„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, lässt Goethe seinen Faust formulieren. Doch Goethe war kein Jude und Doktor Faustus auch nicht. Mir geht es hier nicht um die Frage, ob es Wunder gibt oder nicht, denn darin sind die Meinungen von Juden und Christen ziemlich ähnlich. Die einen sind wundersüchtig und die anderen wunderflüchtig. Mir geht es hier nur darum, wie die Juden das Phänomen „Wunder“ verstehen.
Grundsätzlich versteht der Jude das Wunder als außerordentliches Ereignis, in welchem der von der göttlichen Allmacht überzeugte Gläubige das sichtbare Eingreifen Gottes zu erkennen meint. Das Wunder gilt als direkte Offenbarung des göttlichen Willens, das zum Zweck der Durchführung einer Absicht Gottes in Erscheinung tritt.
Als Grundlage braucht der Wunderglaube die Erfahrung einer Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit der Natur, von der sich das Wunder als übernatürlich abhebt. Hierzu gehört der Glaube, dass Gott in strenger Trennung von der Welt existiert. Er hat die Welt aus dem Nichts erschaffen und sie mit Keimen zur Erhaltung und der Möglichkeit der Neuschaffung ausgerüstet. Bis dahin ist alles normal und zählt nicht zu den Wundern, auch wenn man alles als wunderbar bestaunen kann.
Die Bibel unterscheidet das Schaffen der Schöpfung, 1.Mose 1,1: „Am Anfang schuf (bara) Gott Himmel und Erde“ von dem gewöhnlichen assa, dem Tun und dem jazar, dem Bilden.
Dieses bara, Gottes Schöpfung, ist das Wunder aller Wunder und daher für alle späteren Religionsphilosophien unentbehrlich, weil dieses „Wunder aller Wunder“ für alle später ins Leben gerufenen Dinge bürgt, d.h. Gottes Schöpfung geht weiter. Zwar ist sie bei Gott schon ganz abgeschlossen, nur bei uns noch nicht, weil wir alles nur stückweise erkennen, was manche mit Evolution verwechseln.
Dieses immer neu ins Leben rufen, geht weiter und ist für das biblische und talmudische Bewusstsein unentbehrlich, weil dieses Offenbarungsfeld Gottes Terrain ist, der auch heute noch außerordentliche und übernatürliche Wunder tut.




