Maria Magdalena, Jesus und der geheimnisvolle Stein Public Domain
Jüdische Welt

Maria Magdalena, Jesus und der geheimnisvolle Stein

Eine Untersuchung des Magdala-Steins und was er uns über das Wirken Jesu und seinen Einfluss auf das Judentum sagt

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Ein mysteriöser Stein, der genau fort gefunden wurde, wo einst Jesus auf seinen Reisen verweilt haben muss, öffnet ein überraschendes Fenster zu dem Einfluss, den der Messias und seine frühen Anhänger auf die Juden des ersten Jahrhunderts und die Zukunft der jüdischen Synagoge hatten.

 

Der Schauplatz

Magdala war der Geburtsort von Maria Magdalena, wie jüdische und christliche Quellen berichten. Maria, oder Mariam, wie sie auf Hebräisch genannt worden wäre, war eine jüdische Frau, die den Evangelien zufolge als eine seiner Nachfolgerinnen mit Jesus umher reiste. Sie war auch Zeugin seiner Kreuzigung und der Ereignisse, die sich danach ereigneten, einschließlich seiner Auferstehung. Maria wird in den Evangelien zwölfmal erwähnt, öfter als die meisten Apostel und öfter als jede andere Frau außerhalb der Familie. Mit einem Wort, sie war eine richtige Frau. Magdalena, der Beiname Marias, stammt höchstwahrscheinlich von der Stadt Magdala, in der sie lebte.

Um den geheimnisvollen Magdala-Stein zu verstehen, der in der Synagoge von Marias Heimatstadt freigelegt worden ist, müssen wir uns bewusst machen, dass Jesus die Stadt besucht hat. Sie war damals ein Zentrum des Fischhandels am Westufer des Sees Genezareth, und lag nur wenige Kilometer südlich des Fischerdorfes Kapernaum, der Heimat von Simon Petrus. Als Petrus noch Fischer war, muss er regelmäßig nach Magdala gegangen sein, um dort seinen Fisch zu verkaufen. Sicher hat er sich zusammen mit Maria und den anderen Jüngern auf dem Markt getroffen, um alle Neuigkeiten über Jesus und seine messianischen Ansprüche zu besprechen. Interessant: Die frühen Gläubigen benutzten das Fischsymbol, um auf geheime Versammlungsorte hinzuweisen, als die Verfolgungen begannen.

Magdala war nicht nur ein zentraler Fischmarkt in der Region, sondern beherbergte auch die stolze Synagoge der Stadt, eine der schönsten und beliebtesten in der Region. Sie lag mitten in Jesu Lehrkreis, als er “durch Galiläa zog, in ihren Synagogen lehrte und das Evangelium vom Königreich predigte” (Matthäus 4,23). Wir können uns den Messias in der geschmückten Synagoge vorstellen, wie er neben dem geheimnisvollen Magdala-Stein steht oder sich an ihn lehnt. Der Stein diente als Bimah, ein traditioneller Ständer zum Halten von Thorarollen, aus denen der Rabbiner vorlas, wenn er der Menge frommer Juden predigte. Aber ist dieser einzigartige Stein nur eine Bimah, oder hatte er eine tiefere Bedeutung?

Der Stein

Lassen Sie uns den rätselhaften, einzigartigen Magdala-Stein untersuchen, der 2009 von Archäologen entdeckt wurde. In den blockförmigen Stein sind Symbole des Jerusalemer Tempels eingemeißelt, darunter die Äußere Halle, das Innere Heiligtum und das Allerheiligste.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Jude aus dem ersten Jahrhundert, der an den Ufern des Sees von Galiläa lebt, und die jährliche Saison der jüdischen Feste ist angebrochen. Der Weg bis zum Tempel in Jerusalem, den Sie zu Fuß zurücklegen müssen, ist dermaßen weit, dass Sie beschließen, mit der Familie die Feierlichkeiten hier in Ihrer örtlichen Synagoge zu feiern, und passenderweise haben Sie eine Nachbildung des Heiligen Tempels direkt vor Ihrer Haustür.

Was stellte der Tempel im täglichen Leben dieser Juden des ersten Jahrhunderts dar? Hatten sie ein Gespür für Gottes Gegenwart in der Synagoge wie sie es im Jerusalemer Tempel gehabt hätten? Konnten sie ihn genauso gut aus der Ferne anbeten?

Der Magdala-Stein scheint darauf hinzuweisen, dass es hier eine frühe jüdische Bewegung gab, die Synagogen als “kleine Tempel” zu betrachten schien. Und wo sonst als hier in Magdala, einem Treffpunkt für die ersten Jünger und Freunde Jesu. Es scheint, dass die örtlichen Gläubigen in der Magdala-Synagoge begonnen hatten, über die Idee nachzudenken, dass ein Treffen zu gemeinsamen Gebeten, zur Gemeinschaft und zum Thoralesen genauso spirituell und sinnvoll sein könnte wie die Rituale und Opfer, die im Tempel dargebracht werden. Verstehen hier die Juden, die Jesus in Galiläa nachfolgten, bereits, dass Gottes Gegenwart ihnen in ihrer heimatlichen Synagoge genauso zur Verfügung steht, wie im Tempel in Jerusalem?

