Schneider Aviel

Naturgewalt und Glaube

In unserer nächsten Ausgabe geht es um den spannenden Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Naturgewalten und Glaube, Gottes Eingreifen und menschliches Verstehen.

Überflutete Straßen in Tel Aviv im Dezember 2021 Foto: Avshalom Sassoni/Flash90

Die in der Bibel erwähnten Naturgewalten sind für viele leichter zu verstehen als die heutigen in unserer Gegenwart. Die Bibel ist voller Geschichten, in denen es um Überschwemmungen, Feuersbrünste, Heuschreckenschwärme, Erdbeben und Seuchen geht, die einst als Strafe und Gericht Gottes aufgefasst wurden. Heute werden Naturgewalten gern wissenschaftlich erklärt – die Frage ist, wird Gottes Status damit geschwächt? Und geschieht heute alles von selbst oder übt Gott auch in unseren Tagen die Kontrolle aus? Bestimmt Gott wie früher, wann und wo die Erde bebt und wo das Meer die Küste überschwemmt?

Die Sintflut steht sprichwörtlich dafür, aber auch Schwefel und Feuer, die vom Himmel fielen und Sodom und Gomorra vernichteten. Was die zehn Plagen über Ägypten betrifft, spricht Gott vorher mit Mose und sagt ihm, wie die Naturgewalten beschaffen sein werden. „Gott ließ donnern und hageln, dass das Feuer auf die Erde über Ägypten schoss“, heißt es wortwörtlich.

König Salomo machte Gott deutlich, dass Naturgewalten sein Werkzeug sind und dazu dienen, sein Volk zu erziehen. „Siehe, wenn ich den Himmel zuschließe, dass es nicht regnet oder den Heuschrecken gebiete, das Land abzufressen oder wenn ich eine Seuche unter mein Volk sende, so werde ich ihre Sünden vergeben und ihr Land erst dann heilen, sobald mein Volk sich demütigt und sich von bösen Weg abwendet“.

Jeder gläubige Mensch, egal ob Jude oder Christ, versteht und glaubt, dass der Allmächtige die Naturkatastrophen in der biblischen Vergangenheit ausgelöst und beendet hat. Dieses ergibt sich aus dem Lesen der Bibel, denn dies ist, was die Bibel den Lesern vermittelt. Weil Gott selbst die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, ist eine Naturgewalt hier und dort kein Thema für den Schöpfer. Gläubige Menschen stellen das nicht infrage. In der Bibel ist alles klar und deutlich. Jedes Unglück, jede Katastrophe und jede Pandemie zeigt uns Menschen unsere Grenzen auf. Als Menschen meinen wir, wir hätten alles im Griff und merken nicht, wie klein und gering wir sind. Zugleich redet Gott zu Menschen, um sie zur Buße zu veranlassen.

Erdbeben in Haiti, 2010. Bild: UN Photo/Sophia Paris/Flash90

Aber sobald Naturgewalten und Unglücke in unserer Zeit in die Schlagzeilen rücken, werden Fragen gestellt. Das war 2004 im indischen Ozean so, als über 226.000 Menschen Opfer eines Tsunamis in der Region wurden. Beim Erdbeben in Haiti 2010 verloren 222.000 Menschen ihr Leben, bei einem Sturm in Myanmar 2008 wurden 140.000 Todesopfer gezählt. Aber auch während der Hitzewelle 2003 in Europa oder 2010 in Russland, fanden insgesamt 125.000 Menschen den Tod. Nicht zu vergessen der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001, wo nahezu 3.000 Menschen starben. All dies lässt Fragen aufkommen. Auch heute, wo die Welt sich mit einem tückischen Virus beschäftigen muss. Bei solchen Unglücken und Katastrophen stellen Menschen Fragen und diese sind berechtigt. Steht Gott dahinter? Was sagt die Bibel dazu? Ist die Endzeit angebrochen? Wäre all dies in biblischer Zeit passiert, könnte dafür leicht Gott verantwortlich gemacht werden. Aber in unserer Zeit sehen wir vieles anders.

Eine weitere Frage stellt sich, nämlich ob Gott ein Unglück aktiv bewirkt oder es nur zulässt. Was ist überhaupt der Unterschied? Häufig erinnern sich Menschen bei solchen Katastrophen an den Propheten Amos: „Geschieht ein Unglück in der Stadt und der Herr hätte es nicht bewirkt?“ Die Frage lautet, ob dieser Vers so ohne weiteres auf jedes Unglück in unserer Gegenwart anzuwenden ist, das auf der Erde geschieht. Was haben Terrorangriffe, was hat eine Nuklearkatastrophe, ein Wirbelsturm, ein Erdbeben oder eine weltweite Epidemie mit Gott zu tun? War es Gott, der die Corona-Pandemie Ende Dezember 2019 in China aktiv bewirkte oder nur zugelassen hat? Oder war es vielmehr der Teufel, der diese Pandemie verursacht hat? Und wenn ja, warum hat Gott ihn dann nicht davon abgehalten?

