Rosch HaSchana aus jüdisch-traditioneller Sicht

Am ersten Tag des Monats Tischrei, verlässt Gott, so besagt es die Tradition, seinen Gnadenthron und nimmt seinen Richterstuhl ein.

Rosch HaSchana aus jüdisch-traditioneller Sicht
Yonatan Sindel/Flash90

Es gibt ein wunderschönes melancholisches Lied von Astar Shamir, das durch Sänger Gali Atari ziemlich populär geworden ist. Das Lied wird eingeleitet mit den Worten „das Jahr beginnt Mitte September mit einem Anstieg an Zorn und Ärger, stürmische Winde toben, der Winter tötet und erntet“. Obwohl dieser Song in einem völlig anderen Zusammenhang geschrieben wurde, bezieht er sich doch auf Rosch HaSchana und fängt die Stimmung dieses Feiertages ein. An diesem Tag im September, dem ersten Tag des Monats Tischrei, verlässt Gott, so besagt es die Tradition, seinen Gnadenthron und nimmt seinen Richterstuhl ein. Dieses Bild ist Psalm 47,6 entnommen, wo geschrieben steht: „Gott, der HERR, ist auf seinen Thron gestiegen, begleitet von Jubelrufen und dem Klang von Hörnern.“ Es heißt, vom Neujahrestag bis zu Jom Kippur richtet Gott das Volk Israel. Daher liegt vielen Juden daran, in diesen zehn Tagen spezielle Bußgebete aufzusagen, die Slichot genannt werden.

Die Bibel selbst sagt nichts darüber. Lediglich der erste Tag des siebten Monats wird als besonderer Tag hervorgehoben, wo der Klang der Schofar (in deutschen Bibeln oft als Hörner oder Posaunen bezeichnet) gehört wird. Eine Erklärung für diesen Tag gibt es nicht, was wiederum einer Erklärung bedarf. Im Judentum ist bestens bekannt, ja selbstverständlich, dass die Bibel an sich im besten Fall unerklärlich ist. Von der Annahme ausgehend, dass die Thora aus dem Himmel herab in die Hände des israelitischen Volkes gegeben worden ist (denn es heißt: „Die Gebote, die ich euch heute gebe, sind ja nicht zu schwer für euch oder unerreichbar fern. Sie sind nicht oben im Himmel…“ 5.Mo.30,11) lag es an Israels Weisen, die Information auszufüllen, die in der Bibel ausgelassen worden waren. Die fehlende Information wiederum fehlt nicht wirklich. Sie mag in den heiligen Texten nicht vorkommen, kann jedoch sehr wohl in Israels heiligen mündlichen Traditionen gefunden werden.

Behält man dies im Hinterkopf, dann führt der Gedanke, dass sich Israel die Bedeutung des Schofar-Tages erarbeiten muss, auch dazu, dass es Israels Verantwortung ist, darauf zu reagieren. Die Buße also, Schlüsselthematik dieses Tages, ist nicht Gottes Initiative, sondern Israels. Dies ist ein völlig anderes Konzept als Passah, wo Gott die volle Verantwortung für Israels Erlösung übernimmt, die immer die Konsequenz von Buße ist.

Hier wird auch die Bedeutung der Schofar ersichtlich, die in der Bibel gefunden werden kann und klar aufzeigt, dass Israels Könige während der Krönungszeremonie erst nach dem Klang der Schofar als solche anerkannt waren. Dieser Klang brachte die Menschen zum Zittern, ob nun aus Freude, Angst oder beidem. Als David seine Vertrauten aufrief, Salomo zum König zu krönen, gab er Zadok dem Priester und Nathan dem Propheten Anweisungen, ihn zum König über Israel zu salben, und zwar zum Klang der Schofar und den Rufen „Lang lebe König Salomo“. Von diesen Ereignissen leiteten die Juden ab, dass es der Klang der Schofar war, der Israel dazu brachte, Gott als ihren König zu proklamieren, als Gott herabstieg, um Mose das Gesetz zu geben.

Die jährliche Krönung Gottes als König über Israel mit dem Schall der Schofar zu Rosch HaSchana ist daher eine freiwillige Handlung seitens des Volkes Israels, im Gegensatz zu dem Ereignis am Berg Sinai, wo göttliches Eingreifen Israel keine andere Wahl ließ, als Gott als ihren König zu akzeptieren. Dies wiederum ändert Gottes Einstellung gegenüber den Menschen, die Reue zeigen, die anhand ihres eigenen freien Willens ihn bitten, ihr König zu sein und ihre Sünden zu vergeben. Daher sagen die jüdischen Gläubigen auch immer und immer wieder die 13 Eigenschaften Gottes auf, obwohl dieser auf seinem Richterstuhl sitzend wahrgenommen wird, als wollten sie ihn daran erinnern, wer er wirklich ist. Diese Eigenschaften sind: (1) und (2) Ich bin der HERR (3) Gott (4) gnädig (5) und gütig (6) langmütig (7) und groß an Freundlichkeit (8) und Wahrheit, (9) der Tausenden Gnade erweist, (10) der Ungerechtigkeit vergibt (11) und Schuld (12) und Sünde, (13) und den Schuldigen reinigt (2.Mose 34,6-7 nach dem hebräischen Text und Maimonides Aufteilung).

Nicht zuletzt war der Tag der Schofar immer der „zivile“ Neujahrestag. Passah dagegen ist wie das „religiöse“ Neujahr, aus demselben Grund, weshalb es Israel zufiel, die Bedeutung dieser Feiertage herauszufinden. Passah ist Gottes Werk. Der erste Tag des Monats Tischrei, der erste Monat des jüdischen Kalenders, ist nach jüdischer Tradition der Tag, an dem Adam geschaffen worden ist und es ihm oblag, zwischen gut und böse zu wählen. Genauso obliegt es uns zu Rosch HaSchana, erneut zwischen gut und böse zu wählen, und so über Neujahr zu einer neuen Kreatur zu werden.

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