-palästinensische Organisationen haben unter den Afroamerikanern einen Judenhass genährt, der vor allem im New Yorker Ballungsraum gedeiht, wo die beiden Bevölkerungsgruppen stark vertreten sind. Die Stadt hat sich immer für ihre Toleranz und Freundlichkeit gerühmt, aber heute ist sie zum Schlachtfeld um die Zukunft des Judentums in den USA geworden. Der Antisemitismus im Land der Freiheit hat religiös-messianische Züge.

Die Entstehung des modernen Israels ist Erfüllung biblischer Prophetie. Die Rückkehr der Juden in das ihnen gelobte Land vollzogen aber die amerikanischen Juden bisher nicht mit. Die arabisch-moslemischen Länder sind so gut wie judenrein. Europa wird es ebenfalls werden, zwar langsam, aber sicher. Es fehlen noch die großen jüdischen Gemeinden Nordamerikas, die fast sieben Millionen Mitglieder zählen. Für die oft wohlhabenden Juden, die es dort bequem haben, wäre ein Leben in Israel ein wirtschaftlicher Abstieg. Aber viele amerikanische Juden fragen sich bereits, ob die häufigen antisemitischen Angriffe vielleicht ein göttliches Zeichen sind, endlich nach Israel auszuwandern. Es scheint, als hätten sie die Wahl, ihr Judentum zu verleugnen, um sicher in Amerika leben zu können, oder offen als jüdischer Mensch zu leben, dann aber unter Lebensgefahr.