Netanjahu wirkt verzweifelt. Das passt nicht zu ihm.

Vor den Neuwahlen in diesem Jahr haben viele das Gefühl, dass alles, was Netanjahu antreibt, Macht ist.

Noam Revkin Fenton/Flash90

Die israelische Politik hat sich in den letzten Tagen zu einer Art Zirkusvorführung entwickelt.

Wir alle wussten, dass die Vorbereitung auf die zweite Wahl in diesem Jahr besonders schlimm sein würde, aber die derzeitigen Handlungen sind absurd geworden.

Die 21. Knesset wurde bereits wenige Wochen nach ihrer Wahl aufgelöst, da Benjamin Netanjahu eine zusammengewürfelte Mehrheitskoalition, wie er es schon so oft getan hatte, diesmal nicht bilden konnte. Natürlich beschuldigte er alle außer sich selbst für dieses Versagen.

So wurde für die Wahl am 17. September bereits eine neue Kampagne gestartet. Aber der Ton war schon ziemlich anders als zur Wahl am 9. April. Obwohl Netanjahu fast alle anderen, einschließlich der bisherigen Verbündeten auf der rechten Seite des politischen Spektrums, beschuldigte, jedwede Vernunft verloren zu haben, scheint er jetzt verzweifelt zu sein, als ob er wüsste, dass entweder die israelische Öffentlichkeit es ihm nicht mehr abkauft oder dass viel zu viele einfach keine Geduld für eine weitere Wahl haben.

Und nun, nur wenige Wochen nachdem Netanjahu seine Drohung, die 21. Knesset aufzulösen falls potenzielle Koalitionspartner seine Bedingungen nicht akzeptieren, wahr gemacht hat, heißt es in den neusten Berichten, dass Netanjahu so gut wie alles daran setzt, eine zweite Wahl in diesem Jahr vermeiden zu können. Dazu gehört auch, die Macht mit denen zu teilen, die er zuvor als unwürdig für Machtpositionen bezeichnet hatte.

Vor der ersten Wahl in diesem Jahr war Netanjahus Hauptargument, dass die politische Linke Israel ruinieren würde, indem sie sich unseren Feinden ergibt, und dass er auf der rechten Seite der einzige überlebensfähige Spitzenkandidat sei. Demnach könnte man also sagen, dass jeder rechte Politiker, der nicht mit Netanjahus Agenda übereinstimmte, von seiner Kampagne sofort als „Linker“ eingestuft wurde.

Die vorgeschlagene Idee jedoch, eine zweite Wahl zu vermeiden, basiert darauf, dass eine Regierungskoalition unter dem „Blau-Weiß“-Chef Benny Gantz gebildet werden könnte, der zuvor von Netanjahu als – Sie ahnen es – „gefährlicher Linker“ verurteilt wurde.

Gantz und seine Partei stehen prinzipiell nicht gegen eine gemeinsame Regierungsbildung, würden sich aber erst anschließen, wenn der Likud Netanjahu als ihren Vorsitzenden ersetzt. Und selbst wenn dies passieren sollte (was nicht der Fall sein wird), bleibt es derzeit immer noch illegal, eine geplante Wahl abzusagen. Dazu müsste die Sommerpause der Knesset verkürzt (viel Glück, alle Abgeordneten dazu zu bewegen, die Ferien zu beenden um zu arbeiten) und eine Mehrheit von 80 Abgeordneten davon überzeugt werden, ein neues Gesetz zu verabschieden, das die Regierung ermächtigt, die Wahl absagen zu können. Mit anderen Worten, meinen die Jungs das ernst?

Laut Avigdor Liberman ist dies nicht der Fall. Er sagt, dass die alle spinnen. Trotzdem zeigt die Tatsache, dass solch ein beispielloser Vorschlag ernsthaft diskutiert und sogar zwischen rivalisierenden Parteien verhandelt wird, wie verzweifelt Netanjahu sein muss.

„Was Netanjahu heute Abend antreibt, ist nicht die Besorgnis um das Wohl der Nation, sondern pure Angst, die Macht zu verlieren“, heißt es in einer Erklärung der Liberman-Partei Israel Beiteinu, deren Weigerung, sich einer Netanjahu-Koalition zusammen mit den ultraorthodoxen Parteien anzuschließen, die Auflösung 21. Knesset wohl einläutete.

Hat Liberman recht? Ist das alles, was Netanjahu nach über einem Jahrzehnt Premierminister noch interessiert? Entscheiden werden am 17. September die Wähler, und es gibt wenig, was Netanjahu tun kann, um das zu hindern. Sicher ist, dass es nach dem Hin-und-Her der letzten Tage viel schwieriger sein wird, seine Kampagne ernst zu nehmen.

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