Etwas mehr Barmherzigkeit tut uns allen gut

Was das Volk Israel mehr als alles andere braucht, ist echte Versöhnung unter den Menschen.

von Aviel Schneider | | Themen: jom kippur
Volk
Foto: Chaim Goldberg/Flash90

Die Spaltung im Volk wird immer größer und die Brüder und Schwestern sprechen von „wir und die anderen“. Man muss sich nur die sozialen Netzwerke und Medien anschauen, in denen sich Brüder und Schwestern im Volk gegenseitig anschreien und niedermachen. Das hat jedes Maß verloren und wenn das nicht gestoppt wird, fallen wir alle in die gleiche Grube. Auf beiden Seiten gibt es Extremisten, die immer ein ganzes Volk verunglimpfen, entweder die Rechten und Religiösen oder die Säkularen und Linken. Die linken Medien heben oft nur das Schlechte an den rechten Brüdern und Schwestern hervor, und die rechten Medien machen genau das gleiche umgekehrt. Aber zu Versöhnung und Sühne gehört immer Blut, egal in welcher Hinsicht.

Seit dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana haben die zehn Tage der Buße (עשרת ימי תשובה) begonnen, die bis zum Versöhnungstag Jom Kippur gezählt werden. Es ist eine Zeit der Selbstprüfung, der Rechenschaft, der Reue und eine Möglichkeit, Vergebung zu bekommen und das Leben mit Gott wieder in Ordnung zu bringen. An diesen Tagen betet das Volk die sogenannten Slichot-Gebete, was übersetzt „Entschuldigung“ bedeutet. Ein Leitmotiv durch die zehn Tage: „Vater, wir haben gesündigt, sei uns gnädig!“ An der Klagemauer flehen nachts Tausende von Menschen in klangvoller Harmonie „Gott um Vergebung und Gnade“ an. Diese Momente an der Klagemauer sind überwältigend. Wir sind jedes Jahr mit unseren Kindern dort. Auch dieses Mal haben wir Freunde getroffen.

In Gesprächen mit einigen von ihnen habe ich gehört, wie jeder Gott um Gnade und Barmherzigkeit bittet, aber gegenüber dem Nächsten im Volk, der politisch auf der anderen Seite der Straße steht, ist jeder weniger barmherzig. „Die Linken in Tel Aviv sind keine Juden, für mich haben sie in diesem Land nichts zu suchen“, sagt mir ein langjähriger Freund namens Baruch. Er ist nicht religiös, aber traditionell und wählt den Likud. Wir waren zusammen in einer Klasse in der Grundschule in der Hebron Straße. Als ich ihn fragte, warum er Gott um Vergebung bittet, aber seinen Mitmenschen nicht vergeben kann, antwortete er mir: „Ich bin nicht Gott. Er kann nicht barmherzig sein. Chico, ein anderer Freund, wollte an der Klagemauer beten, zusammen mit allen linken Tel Avivern. Aber im gleichen Atemzug sagte er, dass das nicht möglich sei. „Die haben sich von Gott und dem Judentum abgewandt“, unterstellte er seinen Brüdern und Schwestern im Volk. Das hat keinen Sinn. Die gleichen Töne höre ich auch von der Linken im Volk. Erst kürzlich haben wir ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie linksradikale Demonstranten in Tel Aviv ausflippten und die religiösen Juden als Faschisten und Nichtjuden beschimpften, als ein Rabbiner vorbeikam.

Israelis protestieren am 19. September 2023 gegen Rabbi Yigal Levinstein vor seiner Unterrichtsstunde in einem Wohnhaus in Tel Aviv. Foto von Avshalom Sassoni/Flash90

Am kommenden Sonntagabend beginnt der biblische Versöhnungs- und Bußtag Jom Kippur (יוֹם הַכִּפֻּרִים), genauer übersetzt der Sühnetag. Für viele im Volk ist dieser Bußtag der heiligste Tag des Jahres, der für jeden von uns eine tiefe und geistliche Bedeutung haben sollte. Ich betone: „sollte“. Zwar fastet die Mehrheit des Volkes. Aber Fasten und Buße bringen nicht die Versöhnung, die wir uns alle so sehr wünschen. Seit Jahren verstehe ich, dass Gott barmherziger ist als wir Menschen. Wir bitten ihn um Vergebung, aber wir können dem Nächsten nicht vergeben. Das ist typisch für den Menschen.

