Liebe im Schatten des Todes: Die Geschichte von Ruth

Die Grundlage der jüdischen Geschichte ist die Erlösung; es ist die Geschichte eines Volkes, das allen Grund hatte, verbittert und zynisch zu sein. Doch es widmete sich aller Widrigkeiten zum Trotz dem Wiederaufbau und der Erneuerung.

| Themen: Bibel
Foto: Yossi Zamir/FLASH90

(JNS) Das ganze Leben ist eine Fußnote zu Liebe und Tod. Diese beiden Pole der Existenz überschatten alles andere; die Liebe erschafft Leben und der Tod nimmt es weg. Das füllt unser Leben mit Freude und Leid in einer schieren Endlosschleife.

Am einfachsten ist es, Liebe und Tod getrennt voneinander zu betrachten, als zwei sehr unterschiedliche Kapitel des Lebens; und gefühlsmäßig liegen zwischen ihnen Welten. Die Halacha spiegelt diesen Instinkt wider und behandelt Trauer und Feiern als unvereinbare Gegensätze. Trauernde nehmen nicht an Feiern und Festen teil, und die Freude an den Feiertagen beendet die Schiwa (Trauerzeit). Das Herz kann nicht gleichzeitig Freude und Trauer beherbergen, denn sowohl die Liebe als auch der Tod lösen intensive, allumfassende Gefühle aus.

Die Liebe ist berauschend. Schir Haschirim, das Hohelied der Liebe, schildert die außergewöhnliche Kraft der Liebe durch die Darstellung von Paaren, die „liebeskrank“ sind und nicht in der Lage, rational zu handeln. Und diese Realität wiederholt sich in der Geschichte immer wieder. Als Jakob sich in Rahel verliebt, zahlt er dramatisch viel zu viel für ihre Mitgift und bietet ihr an, sieben Jahre lang zu arbeiten, um sie ehelichen zu dürfen. Trotzdem bildet sich Jakob ein, er sei derjenige, der ein Schnäppchen macht, weil er so sehr in Rahel verliebt ist. Die sieben Jahre scheinen ein geringer Preis für Rahel zu sein. Jakob ist von der Liebe geblendet.

William Blake fängt diese geistlose Blindheit in einem kurzen Gedicht ein: „Liebe ist immer blind für Fehler, ist immer der Freude zugeneigt, gesetzlos, beflügelt und unbeherrscht, und sprengt alle Fesseln von jedem Geist.“ Die Liebe bringt bemerkenswerte Träume hervor, die in alle Richtungen fliegen; mit der Liebe scheint nichts unmöglich. Die Liebenden vergessen die Realität und leben in ihrem eigenen Zwei-Personen-Universum, so wie Adam und Eva im Garten Eden.

Der Tod bringt eine ganz eigene Blindheit mit sich. Als König Salomo das Buch Kohelet – Prediger – schreibt, beginnt er mit einer Klage über die Sinnlosigkeit des Lebens. Raschi drückt es so aus: „Der Autor des Kohelet klagt über die sieben Tage der Schöpfung, dass [die Welt] nur eine Eitelkeit der Eitelkeiten ist“. Der Tod, die Frage ohne Antwort, verwirrt ihn. Welchen Sinn hat das Leben, fragt Kohelet, wenn der Gerechte dasselbe Ende findet wie der Böse und der Weise dasselbe Schicksal erleidet wie ein Tier? (Der bittere, skeptische Ton von Kohelet scheint im Tanach fehl am Platz zu sein. Manchmal frage ich mich, ob der Prediger uns mit unserer eigenen Bitterkeit und unserem Zynismus konfrontieren will, damit wir erkennen, dass die Hoffnung ohne den Glauben zerfällt).

Wenn man dem Tod ins Auge blickt, verflüchtigen sich Optimismus und Freude schnell. Franz Rosenzweig stellt fest, dass das Leben im Schatten des Todes steht und „alles Sterbliche in der Furcht vor dem Tod lebt … jedes Neugeborene wartet mit Furcht und Zittern auf den Tag seines Übergangs in die Dunkelheit … jede neue Geburt vervielfacht die Furcht … denn sie vervielfacht das Sterbliche.“ Wenn man das Reich des Todes betritt, kommt ein kalter Zynismus auf, der jede Erfahrung von Freude erstickt.

Die Poesie von Schir Hashirim und die bissige Philosophie von Kohelet hätten jeweils ein eigenes Buch verdient. Sie erforschen getreu die Erfahrungen von Leidenschaft und Verzweiflung. Und weil die Gefühle von Freude und Trauer Gegensätze sind, nehmen wir an, dass die Erfahrungen von Liebe und Tod völlig unvereinbar sind. Aber das sind sie nicht.

Ein drittes biblisches Buch, das Buch Ruth, bringt Tod und Liebe zusammen. Darin zieht eine Familie von Israel nach Moab, wo die Söhne sich moabitische Frauen nehmen. Kurz darauf wird diese Familie vom Tod heimgesucht: Der Vater und seine beiden Söhne sterben in jungen Jahren. Allein und verarmt kehrt eine der Ehefrauen der Söhne, Ruth, mit ihrer geliebten Schwiegermutter Naomi nach Israel zurück und verlässt ihre Heimat, um bei ihr zu bleiben. Ruth bleibt trotz Diskriminierung und Verzweiflung hartnäckig und beharrt darauf, das Erbe der Familie ihres Mannes fortzuführen, was ihr schließlich auch gelingt. Sie heiratet einen Verwandten ihres Mannes, Boas, und die Familie lebt weiter: Ihr Urenkel ist König David.

