Jerusalem im Streit zwischen zwei Königreichen Flash90/Public Domain
Israel

Jerusalem im Streit zwischen zwei Königreichen

Zwei sunnitische Königreiche streiten sich über den Heiligen Berg in Jerusalem und die jüdische Regierung in Jerusalem muss nun entscheiden, wie sie aus dieser Zwickmühle herauskommt.

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Manchmal verraten Zwischenfälle politischen Streit. Dies war der Fall, als in der zweiten Märzwoche Jerusalem im Fokus eines Streites stand, in den Jordanien und Saudi-Arabien verwickelt waren. Der jordanische Kronprinz Hussein bin Abdullah hatte kurzfristig seine Reise nach Jerusalem abgesagt, offiziell, weil es Unstimmigkeiten bei den Absprachen mit israelischen Sicherheitsbehörden gegeben hatte. Dann sagte auch Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu seine geplante Visite in die Vereinigten Emiraten ab. Es hieß, Jordanien habe die Überfluggenehmigung für Netanjahus Flugzeug nicht erteilt.

Beide Vorfälle haben ein und denselben interessanten historisch-religiösen Hintergrund. Hier enthüllt sich ein versteckter Streit zwischen der saudischen Königsfamilie und dem haschemitischem Königreich in Jordanien. Beide Königreiche bestehen darauf, der gesetzliche Vormund, genannt Apotropos, über die Heiligen Stätten in Jerusalem zu sein, nämlich die Moscheen auf dem jüdischen Tempelplatz. In diesen Streit wird Israel mit hineingezogen.

Aus eben genanntem Grund plante der jordanische Kronprinz im März einen Blitzbesuch auf dem jüdischen Tempelplatz in Jerusalem. Man wollte die historische und formelle Position des haschemitischen Königreiches als gesetzlicher Vormund über die Heiligen Stätten in Jerusalem demonstrieren. Dann aber wurde der Besuch im letzten Moment mit der Ausrede wegen „technischer Sicherheitsvorkehrungen“ abgesagt. Aus jordanischer Sicht ist es dringend nötig, die jordanische Fahne in Jerusalem zu hissen, denn in Amman ist allen bewusst, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman mit Israel hinter den Kulissen darüber bereits verhandelt. Nicht nur das, der saudische Kronprinz und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wollen sich treffen. Als Netanjahu dann zwei Tage später über Jordanien in die Emirate fliegen wollte, wo bereits ein Treffen mit dem saudischen Kronprinzen vereinbart war, blockierte der jordanische König den Überflug. Die Reise wurde abgesagt.

Wer kontrolliert den Tempelberg? Jetyt will auch Saudi-Arabiem ein Wort mitreden.

Saudi-Arabien ist eine islamische Macht, unter deren Aufsicht und Herrschaft sich die wichtigsten beiden heiligsten Stätte im Islam befinden: Mekka und Medina. Und nun hegt das saudische Königreich die Absicht, auch die Aufsicht über die drittheiligste Stätte im Islam zu erlangen: die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem. Riad und Jerusalem verhandeln hinter verschlossenen Türen über einen neuen Status quo in Jerusalem. Aus verschiedenen Quellen in Jerusalem wurde uns deutlich gemacht, dass Riad bereit ist, zig Milliarden US-Dollar in Jerusalem zu investieren und im Zuge dessen auch einem Frieden mit Israel zuzustimmen. Riad verlangt eine hochrangige Partnerschaft an der Seite Israels über den Tempelberg. Die Rede ist davon, Jordanien vollständig abzulösen oder begrenzt mit Jordanien zu kooperieren. Saudi-Arabien würde so seine islamische Religionsherrschaft im Nahen Osten weiter festigen, da es nun über die drei heiligsten Stätten im Islam herrschen würde. Zeitgleich würde der saudische Kronprinz seinem türkischen Rivalen Erdogan einen politischen Knockout versetzen, der sich gewaschen hat. Erdogan hat in den letzten Jahren immer wieder die arabischen Sunniten regelrecht genervt und sich als Befreier Jerusalems aufgespielt.

Diese Perspektive lässt Israels Friedenspartner an der östlichen Jordangrenze natürlich nicht kalt. War es doch die haschemitische Königsfamilie, die nach dem 1. Weltkrieg den Titel des Hüters der heiligen Stätten des Islam in Mekka und Medina an die Saudis verlor. Das haschemitische Königreich wurde damals mit einer sekundären Vormundschaft über die islamischen Heiligen Stätte in Jerusalem getröstet. Diesen Status hat Israel Jordanien auch nach dem Sechstagekrieg 1967 zugestanden, obwohl Jordanien den Krieg verloren hatte. Bis heute ist Jordanien in der religiösen Verwaltung in Jerusalem involviert, was unter Aufsicht der sogenannten Waqf-Religionswächter vor Ort geschieht.

Als der saudische König Chalid ibn Abd al-Aziz (König von 1975 bis 1982) Anfang der 80er Jahre eine Delegation nach Jerusalem schickte und Israel Milliarden US-Dollar für die Entwicklung Ostjerusalem anbot, nur um die saudische Fahne auf den jüdischen Tempelberg in Jerusalem zu hissen, erteilte ihm Israels damaliger Ministerpräsident Menachem Begin eine Abfuhr. Doch heute haben sich die Zeiten geändert. Benjamin Netanjahu denkt anders. In Gesprächen mit Riad wird über die Möglichkeit der Integration von Saudi-Arabien als Statusinhaber auf dem Berg verhandelt. Alles hat im Rahmen mit dem amerikanischen Jahrhundertdeal begonnen. Und darüber ist das haschemitische Königreich verärgert. Zwei sunnitische Königreiche streiten sich über den Heiligen Berg in Jerusalem und die jüdische Regierung in Jerusalem muss nun entscheiden, wie sie aus dieser Zwickmühle herauskommt. Das saudische Königreich grenzt zwar nicht an Israel, ist aber reicher. Das jordanische Königreich dagegen grenzt an den Jordanfluss, hat Frieden mit Israel, ist aber ärmer als die Saudis. Es wird spannend, wie Israel im Wind der neuen Zeit darüber entscheiden wird.

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