Hat Israel „keine Kontrolle“ über die Corona-Pandemie? Oder hat es „die Kontrolle verloren“?

Während Omikron im jüdischen Staat grassiert, streiten Politiker über Herdenimmunität und eine vierte Impfung

von Ryan Jones | | Themen: Coronavirus
Foto: Tomer Neuberg/Flash90

Premierminister Naftali Bennett klopft sich derzeit selbst auf die Schulter, weil die Regierung die laufende Corona-Pandemie in den Griff bekommen habe, doch seine Top-Gesundheitsbeamten sind anderer Meinung und sagen, dass Israel die Kontrolle über die Situation verloren hat.

Das setzt natürlich voraus, dass es überhaupt jemals die „Kontrolle“ hatte.

„Wir versuchen so sehr wie möglich, die Infektionen zu reduzieren und die Kraft dieser [Omikron-]Welle zu verringern, aber es wird eine hohe Welle sein“, sagte Dr. Sharon Alroy-Preis, Leiterin der öffentlichen Gesundheitsdienste im Gesundheitsministerium, am Montag gegenüber Channel 13 News. Sie räumte ein, dass Israel „keine Kontrolle“ über den aktuellen Ausbruch habe, da die Zahl der täglichen Neuinfektionen am Dienstag auf über 10.000 gestiegen sei.

Wäre dies die ganze Zeit über der Fall gewesen, hätten nur wenige mit der Wimper gezuckt. Aber seit Wochen und Monaten wird den Israelis von Bennett weisgemacht, wie effektiv die Politik seiner Regierung sei, mit der er die Pandemie einzudämmen und den Betrieb in Israel aufrechtzuerhalten wisse. Für viele Israelis hört sich die Aussage von Alroy-Preis, Israel habe „keine Kontrolle“, daher eher so an, als habe Israel „die Kontrolle verloren“.

Dies gilt vor allem für die Eltern junger Schulkinder, die immer wieder nach Hause geschickt und zu PCR-Tests verdonnert werden, nachdem sie mit einem weiteren infizierten Mitschüler in Kontakt gekommen sind. Und dies führt zu einem Vertrauensverlust in die derzeitige Regierung und ihre Politik.

Ich kann dies persönlich bestätigen, da alle meine sieben Kinder bis auf zwei allein in den letzten zwei Wochen für mehrere Tage in Quarantäne und zum Fernunterricht nach Hause geschickt wurden. Ein Kind wurde in diesem Zeitraum gleich dreimal nach Hause geschickt! Und jedes Mal, wenn sie nach Hause geschickt werden, bedeutet das eine weitere lange Wartezeit bei der nächsten COVID-Teststation.

Die wiederholten langen Wartezeiten an den Teststationen haben bei vielen Israelis, insbesondere bei Eltern von Schulkindern, zu großer Frustration geführt. Bild: Avshalom Sassoni/Flash90

Sagen Sie nicht ‚Herdenimmunität‘

Der sprunghaft angestiegene Bedarf an Tests hat nicht nur zu unerträglichen Wartezeiten geführt, sondern auch zu einem Mangel an Test-Sets. Israel könnte bald keine mehr haben, was die Regierung veranlasst, dringend über alternative Richtlinien nachzudenken. Zu den Überlegungen gehören:

  • Testpflicht nach Kontakt mit einer infizierten Person nur für Bürger über 60 Jahre, die Symptome zeigen;
  • Durchführung von Antigen-Schnelltests in Schulen für alle Schüler, die mit einem infizierten Klassenkameraden in Berührung gekommen sind und dann sofort in den Unterricht zurückkehren;
  • Vollständige Streichung des Grüner-Pass-Programms.

Auch wenn Regierungsbeamte versuchen, dies zu vermeiden, würde die Annahme dieser Leitlinien bedeuten, dass die Herdenimmunität das neue Gebot der Stunde ist. Wenn nur symptomatische Personen über 60 Jahre nach einer Infizierung getestet werden, werden wir bald gar nicht mehr wissen, wer infiziert ist, da sich Omikron in allen Altersgruppen ausbreitet.

Dennoch sagte Israels Coronavirus-Zar Salman Zarka, dass die Regierung offiziell keine Masseninfektionen zulassen kann und will, um eine Herdenimmunität zu erreichen, auch wenn er zu verstehen gibt, dass nur ein strenger Lockdown eine Masseninfektion durch Omikron verhindern kann.

Zarkas Einwand gegen eine tatsächliche Politik zur Erreichung der Herdenimmunität ist, dass der Prozess das israelische Gesundheitssystem überfordern könnte.

Auf dem Höhepunkt früherer Infektionswellen wurden in israelischen Krankenhäusern 1.200 Patienten mit schweren Fällen von COVID-19 behandelt. Die Behandlung dieser Fälle ist ein intensives Unterfangen, das isolierte Stationen, spezielle Ausrüstung und die Abstellung von dringend benötigtem Personal von anderen Patienten erfordert.