Nach der Bibel bewirkt nur das vergossene Blut Vergebung der Sünden, und dafür wurden Tiere auf dem Altar Gott geopfert, Sühne heißt im Hebräischen Kippur, Kappara: „Denn das Leben des Leibes ist im Blut, und ich habe es euch zum Altar bestimmt, damit ihr dadurch Sühne (Kappara) erwirbt für eure Sünden, denn das Blut ist es, das Sühne (Kappara) erwirkt durch das Leben, das in ihm ist.“ Aus diesem Grund sagte Moses zu seinem Volk: „Du sollst kein Blut essen, denn im Blut ist die Seele des Menschen. Und das führt zur messianischen Idee der Erlösung Jesu als Opferlamm im Neuen Testament. Durch seine Kappara ist jeder, der das glaubend annimmt, vor Gott gerecht und erlöst.

Menschen beten um Vergebung (Selichot) an der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem, am frühen Morgen des 21. September 2023, vor dem Versöhnungstag oder Jom Kippur, dem wichtigsten Tag im jüdischen Kalender. Foto von Chaim Goldberg/Flash90

Aber auch im Krieg opfern Menschen ihr Leben für andere Menschen. Im Krieg wird Blut vergossen wie auf dem Altar, und allein im Jom-Kippur-Krieg vor 50 Jahren mussten 2.656 Israelis ihr Leben opfern, um das Leben des jungen Staates zu retten. Diese Kriege und dieses Blutvergießen verbinden die Menschen. Wer weiß, vielleicht ist dieses Blutvergießen in unserer Situation eine reale und derzeit einzige Möglichkeit der Versöhnung im Volk.

Eine Normalisierung mit Saudi-Arabien wird von allen im Volk gewünscht, aber die Erfahrung zeigt, dass dies keine Versöhnung unter den Brüdern und Schwestern bringt, eher das Gegenteil. Versöhnung mit den Nachbarn vielleicht, aber was ist Versöhnung mit Fremden wert, wenn Versöhnung in der Familie nicht funktioniert. In diesem Zusammenhang komme ich auf die Worte der religiösen Ministerin Orit Strook zurück: „Ich weiß nicht, ob unser Ministerpräsident mit einem Abkommen mit Saudi-Arabien zurückkehren wird, aber eines weiß ich: Wir haben ein Abkommen mit Gott über dieses Land, das schon lange besteht. Ein Abkommen, das nicht gekündigt werden kann, das alle Herausforderungen überstanden hat und uns zurück ins Land gebracht hat. Mit diesem Bund bekennen wir uns zum Bund mit Gott. Er ist der Minister der Zeitgeschichte, und zu diesem Abkommen ist Gott uns verpflichtet.“ Sie hat recht, auch wenn sie nicht meine Wahl und nicht mein Typ ist.

Juden beten am Strand von Tel Aviv im Rahmen des Tashlich, einem jüdischen Brauch, der am Nachmittag von Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, stattfindet. Dabei werden Brotstücke oder Steine in ein großes, natürliches Gewässer geworfen, um sich von den Sünden des vergangenen Jahres zu befreien und im kommenden Jahr ein besserer Mensch zu werden. Foto: Miriam Alster/Flash90

Alle wünschen sich eine echte Versöhnung im Volk, aber keiner kann wirklich den ersten Schritt auf den anderen zu machen, weder die Koalition auf die Opposition noch umgekehrt. Mit dem Sonnenuntergang am Sonntag beginnt der Jom Kippur, an dem wir alle die Versöhnung mit Gott suchen. Diese scheint mir oft leichter zu „erhalten“ zu sein als die Versöhnung unter uns Menschen, sei es in der Familie oder im Volk. So wie Gott mit uns den ersten Schritt und einen Bund gemacht hat, so müssen wir lernen, das auch mit unserem nächsten zu tun. Ich weiß, das ist nicht leicht.

