Für viele Israelis und sicherlich für Israelkritiker sind die jüdischen „Siedler“ ein Dorn im Auge, denn „Experten“ weltweit sind sich einig, gibt es wegen diesen Juden keinen Frieden im Nahen Osten. Diese militanten religiösen Fanatiker, die die Frechheit haben im biblischen Kernland leben zu wollen, verhindern die Schaffung eines palästinensischen Staates, so der Konsens.
Zumindest unter den israelischen Kritikern der religiösen Zionisten, die mit ihren oft großen, gestrickten Kopfbedeckungen und langen Schläfenlocken etwas merkwürdig aussehen, hat sich diese Meinung nun größtenteils geändert.
Interessanterweise gehörten einige der am 7. Oktober überfallenen Orte zur extrem linken Szene Israels. Diese Israelis wollten keine Fehler bei den Palästinensern sehen, aber waren voller Hass auf die Nationalreligiösen.
Caroline Glick beschreibt in einem Beitrag, wie zwei Brüder aus dem religiösen Ort Otniel etwa ein Viertel der Bewohner von Be´eri retteten, als die Hamas dort ein Massaker verübte. 14,5 Stunden lang gingen sie von Haus zu Haus, retteten Familien durch die Fenster ihrer Schutzräume, füllten ihr Fahrzeug, brachten sie in Sicherheit und kehrten immer wieder in den Kibbuz zurück, der zum Schlachtfeld geworden war.
Auf ihrer letzten Fahrt nach Be’eri, nachdem sie mehr als ein Viertel der Bewohner gerettet hatten, wurde einer der Brüder getötet, als er ein Haus betrat.
Be’eri und die umliegenden Kibbuzim wurden von eingefleischten Arbeitszionisten gegründet. Sie glaubten, dass sich das jüdische Volk durch harte Arbeit, harte Kämpfe und kollektive Landwirtschaft aus zweitausend Jahren Exil und Ohnmacht befreien, seinen Staat aufbauen und seine Freiheit für die Zukunft sichern würde. Sie strebten den Aufbau eines jüdischen sozialistischen Staates an.
Wie die Bewohner der benachbarten Kibbuzim glaubten auch die Mitglieder von Be’eri an eine Koexistenz mit den palästinensischen Arabern. Die größte Bedrohung für dieses Zusammenleben sahen sie in Menschen wie den Brüdern Kalmanzon, die religiös sind und in Judäa oder Samaria leben.
Am 7. Oktober stand die Welt dieser säkularen Israelis jedoch plötzlich auf dem Kopf, denn sie wurden von ihren geliebten Palästinensern angegriffen und von ihren verhassten Religiösen gerettet.
Nationalreligiöse in der Armee
Seit Beginn der Bodenoperation in Gaza stammen 45 % der getöteten Soldaten aus der religiösen zionistischen Gemeinschaft, deren Mitglieder nur 10 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Über 50 % der Offiziere der unteren Ebene in der Armee (Leutnant, Hauptmann, Major) sind religiöse Zionisten.
Diese Soldaten und Bürger sind besonders motiviert, für ihr Land zu kämpfen, denn der wiedergeborene Staat Israel hat eine religiöse Bedeutung und seine Verteidigung ist sowohl ein historisches Privileg als auch ein religiöser Wert.
Darüber hinaus erziehen die Angehörigen dieses Lagers ihre Kinder in der Regel nach diesen Werten, was sich an dem hohen Prozentsatz von Rekruten aus religiös-zionistischen Schulen zeigt, die sich für den Eintritt in Kampfeinheiten entscheiden.
Der überproportionale Anteil der gefallenen religiösen Soldaten spiegelt ihre überproportionale Präsenz in diesen Einheiten wider.
Der andere Grund, warum es interessant ist, die Zahl der gefallenen religiösen Zionisten zu erwähnen, ist, dass Teile dieser Gemeinschaft im Laufe der Jahre als „Messianisten“ und „Faschisten“ dämonisiert wurden.

Eine der Vorzeigeinstitutionen dieser Gemeinschaft – die Bnei David Jeschiwa – wurde besonders verteufelt. Ihr Leiter, Rabbiner Yigal Levenstein, wurde einige Wochen vor dem 7. Oktober buchstäblich aus Tel Aviv verjagt, als Demonstranten ihm zuriefen: „Geh weg, Faschist! Geh zurück in die Siedlungen; du gehörst nicht hierher!“
Fünfzehn Bnei-David-Absolventen sind bisher in diesem Krieg gefallen.
Rechtsruck der Bürger
Glick schreibt weiter: „Das Gemetzel vom 7. Oktober löste einen radikalen Wandel in der ideologischen Landschaft Israels aus. Auf der Linken wurde die Revision von den Flüchtlingen aus Be’eri und den anderen Kibbuzim angeführt, die dem eintägigen Völkermord der Hamas zum Opfer fielen und von Männern gerettet wurden, die sie als ihre größten Feinde angesehen hatten.
Dies geht aus einer Umfrage der Agentur Direct Polls hervor, über die auf Kanal 14 berichtet wurde.
Die Umfrage ergab, dass nach dem 7. Oktober 44 % der Israelis, darunter 30 % der Linken, angaben, ihre Ansichten hätten sich nach rechts verschoben. Und während die Öffentlichkeit am 6. Oktober in der Frage, ob ein palästinensischer Staat wünschenswert ist, mehr oder weniger geteilt war, glauben nach dem Massaker vom 7. Oktober nur noch 30 % der Israelis (einschließlich israelischer Araber), dass eine Einigung mit den Palästinensern möglich ist. Neunzig Prozent der Israelis (einschließlich israelischer Araber) haben „kein Vertrauen in die Palästinenser.“
Der Angriff der Hamas hat vielen Israelis gezeigt, dass die verteufelten Siedler vielleicht doch recht hatten: Man kann mit den Palästinensern keinen Frieden schließen und man muss bereit sein, sich jederzeit zu verteidigen. Die sogenannten Siedler leben seit Jahrzehnten mit dieser Einstellung, während sich die linken Progressiven in falscher Sicherheit wähnten.
Ob sich diese Einsicht bis zu den nächsten Wahlen in einer noch rechteren Regierung ausdrücken wird, ist abzuwarten, aber sicher ist bereits, dass die Nationalreligiösen nicht mehr der Sündenbock, sondern die Helden Israels sind.