Irgendwie ist es seltsam, dass Naturkatastrophen wie selbstverständlich als höhere Gewalt bezeichnet werden, wobei man Gott für die Jahre, Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte nicht dafür lobte und dankte, dass er der Welt hauptsächlich friedliches Wetter bescherte.

Viele Menschen stellen Gottes Güte wegen dieser Naturkatastrophen und Unglücke infrage. Wir müssen lernen zuzugeben, dass wir vieles nicht wissen. Anhand der Geschichte von Jona verstehen wir, dass Gott handelte. Er ließ den Sturm kommen und er bestellte den Fisch, um Jona zu verschlingen. Bei Hiob hingegen zeigt uns Gott, dass die Initiative vom Teufel ausging. Gott überließ Hiob für eine bestimmte Zeit und mit einem festgelegenen Maß der Macht Satans. Also hat Gott das Leiden Hiob nicht aktiv bewirkt, sondern eher zugelassen.

Biblisch war ein Unglück konkret eine Strafe Gottes für sein Volk, weil es gesündigt hatte. Gott hatte Israel auserwählt und es war von ihm abgewichen. Viele fragen sich, ob diese Formel in unserer Zeit noch gültig ist. Mag es sein, dass Gott heute wie zur biblischen Zeit „einen Sturmwind bestellt, der seine Wellen hoch erhebt“, so wie es in den Psalmen (107) geschrieben steht? Im Buch des Propheten Jesaja sagt Gott: „Ich bin der Herr und sonst ist keiner! Der ich das Licht schaffe und die Finsternis schaffe, den Frieden mache und das Böse schaffe. Ich, der Herr, bin es, der dies alles bewirkt.“ Juden und Christen, die jede Naturgewalt als eine Strafe oder Wirken Gottes beschreiben, werden von der Umgebung oft als Fanatiker verurteilt.

Überschwemmung in der israelischen Stadt Ashkelon, November 2015. Bild: Edi Israel/Flash90

Mit anderen Worten, man muss man sehr vorsichtig sein, wie man schreckliche Erdbeben, Überschwemmungen und Seuchen als gläubige Menschen darstellt. Was im biblischen Vorbild einfach und klar übermittelt wird, ist in unserer Welt komplizierter. Wir sind Augenzeugen und hören viele andere Stimmen um uns, die ebenso Zeugen der Zeit sind. In der Bibel hören wir nur eine Stimme und dies spricht für Gott. In der Bibel wird von einem handelnden Gott gesprochen, was heute in der christlichen Theologie manchmal verloren geht. Der Kirche und der Theologie fällt es heute schwer, auf plausible Weise von einem handelnden Gott zu sprechen. In der Bibel lesen wir von einem aktiven Gott und in unseren Tagen stellen sich die Menschen lieber einen passiven Gott vor. Daher wird, wer die Corona-Pandemie als eine Strafe Gottes betrachtet, als Fundamentalist abgestempelt. Biblisch korrekt, politisch wahrscheinlich weniger.

Zwei Drittel der amerikanischen Gläubigen sehen die Corona-Pandemie als eine Botschaft von Gott, das ergab eine Umfrage der University of Chicago Divinity School. „Aufgrund der Pandemie suchen Menschen nach einer tieferen Bedeutung für ihr Leben. 31 Prozent der Gläubigen sind der Meinung, dass Gott die Menschheit auffordert, sich zu ändern. 40 Prozent der Amerikaner sehen im Erdbeben und Tsunami in Japan 2011 ein Wirken Gottes. 16.000 Menschen haben bei diesem Unglück ihr Leben verloren. Die Prozentsätze ermittelte eine Studie des Publik Relation Institutes für Religion (PRRI). Auch für das Unglück auf dem Berg Meron in Galiläa im Frühling 2021 wurde Gott von orthodoxen Rabbinern und Juden als der Verantwortliche gesehen. 45 Tote und 150 Verletzten war das Resultat einer Massenpanik.

Zusammenfassend lässt sich sagen, viele religiöse Juden und Christen sehen in der Corona-Seuche und anderen Unglücken eine Strafe, Warnung oder Zeichen Gottes. Aus biblischer Sicht haben die Menschen theoretisch vollkommen Recht. Aber mit unserem Wissen und modernen Gedankenwelt ist dies oft schwierig.

Ich vergleiche Gottes Wirken in den Naturgewalten mit der Wiedergeburt Israels von 74 Jahren. Israels Existenz in seiner biblischen Heimat nach knapp zweitausend Jahren ist ein Wunder, wie eine Naturgewalt in der Weltpolitik. Ein übernatürliches Ereignis. Natürlich können wir Schritt bei Schritt die politische Entwicklung zur Staatsgründung Israels erklären und dennoch dürfen darin Gottes Wirken betrachten. Das versteht die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung. Im Endeffekt muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, wie aktiv er Gott in seinem Leben haben möchte.

 

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