Mit 1.200 schweren Corona-Patienten war das israelische Gesundheitssystem bis an seine Grenzen belastet. Im besten Fall liegt die Zahl der schweren Fälle inmitten der Omikron-Welle bei etwa der gleichen Zahl, nämlich bei 1.200. Im schlimmsten Fall verdoppelt sich diese Zahl auf über 2.400, was den Zusammenbruch des israelischen Gesundheitssystems zur Folge hätte und mit ziemlicher Sicherheit die Versorgung von Nicht-Corona-Patienten beeinträchtigen würde, was möglicherweise zu vermeidbaren Todesfällen führen würde.

Omikron schlägt um sich und es gibt keine Möglichkeit, es ohne einen landesweiten Lockdown zu stoppen, was von der Regierung nicht geplant ist. Bild: Olivier Fitoussi/Flash90

Keine Garantien

Dr. Alroy-Preis sagte in ihrem Interview auch, dass sie nicht guten Gewissens eine auf Herdenimmunität ausgerichtete Politik empfehlen kann, da diese keine Garantien bietet.

„Wir wissen nicht, ob es eine Welle geben wird, die uns überspült, und danach wird alles gut sein, und dann wird es eine Art Immunität geben“, sagte sie. „Wir sehen, dass Omikron Menschen infiziert, die sich [von früheren Varianten] erholen. Wie kann ich sicher sein, dass die nächste Variante nicht auch Menschen infiziert, die sich mit Omikron angesteckt haben? Ich kann diesen Vorhersagen [der Herdenimmunität] kein Gewicht beimessen.“

 

So funktionieren Pandemien

Dr. Alroy-Preis ist vielleicht nicht bereit, Vorhersagen über eine Herdenimmunität Gewicht beizumessen, aber andere hochrangige Experten wagen sich in diese Richtung.

Israels ehemaliger Coronavirus-Zar Prof. Ronni Gamzu sagte am Montag, dass Omikron tatsächlich unsere Chance sei, eine Herdenimmunität zu erreichen.

Bei einer Pressekonferenz in seiner neuen Funktion als CEO des Tel Aviv Sourasky Medical Center sagte Gamzu, es sei an der Zeit, das Flugreiseverbot und andere strenge Beschränkungen aufzuheben, da solche Maßnahmen keine Chance hätten, die Omikron-Infektionswelle aufzuhalten.

„Wir werden nach Omikron eine höhere Zahl von Menschen sehen, die sich erholt haben. Alle zusammen, die Genesenen plus die Geimpften und Geboosterten, werden uns eine Herdenimmunität verleihen“, sagte der Professor. „Allmählich wird es eine Herdenimmunität geben – das ist der Weg, den Epidemien und Pandemien nehmen.“

Prof. Itamar Grotto, ein erfahrener Epidemiologe, der zuvor die Position von Alroy-Preis eingenommen hatte, stimmte Gamzu zu und sagte letzte Woche gegenüber dem israelischen öffentlich-rechtlichen Sender Kan: „Es könnte an der Zeit sein, eine Politik in Betracht zu ziehen, in der die Menschen sich infizieren lassen.“

Siehe: Gesundheitsbeamte: Flugverbote beenden, Israelis mit COVID infizieren lassen

Nach Ansicht von Prof. Grotto muss Corona „eher ein individuelles als ein öffentliches Problem werden, da Omikron zu weitaus weniger schweren Erkrankungen führt und Israel jetzt im Besitz von Medikamenten ist, die denjenigen, die ernsthaft erkranken, eine wirksame Behandlung bieten.“

Israel wird sich ab nächster Woche wieder für Touristen aus einigen Ländern öffnen und die Reisebeschränkungen für Israelis verringern. Prof. Gamzu hält dies für einen Schritt in die richtige Richtung. Foto: Flash90

Vierte Impfstoffdosis

In seinen Ausführungen am Montag sprach sich Prof. Gamzu nachdrücklich für eine vierte COVID-19-Impfung aus, die derzeit für Bürger über 60 Jahre und in Risikogruppen angeboten wird.

„Die Logik dahinter ist so einfach wie eins plus eins gleich zwei“, betonte Gamzu.

Doch Prof. Ariel Munitz von der Abteilung für Mikrobiologie und klinische Immunologie der Universität Tel Aviv ist da ganz anderer Meinung.

In einem Twitter-Thread, der Ende letzten Monats veröffentlicht wurde, erklärte Prof. Munitz, warum die wiederholte Injektion desselben Virusstammes es den Bürgern erschwert, künftige Stämme zu bekämpfen, da die Flexibilität des Immunsystems beeinträchtigt wird.

Er betonte, dass jeder, der Immunologie studiert hat, dies wisse.

Siehe: Top-Immunologe sagt, Israel sollte die vierte Corona-Impfung nicht überstürzen

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