Das Buch Ruth ist nicht nur ein Buch über Liebe und Tod; es ist ein Buch über eine andere Art von Liebe, Liebe im Schatten des Todes. Nach den Tragödien der Familie verfällt Naomi in Zynismus; sie schlägt sogar vor, sich selbst in „verbittert“ umzubenennen. Ruth verweigert sich diesem Weg; sie kämpft mit dem Engel des Todes. Ruth lehrt uns, wie wir im Tal des Todesschattens nach Erlösung suchen können.

Das hebräische Wort für „Erlösung“, ga’al, kommt im Buch Ruth mehrfach vor, denn es ist ein Buch über Erlösungen, große und kleine. Indem sie wieder heiratet und Naomi Enkelkinder schenkt, erlöst Ruth eine einst zerrüttete Familie und baut sie wieder auf. Und später wird ihr Nachkomme, König David, das eigentliche Symbol der messianischen Erlösung sein und die Erlösung für das ganze Volk bringen.

Normalerweise löscht der Tod das Leben aus und vernichtet alles, was die Liebe aufgebaut hat. Aber in der Erlösung ist es die Liebe, die das letzte Wort hat und in einem kosmischen Ringkampf immer einen Schritt voraus ist. Wenn man nach einer Tragödie weiter liebt, wenn man sein zerbrochenes Herz mutig in den Wiederaufbau einer zerbrochenen Welt steckt, hat man die ersten Schritte auf dem Weg zur Erlösung getan.

Die Grundlage der jüdischen Geschichte ist die Erlösung; es ist die Geschichte eines Volkes, das, obwohl es allen Grund hatte, verbittert und zynisch zu sein, alle Kräfte in den Aufbau und die Erneuerung steckte. Dies wurde nie deutlicher als im vergangenen Jahrhundert. Nach der Vernichtung durch den Holocaust wäre es für die Juden sinnvoll gewesen, aufzugeben. Stattdessen haben sie nach dem Beispiel von Ruth den Staat Israel aufgebaut, ein modernes Wunder der Erlösung.

Im Mai schloss ich mich zusammen mit fast 500 Schülern und Lehrern der amerikanischen Ramaz-Schule einer Reise nach Israel an. Israel ist voll von großen und kleinen Erlösungsgeschichten. In Tel-a-Saki – dem Schauplatz einer der heftigsten Schlachten des Jom-Kippur-Krieges – wurde uns vom Heldentum der Soldaten erzählt, die dort kämpften. Drei Panzer unter dem Kommando von Yoav Yakir hielten Hunderte von syrischen Panzern fast zwei Tage lang auf und verschafften der Armee wertvolle Zeit, um ihre Verteidigungsanlagen auf den Golanhöhen zu verstärken. Selbst als klar wurde, dass sie nicht mehr in der Lage waren, die Syrer aufzuhalten, entschied sich Yoav, so lange wie möglich zu kämpfen und fiel im Kampf.

Nach dem Krieg bekam ein Mitglied von Yoavs Einheit, Yitzchak Nagarker, einen kleinen Jungen (Yitzchak ist selbst ein Kriegsheld mit einer eigenen unglaublichen Geschichte von Mut). Bei der Brit lud Yitzchak Yoavs Vater ein, der Sandak zu sein, und nannte seinen Erstgeborenen Yoav, zu Ehren seines gefallenen Kameraden. „Die Liebe ist so stark wie der Tod“ und ist das eigentliche Instrument der Erlösung, und Yoavs Vermächtnis lebt in Yitzchaks Sohn weiter.

Unsere Gruppe betete am Freitagabend an der Kotel (Klagemauer), nur einen Tag vor dem Jom Jeruschalajim, dem Jerusalem-Tag. In den Hunderten von Jahren des Exils hat die Leidenschaft des jüdischen Volkes für Jerusalem nie nachgelassen. Es träumte weiterhin von diesem Ort und verkündete Le Schana Habaa Ba Jeruschalajim, „nächstes Jahr in Jerusalem“. Am 7. Juni 1967 ging dieser Traum zum ersten Mal seit 1900 Jahren in Erfüllung. Eine israelische Flagge wurde über der Kotel gehisst. Mit Tränen in den Augen waren die Exilanten nach Zion zurückgekehrt. Die Kotel ist das ultimative Denkmal der Erlösung, und ihre Steine flüstern: „Am Yisrael Chai“, das jüdische Volk lebt weiter.

Nach dem Gottesdienst am Freitagabend versammelten sich die Ramaz-Schüler auf dem Platz und warteten darauf, gemeinsam zum Schabbat-Essen zu gehen. Dann geschah etwas Bemerkenswertes. Sie versammelten sich in einem großen Kreis und sangen eine halbe Stunde lang jüdische Lieder; andere Besucher kamen herbei, um diesen inspirierenden Moment zu beobachten. In jenem Moment machten die Schülerinnen und Schüler das Vermächtnis von Ruth zu ihrem eigenen. Sie sangen das Lied der Erlösung und setzten damit eine unsterbliche Liebesgeschichte fort, die Tausende von Jahren überdauert hat.

 

Rabbiner Chaim Steinmetz ist der leitende Rabbiner der Gemeinde Kehilath Jeshurun in New York.

Dieser Artikel wurde ursprünglich vom Jewish Journal veröffentlicht.

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