Der Beschluss einer sächsischen Stadt, künftig keine weiteren Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus zuzulassen, hat in Deutschland und Israel deutliche Reaktionen hervorgerufen. Der Stadtrat von Heidenau, südöstlich von Dresden, stimmte am Donnerstagabend für einen Antrag, nach dem im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich keine neuen Stolpersteine mehr verlegt werden sollen. 13 Stadträte votierten dafür, sechs dagegen, ein Mitglied enthielt sich.
Der Antrag war von Stadträten der AfD, der CDU und der Bürgerinitiative Oberelbe eingebracht worden. Die Initiatoren sprechen sich dabei ausdrücklich nicht gegen das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus aus, sondern gegen die bisherige Form der Erinnerung durch in Gehwege eingelassene Stolpersteine. Stattdessen soll vorzugsweise auf dem Nordfriedhof von Heidenau eine zentrale Gedenkfläche geschaffen oder erweitert werden.
Zur Begründung heißt es in dem Antrag, dass die im Boden eingelassenen Gedenksteine von Passanten betreten würden. Zahlreiche Bürger, Angehörige und Gedenkinitiativen empfänden dies nach Darstellung der Antragsteller als nicht angemessen für ein würdevolles Erinnern. An einem zentralen Gedenkort solle dagegen sichergestellt werden, dass ein direktes Betreten der Gedenkelemente ausgeschlossen sei.
Die Stadtverwaltung selbst hatte sich gegen diesen Teil des Antrags ausgesprochen. Ein zentraler Gedenkort auf dem Nordfriedhof könne zwar eine „eigenständige und würdige Erinnerungsfunktion“ erfüllen, hieß es in der offiziellen Beschlussvorlage. Er könne die Gedenkorte an den früheren Wohn- oder Wirkungsstätten der Opfer jedoch nicht gleichwertig ersetzen. Die Verwaltung empfahl deshalb, weiterhin im Einzelfall über die Verlegung neuer Stolpersteine zu entscheiden.
In Heidenau befinden sich bislang Stolpersteine an zwei Standorten. 2021 wurde ein Stein für den früheren Bürgermeister Paul Gröger verlegt, 2023 folgten Stolpersteine für die jüdische Kaufmannsfamilie Reiner. Im vergangenen Jahr war die Verlegung von sieben weiteren Stolpersteinen beantragt worden.
Besonders deutlich reagierte Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor. „Ich bin beschämt“, erklärte er nach Bekanntwerden des Beschlusses. Prosor verwies darauf, dass in Berlin Stolpersteine an Mitglieder seiner eigenen Familie erinnern – an assimilierte deutsche Juden, die Deutschland wegen der Nationalsozialisten verlassen mussten.
Ich bin beschämt.
In Berlin erinnern Stolpersteine an Mitglieder meiner eigenen Familie. Stolze, assimilierte und erfolgreiche Deutsche, die wegen der Nazis ihr Land verlassen mussten.
Und im Deutschland des Jahres 2026 beschließt ein Stadtrat, keine neuen Stolpersteine mehr… pic.twitter.com/eQqbhLoEeM
— Ambassador Ron Prosor (@Ron_Prosor) September 25, 2026
„Und im Deutschland des Jahres 2026 beschließt ein Stadtrat, keine neuen Stolpersteine mehr zuzulassen“, schrieb der Botschafter. Jeder Mensch habe einen Namen, eine Welt und eine Geschichte. „Wer die Opfer aus der Vergangenheit löscht, löscht die Vergangenheit selbst.“ Deutschland brauche eine klare Brandmauer gegen Antisemitismus „von rechts, von links und aus islamistischen Kreisen“.
Kritik kam auch aus der CDU selbst. Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnete den Beschluss als „Skandal“. Stolpersteine im öffentlichen Raum machten das vernichtete jüdische Leben sichtbar und erinnerten daran, dass Juden vor ihrer Verfolgung und Ermordung selbstverständlich zum Leben deutscher Städte und Gemeinden gehört hätten. Wer solche Erinnerungsorte auf Friedhöfe verlagere, mache Juden „noch einmal unsichtbar“, sagte Prien.
Auch Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, kritisierte die Entscheidung. Orte der Erinnerung aus dem Stadtbild zu entfernen, sei der „völlig falsche Weg“. Zugleich zeigte sie sich darüber entsetzt, dass CDU-Vertreter den Antrag gemeinsam mit der AfD unterstützt hatten.
Das Internationale Auschwitz Komitee hatte bereits vor der Abstimmung scharf gegen den Antrag protestiert. Dessen Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner erklärte, Stolpersteine seien eine „tägliche Nachricht“ und erinnerten daran, „was in Deutschland nie mehr geschehen darf“. Das Komitee kritisierte insbesondere die geplante Verlagerung des Gedenkens aus dem alltäglichen Stadtbild auf einen Friedhof.
Die Stolpersteine gehen auf den deutschen Künstler Gunter Demnig zurück. Die kleinen Betonsteine mit Messingtafeln werden in der Regel vor dem letzten freiwillig gewählten Wohn- oder Wirkungsort von Menschen verlegt, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt wurden. Name und Lebensdaten sollen den Opfern ihre individuelle Identität zurückgeben und die Erinnerung dort sichtbar machen, wo sie einst Teil des gesellschaftlichen Lebens waren. Mittlerweile wurden weit über 100.000 Stolpersteine in Deutschland und zahlreichen anderen europäischen Ländern verlegt.

Die Form des Gedenkens ist allerdings nicht überall unumstritten. Kritiker wenden seit Jahren ein, dass es unwürdig sei, die Namen der Opfer in den Boden einzulassen und damit dem Betreten auszusetzen. Auch München lässt auf öffentlichem Grund keine Stolpersteine zu und setzt stattdessen auf Wandtafeln und Stelen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bezeichnet Stolpersteine dagegen als eine „sehr gute und würdige Art des Gedenkens“, weil sie Menschen im Alltag unmittelbar mit den Schicksalen der Verfolgten konfrontierten.
In Heidenau bleiben die bereits vorhandenen Stolpersteine bestehen. Der Beschluss betrifft künftige Verlegungen. Wie die geplante zentrale Gedenkfläche auf dem Nordfriedhof konkret gestaltet werden soll, ist bislang noch offen.