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5 Antworten zu “Etwas mehr Barmherzigkeit tut uns allen gut”

  1. Jörg Rene Rodegra sagt:

    „Aus diesem Grund sagte Moses zu seinem Volk: “Du sollst kein Blut essen, denn im Blut ist die Seele des Menschen. Und das führt zur messianischen Idee der Erlösung Jesu als Opferlamm im Neuen Testament. Durch seine Kappara ist jeder, der das glaubend annimmt, vor Gott gerecht und erlöst.“

    Ist das so?

    Dieser Artikel ist wirklich sehr nachvollziehbar geschrieben worden, DANKE dafür!

    Jedoch ist Jesus, das unbefleckte und reine Lamm Gottes, der WEG die WAHRHEIT und das LEBEN!!! Gott hat IHN für uns geopfert und ER hat dabei -freiwillig- diese Aufgabe übernommen…. DAS IST DER WEG!!!!!

  2. Jörg Rene Rodegra sagt:

    …und EGAL, wer was von Jesus glaubt oder nicht glaubt, egal ob er eine Märchenfigur, der Sohn Gottes, Gott selber, freie Erfindung, ein Prophet, ein Jude oder ein Palästinenser IST, es ist EGAL!!!

    Worin sich alle einig sein können ist die Tatsache, dass die „Geschichte“, das „Märchen“, die „Sage“, die „Lüge“ oder evtl. auch die „Wahrheit“ das SELBE berichten! Jesus war ohne Sünde, ER ging freiwillig ans Holz, ER hat Gott darum gebeten, denjenigen, die IHN an das Kreuz gebracht haben, diese Sünde nicht zuzurechnen!!!!!

    DAS IST DER WEG! Wir sind alle Sünder, wir haben uns das Recht erworben zu sterben, ER hat das RECHT zur RECHTEN GOTTES zu sitzen!!!!! Weil er vergeben hat, obwohl er völlig unschuldig war!

    Wir – alle – klagen und klagen, wir richten jeder seinen Bruder und murren genau so, wie die Israeliten damals in der Wüste…. (…und ER brachte mich im Geist in eine Wüste…)
    Shalom

  3. brigit.baumann sagt:

    Aber ihr kennt doch die Thora??? Wie kommt ihr denn auf diese christliche Lehre: „Aber zu Versöhnung und Sühne gehört immer Blut, egal in welcher Hinsicht.“ Laut 3. Mose 5:11 genügt für arme Leute auch „ein zehntel Efa Kernmehl als Sühnopfer…“, da wirds ja echt interessant!

  4. spenglersilvia sagt:

    Lasst uns beten, gemeinsam Juden und Christen – Messianische Juden in Jeschuas Namen, wie ER gesagt hat. Mit heißem Herzen und ehrlichem Sinn. ER hat versprochen zu hören, und die Not ist groß. Glauben wir mir dem Herzen und jeder Körperzelle! Ihr in Jerusalem, ich auf dem Krankenlager.
    Schalom, liebe Geschwister. Der König der Juden – der Welt segne alle Beter.

  5. marie.luise.notar sagt:

    Sühne ist etwas anderes als Versöhnung.. Versöhnung ist eine definitive SAche, wo die belastende Vergangenheit erledigt ist..von beiden Seiten…normalerweise in einem längeren Prozess… Sühne dagegen bedeckt „nur“.
    PS 85..2 (85:3) der du die Missetat vormals vergeben NASA/hochheben hast deinem Volk und alle ihre Sünde bedeckt/verhüllt (Sela);
    siehe NASA in den USA, die Raumfahrtsbehörde, die ihre Raketen „hochheben“ lässt.

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