Ist der Mensch wie ein Baum?

In dem Wochenabschnitt Schoftim (Richter) kommt der gern zitierte Vers vor „Ist denn der Baum des Feldes ein Mensch, daß er von dir mit in die Belagerung einbezogen wird?“ (5. Mose 20,19).

Baum
Mila Aviv/Flash90

Der Vers wird auch oft übersetzt als „denn der Mensch ist wie der Baum des Feldes…“, oder „Denn die Menschenexistenz ist der Baum des Feldes…“ Im hebräischen Original heißt es „Ki HaAdam Etz HaSadeh“ כי האדם עץ השדה – wörtlich: „Denn der Mensch Baum des Feldes“.

Der Vers kommt in der Mitte der Gesetze über die Belagerung von Städten vor, sodass es naheliegend ist, ihn so zu interpretieren, wie es Rabbi Hirsch beschreibt: „Du sollst die Fruchtbäume der belagerten Stadt nicht fällen, denn sie bilden die Grundlage der Menschexistenz und gehen daher mit in die Belagerung ein. Sie gehören also zu den Objekten, die du durch die Belagerung gewinnen willst. So wenig wie Zerstörung die Absicht deiner Belagerung sein soll, so wenig darfst du die Bäume der Stadt zerstören. Sie gehören mit zu der belagerten Stadt.“

Die Verse der Thora können jedoch auf mehreren Ebenen verstanden werden und wenn der Baum mit dem Menschen verglichen wird, dann sind sie sich auch ähnlich. Eine klassische, eher spirituelle Auslegung des Verses sieht Parallelen in den drei Teilen des Baumes mit dem Menschen: Die Wurzel gibt dem Baum seine Lebenskraft, hält ihn fest am Boden und ist die Grundlage seines Lebens und Wachstums. Die Wurzel steht für den Glauben des Menschen, der ebenfalls die Grundlage seines Lebens sein soll, ihn stärkt und fest am Boden hält. Wer denkt, dass Glaube allein ausreicht, kann sich einen Baum ansehen und erkennen, dass das bei weitem nicht der Fall ist, denn die Wurzel des Baumes ist nicht einmal zu sehen.

Der Stamm ist der größte Teil des Baumes und er steht für das Studium der Bibel, die Erfüllung der Gebote und die guten Taten des Menschen. Sie sollten ebenfalls den Großteil der menschlichen Aktivitäten bilden und sie werden durch die Wurzel „ernährt“, je stärker und fester der Glaube, desto mehr und bessere Taten kann der Mensch tun.

Die Früchte des Baumes sind jedoch für den Menschen das wichtigste. Auch wenn sie nicht ohne Wurzel und Stamm existieren können, bilden sie die Krönung eines Baumes. Die Früchte stehen für den Einfluss des Menschen auf seinen Nächsten, sodass auch dieser einen positiven Beitrag für die Schöpfung leisten kann. Wenn der Mensch seine Umgebung positiv beeinflusst, pflanzt er sich sozusagen in ihr fort, wie eine Frucht sorgt der positive Einfluss des Menschen auf seine Freunde, Nachbarn, Familie für die Schaffung der nächsten Generation an guten Menschen (nicht Gutmenschen).

Aber wie eine Frucht muss dieser Einfluss süß und lecker sein. Nicht mit Härte, Druck oder Furcht soll der Mitmensch beeinflusst werden, nur wenn der Einfluss schmackhaft ist, wird er aufgenommen. Eine Frucht wird jedoch nur süß, wenn sie eine starke Wurzel und einen starken Stamm hat, die sie ernähren.

 

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