„Liebe ohne Bedingung“ hat auch Grenzen 

Bedingungslos und ohne Einschränkungen an der Seite Israels zu stehen, ist anstrengend, komplex und oft riskant.

von Aviel Schneider |
Christliche Pilger in Jerusalem am Palmsonntag Foto: Yonatan Sindel/Flash90

  Bild: Christliche Pilger in Jerusalem am Palmsonntag

 

Es gibt genügend Gründe, die Anlass für Christen bieten, sich an Israel zu stören. Die einen betonen das laut und öffentlich, wenn dies der Fall ist, andere geben es in geschlossenen Gesprächen zu und weitere wissen dies zwischen den Sätzen und in ihrer Intonation auszudrücken. „Israel ohne Bedingung“ beizustehen, zu lieben, ist nicht leicht und eher ein beliebtes Klischee.

Bedingungslos und ohne Einschränkungen an der Seite Israels zu stehen, ist anstrengend, komplex und oft riskant. In letzter Zeit entwickelt sich jedoch etwas Spannendes und Neues in christlichen Kreisen, die mehr als andere Christen Israel beistehen. Ein Großteil gläubiger Christen stört sich nun selbst an Israel. Es scheint also, sie haben nun ein kleines Problem mit Israel selbst.

Es gibt Christen, die Israel verurteilen, weil Israel Palästinenser diskriminiert. Es gibt Christen, die Israel verurteilen, weil Israel die umstrittene Siedlungspolitik im biblischen Kernland Judäa und Samaria fördert. Es gibt Christen, die Israel verurteilen, weil Juden Jesus als den biblischen Messias verleugnen. Es gibt Christen, die Israel verurteilen, weil sie meinen, sie seien das auserwählte Volk und nicht die Juden. Es gibt Christen, die Israel verurteilen, weil sie den Juden vorwerfen, arrogant zu sein. Es gibt Christen, die Israel verurteilen, weil sie Juden nachsagen, sie beherrschen weltweit Banken und Medien. Es gibt Christen, die Israel verurteilen, weil die jüdische Orthodoxie messianische Juden verfolgt. Und nun gibt es auch Christen, die Israel verurteilen, weil Israel aus ihrer Sicht eine unnötige Impfpolitik betreibt, die das Volk ins Verderben führe.

Katholische Gläubige während einer Karfreitagsprozession in Jerusalems Altstadt

Diese Christen stellen alles auf den Kopf, weil Israel sich nicht so verhält, wie sie es sich von Israel und den Juden wünschen. Die meisten von ihnen werden nicht mehr nach Israel reisen, solange die Einreise von einer Impfung abhängig ist. Das ist ihr volles Recht und dies muss Israels Tourismusministerium mit in Kauf nehmen und wahrscheinlich neu überdenken. Aber das ist ein Vorwurf, ähnlich dem, dass Christen das Heilige Land nicht besuchen wollen, weil Israel Apartheid vorgeworfen wird.

Natürlich könnte man erst einmal vergleichen, welche Vorwürfe nun leichter seien, aber das ist nicht der Punkt. Ich werde nicht nochmal aufschreiben, was Israel und der Regierung im letzten Corona Jahr alles vorgeworfen worden ist. „Liebe ohne Bedingung“ hat anscheinend Grenzen, auch unter christlichen Israelfreunden, und das sage ich nicht als Kritik, sondern als Tatsache. Wir sind Menschen und kritisieren uns selbst innerhalb des Volkes, unter Freunden und Geschwistern. Menschen müssen lernen, Israel so zu akzeptieren, wie es ist. 

Christliche Missionare marschieren auf der Jaffa-Straße in Jerusalem

Menschen haben Wünsche und Vorstellungen von Israel: Da soll es einerseits barmherziger zu den Palästinensern sein, keine jüdischen Siedlungen wären besser, kollektiv solle Jesus als Messias anerkannt werden, das wäre der Hit des Jahrtausends, und Israel ohne Pfizer Spritzen wäre im letzten Jahr der Hammer.

Im letzten Jahr ist mir vieles klarer vor Augen geworden und dazu gehört auch die christliche Beziehung zum Volk Israel in Zion. Menschen werden sich immer an Israel stoßen und wundreißen, denn seit eh und je hat Israel mit seinem Verhalten Menschen verärgert. Israel wirklich ohne Bedingung zu lieben, ist wahrscheinlich nur in der Kraft des Allmächtigen möglich und nicht in der Macht der Menschen.