Eindrücke vom Jom Kippur

von Eliane Müller

Unsere Praktikantin Eliane lässt uns an ihren Eindrücken vom Jom Kippur teilhaben, der von dem Anschlag in Halle überschattet wurde.

Jom Kippur in Jerusalem
Leere Straßen am Jom Kippur in Jerusalem Foto: Yonatan Sindel/Flash90

Am Mittwoch war Jom Kippur, der heiligste Tag für die Juden, und es war ein Erlebnis für mich, diesen Tag in Israel erleben zu dürfen. Dieser Tag ist etwas ganz besonderes — eine komplette Pause vom Alltag — und das im ganzen Land.

Die Tage bzw. Feiertage fangen im Judentum mit dem Sonnenuntergang am Abend an. So konnte man schon am Dienstag viele Vorbereitungen merken. Alles wurde langsamer, die Menschen erledigten noch die letzten Dinge, und viele, wie auch wir bei Israel Heute, hatten schon am Dienstag frei.

Am Dienstagnachmittag wurden zu dem Feiertag nicht nur die Grenzen, sondern auch der Luftraum Israels geschlossen. Später wurden auch Straßensperren aufgestellt, das konnte ich von meinem Fenster aus bei uns sogar beobachten. Alles kam zum Stillstand.

Zu Jom Kippur wird einen ganzen Tag lang gefastet. Nichts getrunken und nichts gegessen. Außerdem waschen sich Juden nicht, tragen keinen Schmuck oder Make-up oder Lederschuhe. Dieser Tag ist also kein fröhlicher und unbeschwerter Feiertag, wie ich es an Rosch HaSchana zum Beispiel erleben konnte, sondern ein ernster, jedoch nicht unbedingt negativer Tag, wie ich erfahren durfte.

Am Dienstagabend wurde ich von meinen Mitbewohnerinnen (beide Israelis) zum letzten Abendessen vor Beginn des Fastens eingeladen. Der Tisch war voll gedeckt mit Suppe, Kartoffelauflauf, Knoblauchbrot, Salaten und natürlich selbstgemachte Tahini.

Ich saß neben dem Freund einer meiner Mitbewohnerinnen, mit dem ich ein ganz interessantes Gespräch führte.

„Jom Kippur ist mein Lieblingsfeiertag“, sagte er. Erstaunt musterte ich ihn und konnte mir nicht vorstellen, dass er den Satz wirklich ernst meinte. Ich habe schon einige Jahre Erfahrung mit Jom Kippur und weiß, dass das Fasten zwar möglich, aber nicht unbedingt erfreulich ist. Doch er meinte es tatsächlich ernst. „An diesem Tag muss man nicht so tun als ob“, erklärte er.

Was er damit meinte war, dass dieser Tag in der Hinsicht anders ist, dass in Israel nichts anderes möglich ist, als den Feiertag irgendwie zu halten. Man kommt zur Ruhe und hat mal eine Pause vom Alltag.

Er verglich diesen Tag mit dem kommenden Feiertag Simchat Torah (übersetzt „Freude der Torah“). Wie der Name schon sagt, ist dies ein fröhliches Fest, und er fühlt sich oft gezwungen, so zu tun als ob er überaus glücklich sei, obwohl sein Leben sich nicht ganz so anfühlt, oder sich Mühe zu geben, in Stimmung zu kommen.

Ich fand, damit hatte er ganz interessante Ansätze, auch wenn das natürlich nur für die Menschen hier in Israel gilt. Wenn ich und meine Familie, sowie andere Juden in Deutschland Jom Kippur feiern, geht der Alltag im Land irgendwie doch weiter, und auch an diesem Feiertag ist es schwer, in die richtige Stimmung zu kommen. Doch als ich Jom Kippur hier verbrachte, merkte ich, was er meinte.

Ich wohne an einer Hauptstraße, an der sonst immer viel los ist. Die hupenden Autos sind selbst mit geschlossenen Fenstern und Türen immer noch nicht zu überhören. Als ich am Mittwochmorgen aufwachte, war alles ungewohnt ruhig. Ab und zu lief mal jemand mit einem Hund vorbei, oder Paare und Familien, die einen ruhigen Spaziergang unternahmen.

Doch so idyllisch das auch klingt, die Ruhe blieb nicht lange. Irgendwann hörte ich immer mehr Kinder, die es ausnutzten, dass die Straßen leer und abgesperrt waren. Alle Nachbarskinder trafen sich auf der Straße und spielten Ball oder fuhren mit ihren Fahrrädern oder Rollern umher.

Während Jom Kippur hier friedlich verlief, obwohl es vorher einige Sicherheitsbedenken und Angst vor Angriffen oder Terroranschlägen an diesem Tag gab, sah das in Deutschland etwas anders aus. Mich erschütterte die Nachricht des Terroranschlags bei der Synagoge in Halle, gerade an diesem besonderen Tag und er dämpfte etwas die Freude, nach einem ganzen Tag des Fastens wieder etwas essen zu können. Ich hatte Nachrichten meiner Freundin Madita bekommen, die ganz in der Nähe vom Ort des Geschehens wohnt. Zum Glück hatte sie noch eine Veranstaltung an ihrer Uni, sonst wäre sie zu dem Zeitpunkt vor Ort gewesen. Aus Sicherheitsgründen durfte sie die Uni bis zum Abend nicht verlassen. Ich war froh und erleichtert, als am Abend die Nachricht kam, dass sie wieder heil in ihrer Wohnung war.

Diese Nachricht und das Wunder, dass der Terrorist nicht in die Synagoge kam und die 80 jüdischen Beter in der Synagoge in Sicherheit waren, sorgte, als ich dann auch endlich wieder etwas essen konnte, trotz der natürlich traurigen und erschütternden Nachrichten zu einem recht gelungenen Abschluss des Festes, das auch immer wieder ein Neubeginn mit Gott ist.

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