Die Vorderseite des Magdala-Steins zeigt die im Tempel gefundene Menora. Diese Darstellung ist die älteste eingravierte Darstellung der siebenarmigen Menora des Zweiten Tempels, die je an einem öffentlichen Ort gefunden wurde. Ihr dreizackiger Sockel deutet darauf hin, dass der Künstler wahrscheinlich die eigentliche Menora im Tempel sah, die nicht die achteckige Plattform hatte, die in den meisten Darstellungen zu sehen ist.

Die Menora auf dem Magdala-Stein ruht auf einem verzierten Platz, der den Opferaltar symbolisiert. Die beiden Krüge neben der Menora repräsentieren wahrscheinlich das Wasser, das zur Reinigung verwendet wird, und das Öl für Licht und Salbung, das im Tempel verwendet wird. Wenn ein Rabbiner vor dem Stein stand und auf die Menora blickte, war er nach Süden in Richtung Jerusalem gerichtet, als würde er den Tempel selbst betreten.

An den Seiten des Steins sehen wir Säulenbögen mit einer weiteren Reihe von Bögen im Inneren. Dies sollte den Gläubigen ein dreidimensionales Gefühl für den Eintritt in den heiligen Tempel vermitteln. Auf der rechten Seite ist eine kleine Lampe abgebildet, damit man sich vorstellen kann, wie es ist, durch die von Öllampen beleuchteten Durchgänge des Tempels zu gehen.

Auf der Oberseite des Steins sieht man mittig eine Rosettenblume, die von Herzen umgeben ist. Die Herzform, die uns heute so häufig als Symbol der Liebe begegnet, wurde in der Antike nicht verwendet. Wissenschaftler glauben daher, dass diese Formen symbolisch für das Schaubrot stehen, das als zwei Sets von sechs Brotlaiben auf den Schaubrottisch gelegt wurde.

Die sechsblättrige Rosette in der Mitte wird von zwei Säulen flankiert. Laut unserer Reiseleiterin Sharona Liman stellen diese Palmen dar, die dazu dienten, Besucher willkommen zu heißen. Andere meinen, es handele sich um Säulen mit Palmettenkapitellen, die an die Beschreibung des jüdischen Historikers Josephus über das Areal direkt vor dem Allerheiligsten erinnern. Die Rosette in der Mitte symbolisiert den Schleier vor dem Allerheiligsten, der laut Josephus wie die Rosette mit Blumen geschmückt sein soll.

Interessanterweise ist die Rosette bis zum zweiten Jahrhundert n. Chr. auch auf jüdischen Beinhäusern und Grabsteinen zu finden. Man versteht darunter, dass wir im Tod durch den “Schleier” aus diesem Leben in die Gegenwart Gottes gehen, so wie wir durch den Schleier in das Allerheiligste die Gegenwart Gottes im Tempel betreten.

Das führt uns zum Höhepunkt des auf dem Magdala-Stein abgebildeten Tempels: Das Allerheiligste. Wir sehen zwei in der Luft schwebende Räder mit dreieckigen Formen darunter. Die Räder stellen den Wagen dar, auf dem Gottes Thron sitzt. Die Dreiecke stellen Feuer dar, das in frühen jüdischen Schriften das himmlische Reich darstellte. Ein solch feuriger Wagen wird in der Prophezeiung Hesekiels beschrieben, und das Bild symbolisiert die Gegenwart Gottes, der sowohl im Tempel auf Erden als auch im Himmel wohnt.

Diese lebendige und vollständige Darstellung des Tempels im Herzen einer galiläischen Stadt, die so zentral für das Wirken Jesu und seiner engsten Anhänger ist, wirft Fragen auf. Glaubten die Juden zusammen mit den Jüngern Jesu, dass Gottes Gegenwart auf besondere Weise unter ihnen war, als sie sich zum Gebet und zur Anbetung versammelten? Wenn ja, und ich bin überzeugt, dass dies nach einem Besuch der Stätte der Fall ist, dann bietet uns Magdala einen einzigartigen Einblick in die Art und Weise, wie die jüdischen Nachfolger Jesu und Jesus selbst großen Einfluss darauf hatten, wie das Judentum wuchs und sich selbst über den Tempel in Jerusalem hinaus verstand, der bald zerstört werden sollte. Die von den Propheten vorhergesagte Vorstellung, dass alle von Gottes Gegenwart profitieren können, ganz gleich, wo man sich befindet, oder vom Priestertum aller Gläubigen, scheint genau hier im Herzen des Dienstes Jesu, am Scheideweg der jüdischen und christlichen Geschichte und des Glaubens, auferstanden zu sein.

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